Manipulierte Nager Muskel-Mäuse jetzt noch stärker

Ein US-Genforscher lässt seinen Labormäusen immer größere Muskeln wachsen. Inzwischen haben die Nager die vierfache Muskelmasse ihrer normalen Artgenossen. Bei Menschen funktioniert der Trick wahrscheinlich auch.


Was der Oma ihr Schoßhund, ist dem Forscher seine Maus. Während aber Großmuttern ihren Pudel nur mit hübschen Frisuren malträtiert, muss die Labormaus Härteres erdulden. Der Molekularbiologe Se-Jin Lee von der Johns Hopkins University in Baltimore erforscht schon seit geraumer Zeit Muskelmäuse. So fand er kürzlich heraus, dass die Nager, denen das Eiweiß Myostatin fehlt, überdimensionale Muskeln bekommen. Aus kleinen Labormäusen machte er so wahre Ausdauerkünstler.

Jetzt hat Lee entdeckt, dass ein anderes Eiweiß namens Follistatin bei den Myostatin-armen Mäusen diesen Effekt noch verstärkt: Bekommen die Mäuse zu viel Follistatin, verdoppelt sich der Muskelaufbau gegenüber dem früheren Effekt, schreibt der Wissenschaftler im Online-Fachjournal "PloS One". Am Ende hatte sich die Muskelmasse der Mäuse vervierfacht. Die Kraftnager konnten doppelt so lange rennen und im Wasser paddeln wie normale Artgenossen.

Dicke Muskeln für dicke Schnitzel

Seine Forschungsarbeit könnte nützlich für die Tierzucht sein, sagt Lee. Bei Züchtern und Bauern sind muskulöse Rinder und Schweine beliebt. Sie haben mehr Fleisch als normale Tiere. Möglicherweise könnten Lees Ergebnisse auch bei der Behandlung von Muskeldystrophie oder Stoffwechselkrankheiten helfen und dort den Muskelaufbau fördern.

Dass das Eiweiß Follistatin die Myostatin-Produktion blockiert, entdeckte Se-Jin Lee bei Muskelzellen, die er unter Laborbedingungen gezüchtet hatte. Daraufhin gab er Mäusen das Eiweiß. Das Ergebnis: Die Nager wurden kräftig und muskulös, so als hätte jemand das Myostatin-Gen der Tiere abgeschaltet.

Also züchtete der Forscher mit Hilfe der Gentechnik Mäuse, die kein Myostatin bildeten, dafür aber besonders viel Follistatin. Seine Hypothese: Wenn Follistatin den Muskelaufbau nur durch die Blockade des Myostatin fördert, dann dürfte das Follistatin nicht wirken, wenn kein Myostatin da ist.

Das Ergebnis verblüffte ihn: "Zu meiner Überraschung und Freude stellte ich einen Verstärkungseffekt fest", sagt Lee. Seine Muskelmäuse hatten gegenüber unmanipulierten Artgenossen 117 Prozent Zuwachs bei der Muskelfaserdicke und 73 Prozent mehr Muskelfasern insgesamt. Besonders kräftig waren die kleinen Kraftpakete über dem Brustkorb und am Bauch.

Muskelaufbau auch für Dopingbegeisterte

"Die Ergebnisse zeigen, dass die Möglichkeiten der Förderung von Muskelwachstum größer sind, als wir bisher angenommen haben", sagte Lee zu SPIEGEL ONLINE. "Wir wissen nun, dass andere Proteine mit dem Myostatin wechselwirken und das Muskelwachstum unterdrücken." Daher sucht der Molekularbiologe jetzt nach weiteren Mitspielern des Myostatins, um das volle Potential für den therapeutischen Muskelaufbau zu erschließen. Dass das beim Menschen funktionieren kann, wissen die Forscher spätestens seit der Untersuchung eines muskulösen Wunderkinds aus Deutschland, dessen außergewöhnliche Muskelmasse ebenfalls auf Myostatin-Mangel zurückgeführt wird.

Doch Lees Forschung könnte nicht nur Segen bringen. Leider sei auch die Gefahr des Missbrauchs sehr hoch, sagte der Forscher zu SPIEGEL ONLINE. "Bodybuilder und professionelle Sportler sind schon aufmerksam, die Welt Anti-Doping Agentur allerdings auch." Die Herausforderung sei, jedes neue Medikament von den falschen Leuten fernzuhalten.

khü/dpa



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