Abgeschossene Malaysia-Airlines-Maschine MH17 Warum flog der Pilot durch ein Kriegsgebiet?

Hätte der Pilot der Malaysia-Airlines-Maschine einen anderen Kurs einschlagen müssen? Jetzt steht fest: Er war nur knapp über einem gesperrten Luftraum unterwegs.
Von Christoph Seidler und Rainer Leurs
Flug MH17 beim Start in Amsterdam: "Man denkt nicht darüber nach, eine andere Route zu wählen"

Flug MH17 beim Start in Amsterdam: "Man denkt nicht darüber nach, eine andere Route zu wählen"

Foto: Fred Neeleman/ dpa

Der Unglücksflug MH17 war nur knapp über einem gesperrten Luftraum unterwegs. Nach Angaben der europäischen Luftraumüberwachung Eurocontrol hatten die ukrainischen Behörden in der Flugkontrollregion Dnipropetrowsk einen Teil der sogenannten Flugflächen aus Sicherheitsgründen gesperrt.

Eurocontrol ist für den ukrainischen Luftraum mit zuständig, nicht aber für den russischen. Nach Angaben der Organisation durfte in der Region der Bereich vom Boden bis zur Flugfläche 320, also bis in etwa 9700 Meter Höhe, nicht durchflogen werden. Die Malaysia-Airlines-Maschine sei auf Flugfläche 330 unterwegs gewesen - also nur etwa 300 Meter über dem gesperrten Bereich.

Nach Angaben von Malaysia Airlines hatte die Crew bei der ukrainischen Flugsicherung ursprünglich eine Flughöhe von etwa 10.700 Metern angemeldet, dies sei von den Lotsen allerdings abgelehnt worden. Stattdessen habe MH17 auf etwa 10.000 Metern Höhe die Region durchquert.

Offenbar bemühte sich der Kapitän der Maschine also um etwas mehr Distanz zum gesperrten Luftraum - dennoch dürfte sein Verhalten für Diskussionen sorgen. Auch wenn die Maschine längst nicht als einzige auf der Route unterwegs war, die unter Kapitänen als eine der Standardstrecken von Europa nach Asien gilt. War ihre Benutzung womöglich ein Risiko? Hätte die Cockpit-Crew die Region umfliegen - und damit eine längere Reisezeit und einen höheren Spritverbrauch in Kauf nehmen müssen?

"Sie hätten dort nicht einmal in der Nähe sein sollen"

Geoff Dell, ein Luftsicherheitsexperte an der australischen Central Queensland University, sieht die Sache so: "Es ist völlig klar, dass sie dort noch nicht einmal in der Nähe hätten sein sollen." Bei Sicherheitsgefahren wie einem Bürgerkrieg müsse eine Fluggesellschaft ihre Flugpläne ändern. "Natürlich kostet das etwas, weil man weiter fliegen muss."

Ähnlich kritisch äußerte sich Chesley Sullenberger, jener Flugkapitän, der 2009 mit einer gelungenen Notwasserung auf dem Hudson River Furore gemacht hatte. Dem US-Sender CBS sagte er, es sei "eine der großen Fragen" , warum ein Passagierflugzeug überhaupt in der Region unterwegs war. Für US-Gesellschaften gebe es bereits seit längerer Zeit ein Überflugverbot durch die Luftfahrtbehörde FAA. "Die Entscheidung, welches Risiko man bereit ist einzugehen, liegt bei den einzelnen Staaten und den einzelnen Airlines."

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Absturz von Malaysia Airlines MH17: Trümmer, Opfer, Folgen

Foto: MAXIM ZMEYEV/ REUTERS

Dennoch steht auch die Crew in der Verantwortung. "Der Pilot einer Maschine ist verantwortlich für die Sicherheit an Bord", sagt Nico Voorbach, Chef des Pilotendachverbands European Cockpit Association im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE. Das heißt, ein Abweichen von der vorgesehenen Flugroute sei, wenn nötig, kein Problem - zum Beispiel bei Gewittern. Doch im Fall von Flug MH17 habe es dafür aus seiner Sicht keinen Grund gegeben, sagt Voorbach, der bei der Fluggesellschaft KLM auf Boeing 777 unterwegs ist. "Wenn es eine Sperrung des unteren Luftraums gibt, dann gehe ich als Pilot davon aus, dass auch ein Sicherheitspuffer eingerechnet ist - und ich die Flugflächen darüber ohne Probleme nutzen kann", sagt Voorbach. "Man denkt überhaupt nicht darüber nach, eine andere Route zu wählen."

