Massengrab-Fund Römer sollen Babys von Prostituierten getötet haben

Archäologen haben in England ein Massengrab mit den Überresten von 97 Neugeborenen gefunden. Die Säuglingsleichen lagen in der Nähe eines antiken Bordells. Jetzt hegen die Forscher einen grausigen Verdacht: Die Babys waren die Kinder von Prostituierten - und wurden systematisch ermordet.
Erotisches Fresko in Pompei: Die Abbildung zeigt ein antikes Bordell

Erotisches Fresko in Pompei: Die Abbildung zeigt ein antikes Bordell

Foto: MARIO LAPORTA/ AFP

Blutige Kriege und tödliche Spiele zur Belustigung - Grausamkeiten waren im Alten Rom an der Tagesordnung. Doch was Archäologen nach einem neuen Fund vermuten, übertrifft vieles, was bisher bekannt war.

Die Ausgrabungsstätte Hambleden in der englischen Grafschaft Buckinghamshire ermöglichte Archäologen schon vor hundert Jahren Einblicke in die Vergangenheit. Inzwischen ist sie zwar von einem Weizenfeld bedeckt, doch kürzlich tauchten Hunderte von Kisten mit Schätzen wieder auf, die Forscher schon früher gehoben hatten: Artefakte, Knochen und detaillierte Aufzeichnungen der Forscher, die die Funde ausgegraben hatten. Diese dienten den Forschern dazu, neue Erkenntnisse zu gewinnen.

Im Zentrum der Stätte lag eine herrschaftliche römischen Villa. Wie diese genutzt wurde, wissen die Archäologen mit hoher Wahrscheinlichkeit: "Die einzig plausible Erklärung ist, dass es sich um ein Bordell handelte", sagte Jill Eyers, Direktorin des privaten Forschungsinstitus "Chiltern Archaeology", der britischen BBC.

Anhand der wiederentdeckten Funde fanden die Wissenschaftler heraus, dass nahe der Villa 97 Babys begraben waren. Fast alle waren zum Zeitpunkt der Geburt gestorben. Die Archäologen hegen einen grausigen Verdacht: Die Bewohner könnten ungewollte Babys der Prostituierten systematisch getötet haben.

Zwingende Belege gibt es für diese These zwar nicht, diverse Anhaltspunkte lassen die Annahme aber zumindest plausibel erscheinen: "Da es kaum eine wirksame Empfängnisverhütung gab, waren ungewollte Schwangerschaften in römischen Bordellen wohl üblich", sagt Eyers. Zudem habe man Kindesmord in der römischen Antike wahrscheinlich als weniger abstoßend empfunden als heute. Archäologische Funde lassen den Schluss zu, dass Kinder im Alter von bis zu zwei Jahren nicht als vollwertige Menschen angesehen wurden. So war es auch üblich, Babys nicht auf Friedhöfen zu beerdigen, sondern nahe der Wohnhäuser ihrer Angehörigen - in diesem Fall nahe der Bordell-Villa.

Trotzdem sei die große Zahl der getöteten Kinder erstaunlich, sagten die Forscher. "Es gibt keine andere Ausgrabungsstätte, an der die Gräber von 97 Kindern gefunden wurden", sagt Simon Mays, Skelettbiologe am English Heritage's Centre for Archaeology, der die Funde untersucht hat.

Mays bemerkte, dass die Kinder alle im gleichen Alter gestorben waren, und zwar kurz nach der Geburt - die Knochen der Kinder waren ähnlich lang. Der Forscher sieht darin ein weiteres Anzeichen dafür, dass die Babys systematisch getötet wurden. Denn wären die Kinder eines natürlichen Todes gestorben, wären sie alle unterschiedlich alt gewesen.

Das Forscherteam will nun das Erbgut der Knochenfunde analysieren, um festzustellen, ob einige der Babys miteinander verwandt waren.

sus
Die Wiedergabe wurde unterbrochen.