Malerei Die Kunst des Fälschens

Wer wertvolle Bilder nachmachen will, muss nicht nur malen können, sondern auch Kunstexperten überlisten. Die spüren mit immer raffinierteren Hightechmethoden Plagiaten nach - mit durchschlagendem Erfolg, denn laut Schätzungen sind 40 Prozent aller älteren Kunstwerke Fälschungen.

Von Dela Kienle


Wie man sich einen Impressionisten backt? "Kein Problem", sagt Edgar Mrugalla. Einfach Hühnereiweiß und Leinöl auf das frisch gemalte Gemälde pinseln. Dann rein in die Backröhre bei 40 Grad. Jeden Tag fünf bis zehn Grad höher schrauben, "schön langsam, sonst kriegste Blasen in der Farbe".

Und wenn das Bild auf 150 Grad gebrutzelt hat, muss es noch eine Nacht ins Eisfach. Dann ziehen sich feinste Risse über die Leinwand. Wie Ölgemälde eben aussehen, wenn sie Jahrhunderte alt sind – oder wenn sie von einem Meisterfälscher gemacht wurden. Von einem wie Mrugalla.

Die Gefriertruhe hatte Mrugalla extra umrüsten lassen: Auf minus 35 Grad musste sie kommen für den künstlerisch wertvollen Kälteschock. Jetzt steht sie staubig in der Ecke. Neben ihr eine alte Druckerpresse, darunter und darüber Papierrollen, Pinsel in Marmeladengläsern, Kupferplatten – Chaos. Die Atelierscheune im Schleswig-Holsteinischen hat keine Fenster, nur grelle Neonröhren, zum Schuften bei Tag und Nacht. Denn genau das hatte Edgar Mrugalla, auch "König der Kunstfälscher" genannt, bis zu seiner Verhaftung Ende der 80er Jahre getan: Mindestens 3000 Werke von etwa 50 Künstlern hatte er "nachempfunden", wie er es nennt. Grafiken von Rembrandt oder Picasso; Aquarelle von Feininger oder Liebermann; Ölgemälde von Renoir oder Kokoschka. Seine Lieblinge? "Keine modernen Scheißer wie Beuys", sagt der knurrige Alte, "sondern die, die echt was konnten."

Bei Künstlern wie Dalí kommen auf ein Original zehn Fälschungen

Jeder Fälscher müsse erkennen, was zu ihm passt, sagt er, und von manchem am besten die Finger lassen. "Von Kandinskys Spritztechnik zum Beispiel. Wie willste den einzelnen, gespritzten Punkt kontrollieren?" Trotz aller Unordnung im Atelier: Mrugalla ist Perfektionist, und wahrscheinlich bleibt einem guten Fälscher nichts anderes übrig. Es ist schwierig genug, ein Motiv genau zu treffen – doch ebenso müssen Bildträger, Farben und die Grundierung historisch stimmen, um eine Chance zu haben im Katz-und-Maus-Spiel mit den immer moderneren Forschungslaboren. Mrugalla betont gern, dass er damals nicht aufgrund fachlicher Schlamperei aufgeflogen ist: Sein Zwischenhändler war übermütig geworden und der Polizei ins Netz gegangen – einer der feinen Pinkel, die wirklichen Reibach machten. Die Mrugalla für frisch gebackene Picassos ein paar Hunderter bezahlten, dann Gutachten erschwindelten und die Bilder zum x-fachen Preis an Sammler verscherbelten.

Etwa 2,25 Milliarden Euro setzt der deutsche Handel mit Kunst jährlich um. Auch wenn der volkswirtschaftliche Schaden schwer zu beziffern ist, seien die Einnahmen des grauen Markts "nicht viel geringer einzuschätzen", erklärte jüngst das Landeskriminalamt Baden-Württemberg, das über eine spezielle Kunstermittler-Einheit verfügt. Es gibt keine übergeordneten Kontrollen der verkauften Werke, und gerade im mittleren und unteren Preissegment werden die Möglichkeiten naturwissenschaftlicher Analysen kaum genutzt. Einige Fachleute wie Thomas Hoving, der ehemalige Direktor des New Yorker Metropolitan-Museums, vermuten, dass weltweit bis zu 40 Prozent aller Werke von nichtzeitgenössischen Künstlern gefälscht seien; andere Experten halten die Zahl für zu hoch gegriffen.

Erst Mitte November entlarvte ein schwedisches Museum vermeintliche Werke von Andy Warhol als Imitationen, die seit Jahren im Umlauf waren. Bei Künstlern wie Dalí gilt es sogar als offenes Geheimnis, dass der Kauf von Originalen einem Glücksspiel gleicht: Auf eine echte Dalí-Grafik dürften etwa zehn gefälschte kommen. Und selbst angesehene Fachleute versuchen bisweilen, mit Unechtem zu verdienen: 2006 etwa wurde ein bekannter Dalí-Sachverständiger aus München verurteilt, weil er über hundert Zeichnungen und Aquarelle in Tschechien fertigen ließ und dann persönlich mit Echtheitszertifikaten veredelte.

Schund oder Schiele?

Drei Trends beherrschen derzeit den Fälschungsmarkt:Geschäfte mit Grafiken blühen, weil sich diese recht einfach und in hoher Stückzahl reproduzieren lassen. Dann überschwemmen Gemälde aus Südostasien den Markt: oft spottbillig gemachte Impressionisten, die keinen Experten täuschen könnten, aber über kleinere Auktionshäuser teils doch in den Kunstmarkt wandern. Und dann wären da, drittens, noch die dicken Fische: Gemälde, mit krimineller Energie, großem Aufwand und der Hoffnung auf dicke Erträge gepinselt. Die Fälscher richten sich dabei nach den Moden des Kunstmarkts. Zurzeit sind Werke der Klassischen Moderne besonders gefragt – und entsprechend häufig nicht koscher.

Hängt also Schund an der Wand oder doch Schiele? Der umfassend ausgerüsteten Fälscherszene stellen sich mittlerweile hoch spezialisierte Labore wie das staatliche Doerner Institut in München entgegen, untergebracht im Verwaltungstrakt der Neuen Pinakothek. Für die Analyse von Malerei gibt es deutschlandweit keine andere Einrichtung, die ähnlich renommiert und unter Betrügern gefürchtet ist. Kühle Gänge, Röntgensäle, Labore mit Elektronenmikroskopen: Es ist der wissenschaftliche, aufgeräumte Gegenentwurf zu Mrugallas chaotischer Fälscherwerkstatt. Eigentlich kümmern sich die Doerner-Mitarbeiter um die Erhaltung und Erforschung der etwa 25.000 Bilder der Bayerischen Staatsgemäldesammlungen und füttern Datenbanken mit Insider-Fakten über Bildaufbau und Farbpaletten aller erdenklichen Künstler. Doch durch die Arbeit an den Originalen sammeln sie einmaliges Hintergrundwissen. Bitten dann Landeskriminalämter um Gutachten oder klopft ein verunsicherter Sammler an, kann das Doerner Institut fast immer beweisen, ob ein Gemälde echt ist oder nicht.

Der habilitierte Kunsttechnologe Andreas Burmester ist hier seit vier Jahren Direktor. Er wundert sich oft, was für schlechte Fälschungen den Kunstmarkt narren. "Das liegt natürlich auch daran, dass sehr vieles nie in einem guten Labor auftaucht", sagt er.



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