Gletscher-Initiative für Klimaschutz Herr Hänggi will die Welt retten

Jahrelang schrieb der Journalist Marcel Hänggi über den Klimawandel, ohne dass sich etwas tat. Nun fordert er per Volksinitiative, dass die Schweiz bis 2050 keine Treibhausgase mehr ausstößt - und findet erstaunlich viel Zuspruch.
Bis Ende des Jahrhunderts könnten die Gletscher in der Schweiz verschwunden sein - das will Marcel Hänggi verhindern helfen

Bis Ende des Jahrhunderts könnten die Gletscher in der Schweiz verschwunden sein - das will Marcel Hänggi verhindern helfen

Foto: Johannes Heuckeroth/ Getty Image

Die Flagge fällt sofort auf. In grellem Gelb-Orange-Blau hängt sie am Balkon von Marcel Hänggis Wohnung. Sie wirkt wie ein Fremdkörper in der Idylle des Zürcher Stadtteils Hottingen mit seinen prächtigen vierstöckigen Wohnhäusern aus der Jahrhundertwende.

"Gletscher-Initiative" steht auf der Flagge. Ein harmloser Name für eine Volksinitiative, die das Potenzial hat, die Schweizer Klimapolitik grundlegend zu verändern. Marcel Hänggi ist ihr geistiger Vater. Er hatte die Idee für den Text, der bald in der Verfassung stehen könnte: "Ab 2050 werden in der Schweiz keine fossilen Brenn- und Treibstoffe mehr in Verkehr gebracht. Soweit in der Schweiz weiterhin vom Menschen verursachte Treibhausgasemissionen anfallen, muss deren Wirkung auf das Klima spätestens ab 2050 durch sichere Treibhausgassenken dauerhaft neutralisiert werden."

Journalist Marcel Hänggi

Journalist Marcel Hänggi

Foto: Marcel Hänggi

Marcel Hänggi will, dass aus der Utopie einer Gesellschaft frei von Kohle, Gas, Erdöl, Benzin und Diesel endlich Realität wird. Er nutzt dazu ein besonderes Instrument der direkten Schweizer Demokratie: Jede Bürgerin, jeder Bürger kann per Volksinitiative verlangen, dass die Bundesverfassung geändert wird. 100.000 Unterschriften müssen dazu innerhalb von 18 Monaten gesammelt werden. Gelingt dies, entscheiden danach die Bürger in einer nationalen Abstimmung über die Vorlage.

Die Unterschriftensammlung für die Gletscher-Initiative startete Anfang Mai. Innerhalb eines Monats unterzeichneten mehr als 42.000 Menschen.

Von seinem Vorhaben erzählt Hänggi im lauschigen Garten des Kafi Paradiesli, dem Café vis-à-vis seiner Wohnung. Der 50-Jährige trägt T-Shirt, kurze Hosen, im Gesicht einen grau melierten Bart, Brille und hat freundliche, braune Augen. "Eigentlich bin ich politisch ein absoluter Neuling", sagt er, "aber im Moment ist Politik fast mein Hauptjob."

Nur über den Klimawandel zu schreiben, aber nichts dagegen zu tun, reichte ihm nicht mehr

Hänggi ist ein unauffälliger Mann, der eine auffällige Wandlung hinter sich hat. Auf seiner Website schreibt er über sich: "Ich bin Journalist, schreibe Bücher, Texte für Museen, halte Vorträge, Hühner und Schafe. Zurzeit versuche ich vor allem, ein bisschen die Welt zu retten."

Eigentlich ist Hänggi Umweltjournalist. Seit Inkrafttreten des Kyoto-Protokolls im Jahr 2005 schrieb er über den Klimawandel. "Mich interessierten daran immer die gesellschaftlichen und politischen Aspekte", sagt er. Hänggi schrieb und schrieb - und nichts änderte sich. Jedes Jahr stieß die Welt mehr CO2 aus. "Ich fühlte mich hilflos", sagt er. "Aber ich wollte nicht zum Zyniker werden wie andere Umweltjournalisten."

Bloß zu schreiben, was gegen den Klimawandel zu tun wäre mit dem Gefühl, dass es eh nichts bringt, davon hatte Hänggi nach der Klimakonferenz von 2015 genug. In einem Blogbeitrag schlug er erstmals vor, eine Initiative zu lancieren. "Ich hoffte, jemand übernimmt meine Idee und handelt", sagt er. Doch er merkte bald: Er muss es selbst angehen.