Airline-Manager: Kein Grund, die Region zu meiden

Ähnlich äußerte sich auch ein Manager von Malaysia Airlines anonym gegenüber Reuters. Die Besatzung des Unglücksflugzeugs habe alle Sicherheitsregeln beachtet. Es habe keinen Grund gegeben, die betreffende Region zu meiden. Man fliege schließlich auch über Konfliktgebiete wie Afghanistan. Auch dort gibt es Sperrzonen für die niedrigeren Flugflächen. Der malaysische Transportminister Liow Tiong Lai erklärte, die ICAO habe die Route genehmigt.

Und genau das macht Chris Yates wütend, den Chef der Londoner Luftsicherheitsberatungsfirma Yates Consulting. Im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE kritisiert er: "Die ICAO und Eurocontrol hätten verhindern müssen, dass Flugzeuge in der Nähe eines Konfliktgebiets unterwegs sind." Die Organisationen hätten es sich vor allem zur Aufgabe gemacht, den Luftverkehr zu erleichtern - und würden sich erst in zweiter Linie um die Sicherheit kümmern. "Ich fürchte, dass wir auf einem Weg sind, auf dem die Sicherheit gefährdet ist."

Tatsächlich hatte der oberste Nato-Militär, US-General Philip Breedlove, bereits Ende Juni über Erkenntnisse berichtet, wonach die Separatisten in der Region über leistungsstarke mobile Flugabwehrsysteme verfügen.

Auch der ehemalige Generalmajor der niederländischen Marine, Kees Homan, griff die Luftverkehrsbehörden an. "Da schon bekannt war, dass prorussische Separatisten in der Ostukraine über Boden-Luft-Raketen verfügen, ist es befremdend, dass der Luftraum nicht zum verbotenen Gebiet erklärt wurde", zitierte ihn die Nachrichtenagentur ANP. Es sei kein Geheimnis, dass Kriegsparteien in aller Welt über solche Waffen verfügten.

Auch Lufthansa flog im Krisengebiet

Auswertungen von Fluginformationsdaten des sogenannten ADS-B-Systems aus den vergangenen Tagen zeigen aber auch: Manche Fluggesellschaften hielten ihre Maschinen schon seit längerem von der Ukraine fern. Nach eigenen Angaben waren das zum Beispiel Qantas, Asiana oder Korean Air. Andere Airlines hingegen ließen ihre Flugzeuge noch in den vergangenen sieben Tagen regelmäßig über die Krisenregion Donezk fliegen - darunter auch die deutsche Lufthansa.

Grafik: Auf diesen Routen waren Maschinen großer Airlines in den vergangenen sieben Tagen unterwegs. Einige flogen durch die Ukraine, andere mieden das Gebiet (Quelle: flightradar24.com)

Grafik: Auf diesen Routen waren Maschinen großer Airlines in den vergangenen sieben Tagen unterwegs. Einige flogen durch die Ukraine, andere mieden das Gebiet (Quelle: flightradar24.com)

Foto: SPIEGEL ONLINE

Dass der Luftraum in dem Gebiet keineswegs gemieden wurde, zeigt die Tatsache, dass laut "Flightradar24.com" zum Zeitpunkt des Absturzes zwei weitere große Passagierflugzeuge in unmittelbarer Nähe von MH17 unterwegs waren - eine Boeing 777 der Singapore Airlines sowie eine Boeing 787 der Air India. Beide Maschinen waren nur etwa 25 Kilometer entfernt.

Nach dem Absturz von Flug MH17 sperrten die ukrainischen Behörden den Luftraum der Ostukraine nach Angaben von Eurocontrol komplett. Alle geplanten Flugpläne über das Gebiet würden bis auf weiteres von Eurocontrol abgewiesen, erklärte die Behörde. Fluggesellschaften haben ihre Routenplanungen angepasst.

Doch kommt dieser Schritt nun zu spät? Nach dem russischen Einmarsch auf der Krim im Frühjahr hatte es im April Warnungen für Flugkapitäne gegeben - von der Europäischen Flugsischerheitsbehörde EASA , der Zivilluftfahrtorganisation ICAO und Eurocontrol. Auch die US-Luftfahrtbehörden in den USA und Großbritannien hatten entsprechende Informationen  veröffentlicht - allerdings nur für die Schwarzmeerhalbinsel, das Asowsche Meer und das Schwarze Meer und nicht für die Ostukraine.

Weil Ukrainer und Russen jeweils die Kontrolle des Luftraums der Region Simferopol für sich beanspruchten, könne es zu Sicherheitsproblemen kommen. Die sogenannten Notice to Airmen (NOTAMs) enthielten keine Warnungen vor Boden-Luft-Raketen. "Das war ein Konflikt am Boden", sagt Pilot Voorbach. Niemand habe geglaubt, dass es für hoch fliegende Maschinen eine Gefahr durch Raketen gebe. Das war, wie es nun aussieht, eine Fehleinschätzung. "Im Nachhinein ist es immer einfach zu sagen: Das hätte man besser nicht gemacht", sagt Jörg Handwerg, Sprecher der Pilotenvereinigung Cockpit.

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