Magenbakterium Menschen tragen seit 60.000 Jahren blinden Passagier im Bauch

Als die ersten modernen Menschen von Ostafrika aus die Welt besiedelten, waren viele von ihnen schon mit dem Magenbakterium Helicobacter pylori infiziert. Wie der Geschwüre auslösende Keim die Menschen seither begleitet hat, zeigen neue Genanalysen.


Mark Achtman und seine Kollegen besitzen kein einziges Bakterium aus der Zeit vor 60.000 Jahren. Trotzdem haben sie dank moderner Gentechnik Erstaunliches über Helicobacter pylori herausfinden können: Die Keime verursachen Magengeschwüre. Und das taten sie schon zu jenen Zeiten, als der moderne Mensch von Ostafrika aus die Erde eroberten.

Das Magenbakterium Helicobacter pylori: Mit dem Menschen um die Welt
DPA/ Max-Planck-Institut für Infektionsbiologie

Das Magenbakterium Helicobacter pylori: Mit dem Menschen um die Welt

Das internationale Forscherteam verglich die Erbinformationen von über 500 Proben des Bakteriums Helicobacter pylori aus Europa, Afrika und Asien und rechnete deren weltweite Ausbreitung mit Computermodellen zurück. "Wir haben ausschließlich Bakterien aus den letzten Jahren isoliert und untersucht", sagte Achtman, der am Berliner Max-Planck-Institut für Infektionsbiologie arbeitet, zu mit SPIEGEL ONLINE.

Die Forscher stellten fest, dass die untersuchten Bakterienstämme einen gemeinsamen Ursprung haben, der sich zeitlich und örtlich mit der Wiege des modernen Menschen vor rund 60.000 Jahren in Ostafrika deckt. "Wir sind davon ausgegangen, dass die Theorien zur Migration des Menschen stimmen", erklärte Achtman. Man habe daraufhin erstaunliche Parallelen beim Bakterium Helicobacter pylori gefunden. "Wir schließen daraus, dass die Bakterien den Menschen begleitet haben."

Die Ausbreitung des Magenbakteriums und die des modernen Menschen verliefen parallel zueinander, schreiben die Forscher im Wissenschaftsmagazin "Nature". Achtman geht deshalb davon aus, dass bereits die ersten modernen Menschen mit dem Bakterium im Bauch lebten.

Wege von Helicobacter pylori: Mit zunehmender Entfernung zu Ostafrika nimmt die genetische Vielfalt ab
Mark Achtman

Wege von Helicobacter pylori: Mit zunehmender Entfernung zu Ostafrika nimmt die genetische Vielfalt ab

In den genetischen Unterschieden der Helicobacter-pylori-Stämme spiegeln sich auch kleinräumigere Wanderbewegungen wider, wie etwa jene der jungsteinzeitlichen Kulturen in Europa. Die neuen Erkenntnisse zur Ausbreitung des Magenbakteriums könnten daher helfen, weniger bekannte Wanderbewegungen der Menschen besser zu verstehen.

Wie heute bekannt ist, produziert Helicobacter pylori Ammoniak, womit es die Magensäure neutralisieren und in der Magenschleimhaut überleben kann. Mehr als die Hälfte aller Menschen weltweit sind mit dem Bakterium infiziert. Eine Infektion ist die Hauptursache für drei von vier Magengeschwüren - für die Erforschung dieses Zusammenhangs erhielten zwei australische Gastrologen 2005 den Medizin-Nobelpreis.

hda/ddp



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