Bis Ende des Jahrhunderts könnten die Gletscher in der Schweiz verschwunden sein

Hänggis Forderungen scheinen radikal. Dabei sind netto null Treibhausgasemissionen bis 2050 angesichts einer drohenden Klimakatastrophe zwingend notwendig. Nichts anderes steht im Pariser Klimaabkommen, auf das sich 195 Staaten sowie die EU einigten. Dieses Ziel will Hänggi in der Schweizer Verfassung verankern, um das Land "auf Klimakurs zu bringen".

Denn in seinen Augen versagt die Schweiz dabei, den Klimawandel zu begrenzen. Gletscher-Initiative heißt sein Begehren, weil das Schmelzen der Eismassen in der Schweiz die offensichtlichste Folge des Klimawandels ist. Ein Drittel der Gletscherfläche ist bereits verloren. Bis Ende des Jahrhunderts könnten sie verschwinden.

"Wir brauchen einen grundlegenden Systemwandel"

Hänggi wirkt nicht wie ein Hysteriker oder eifriger Missionar. Mit einer inneren Ruhe erklärt er seine Vorstellung einer nahen Zukunft, die ohne fossile Energieträger auskommt. Zwar steigt er nie in ein Auto oder ein Flugzeug. Autofahrern macht er dennoch keine Vorwürfe. "Ich finde das Auto einfach ein sehr dysfunktionales Gerät." Auch das Wort Verzicht versucht er zu vermeiden. Wer beim Klimawandel auf bloße Eigenverantwortung setze, denke in der falschen Kategorie, sagt er. "Es gibt kein richtiges Leben im falschen. Wir brauchen einen grundlegenden Systemwandel."

Es scheint, als hätte die Schweiz auf Hänggis Forderungen gewartet. Das Land, als Wasserschloss Europas bekannt, erlebte 2018 einen extremen Dürresommer. Mehrere Schweizer Städte wie Zürich, Bern oder Basel haben den Klimanotstand ausgerufen. Auf den Straßen streiken Zehntausende Jugendliche für den Klimaschutz. Auch im Schweizer Bundesparlament ist die Klimapolitik jüngst nach oben auf die Agenda gerückt: Innerhalb eines Jahres haben sich die klimapolitischen Vorstöße verdreifacht.

Seine Initiative hat Unterstützer quer durch alle Parteien

Vor einem Jahr dachte Hänggi noch, die Initiative habe wenig Chancen, angenommen zu werden. "Aber nun findet ein Wandel statt, der mich selbst erstaunt." Es sind eben nicht nur Ökos und Linke, die sich dafür einsetzen. Selbst bürgerliche Politiker der wirtschaftsliberalen FDP stehen hinter dem Vorschlag. So sitzt etwa der Zürcher FDP-Ständerat Ruedi Noser im Initiativkomitee. Er habe Unterstützer quer durch alle Parteien, sagt Hänggi. Sogar aus der rechtskonservativen Schweizerischen Volkspartei (SVP). "Bloß darf dies dort niemand offen sagen." Die offizielle SVP, das zeigt ihre bisherige Klimapolitik, wird die Initiative mit Sicherheit bekämpfen.

Hänggi ist überzeugt, dass seine Forderungen an der Urne Erfolg haben können. "Als studierter Historiker bin ich zwar vorsichtig. Aber ich hoffe, dass endlich die Zeit gekommen ist für einen fundamentalen Umbruch." Seine größte Angst sei nicht, die Abstimmung zu verlieren. "Sondern dass die Initiative Erfolg hat - und sich trotzdem nichts ändert".

Über die Gletscher-Initiative abgestimmt wird wohl erst in vier Jahren. Hänggi weiß, das ist eigentlich zu spät. Die Abkehr von fossilen Energien müsste bereits heute geschehen. Dennoch bleibt er ein pragmatischer Optimist. Es bleibe ihm ja nichts anderes übrig. "Wir sind dazu verdammt, optimistisch zu sein." Auf das Ende der menschlichen Zivilisation zu wetten, sei schließlich sinnlos.

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