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Massenpaniken "Bleiben Sie möglichst in der Mitte"

Egoisten werden noch rücksichtsloser, selbstlose Menschen opfern sich: Bei Massenpaniken verstärken sich menschliche Eigenschaften. Wie man sich am besten verhält, erklärt der Max-Planck-Forscher Mehdi Moussaid.

Schieben und schubsen, bis Panik ausbricht: Wenn Menschen um ihr Leben fürchten, handeln sie mitunter irrational und gefährlich. Fast jedes Jahr kommt es irgendwo auf der Welt zu einer Drängelei mit vielen Toten. Zuletzt am 24. September 2015 nahe Mekka, als rund 2300 Pilger starben. Anfangs war von etwa 800 Toten die Rede, doch die Opferzahl wurde später nach oben korrigiert. Mehdi Moussaid  vom Max-Planck-Institut für Bildungsforschung in Berlin studiert das menschliche Fluchtverhalten am Computer mithilfe virtueller Räume. Im Fachblatt "Interface"  berichtet er gemeinsam mit Kollegen über die Experimente.

SPIEGEL ONLINE: Sie erforschen Situationen, in denen Menschen in einem Gedränge in Panik geraten. Beeinflusst Ihr Wissen darüber auch, wie Sie sich in Gebäuden und auf dicht bevölkerten Plätzen bewegen?

Moussaid: Eigentlich nicht. Aber zumindest scheint meine Arbeit Einfluss auf meine Freunde zu haben. Ich bin mal in Paris in eine überfüllte Metrostation geraten. Es war wirklich extrem voll und ich sagte meinen Freunden: "Das sieht ein bisschen gefährlich aus." Meine Freunde wissen, dass ich Experte für Crowd Disaster bin und beschlossen, sofort umzukehren und nach Hause zu gehen.

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Crowd Disaster: Wenn Massen in Panik geraten

Foto: Peter Malzbender/ dpa

SPIEGEL ONLINE: Was soll man tun, wenn man in ein Gedränge gerät und nicht einfach so wieder rauskommt?

Moussaid: Zum Glück sind bedrohliche Situationen selten, ich will niemanden unnötig verängstigen. Aber wenn es extrem eng wird, sollte man wissen, dass die gefährlichsten Stellen dort sind, wo sich feste Hindernisse befinden wie Mauern oder Säulen. In einer Menschenmenge mit hoher Dichte wird immer wieder geschoben - und die Leute an den festen Hindernissen sind dann die ersten, die verletzt werden. Bleiben Sie also möglichst in der Mitte der Menge. Die zweite Empfehlung lautet: Immer auf den Beinen bleiben! Wer hinfällt, läuft Gefahr, dass andere, die geschoben werden, ungewollt auf ihn treten und ihn verletzen.

SPIEGEL ONLINE: Sie wollen das Verhalten von Menschen in Extremsituationen vorhersagen. Woher wissen Sie, was Menschen tun, wenn sie um ihr Leben fürchten?

Moussaid: Unser Wissen über solche Situationen ist beschränkt. Wir können aus ethischen Gründen keine Experimente durchführen. Das Einzige, was wir haben, sind Videoaufnahmen einiger weniger Unglücke, etwa von der Loveparade in Duisburg und aus Mekka im Jahr 2006. Diese Aufnahmen werten wir aus. Manche Forscher entwickeln daraus Computermodelle, mit denen sie das Verhalten von Menschen simulieren. Wir haben einen anderen Weg gewählt: Wir setzen Testpersonen vor Computer, wo sie dann durch virtuelle Häuser laufen, in denen es brennt.

SPIEGEL ONLINE: Ist so eine Spielumgebung überhaupt mit realen Situationen vergleichbar?

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Polizei-Dokumentation: Chronik der Love-Parade-Katastrophe

Foto: DDP/ Google Maps

Moussaid: Menschen verhalten sich in solchen virtuellen Welten ähnlich wie in der Realität, sofern sie nicht in Panik sind. Beispielsweise läuft die Evakuierung eines Raumes durch eine schmale Tür in Realität und in der virtuellen 3D-Welt etwa gleich ab.

SPIEGEL ONLINE: Aber kommt in so einer virtuellen Welt jene Panik auf, die Menschen spüren, wenn sie tatsächlich um ihr Leben fürchten?

Moussaid: Wir können die Probanden zumindest unter Zeitdruck setzen und Stress bei ihnen erzeugen. Zum Verlassen des virtuellen Gebäudes bleibt ihnen nur eine begrenzte Zeit, die ein Zähler anzeigt. Und um den Druck noch zu erhöhen, verlieren die Testteilnehmer bis zu 20 Euro ihres Honorars, wenn sie die virtuelle Flucht nicht in der vorgegeben Zeit schaffen. Wir glauben, dass wir mit einem solchen virtuellen Umfeld Extremsituationen simulieren können.

SPIEGEL ONLINE: Welche Empfehlungen geben Sie Veranstaltern, Architekten und Städteplanern, um gefährliche Situationen zu vermeiden?

Moussaid: Es sind immer mehrere Faktoren, die zu einem Unglück führen. Wir kennen diese Risikofaktoren mittlerweile gut. Dazu gehört, dass man entgegengesetzte Menschenströme auf einem Weg unbedingt vermeidet - das war eines der Probleme bei der Loveparade in Duisburg. Solche gegenläufigen Ströme führen, physikalisch erklärt, zu Reibung und erhöhen die Dichte. Unbedingt vermieden werden sollten auch statische Hindernisse wie Säulen und natürlich Flaschenhälse, an denen sich die Menschen stauen. Gleiches gilt für scharfe Richtungswechsel. Diese führen zu einer erhöhten Dichte an der Innenseite der Biegung.

SPIEGEL ONLINE: Man hört oft von Panik, die ausbricht. Reagiert ein Mensch in einer lebensbedrohlichen Situation überhaupt noch wie ein Mensch?

Moussaid: Wissenschaftler glaubten lange, dass Menschen in einem dichten Gedränge schnell in Panik geraten und alles außer Kontrolle gerät. Wir haben aber bei der Analyse von Videomaterial festgestellt, dass dies nicht immer zutrifft. Oft sieht man Menschen, die einander helfen, selbst wenn ihr eigenes Leben in Gefahr ist. Natürlich gibt es auch panische Reaktionen, aber eben nicht nur.

SPIEGEL ONLINE: Kann jeder Mensch in Panik geraten? Oder braucht man eine gewisse Veranlagung dafür?

Moussaid: Unsere Beobachtung ist, dass egoistische Menschen in Notsituationen noch egoistischer werden. Sie schieben und schubsen und wollen als Erste raus. Selbstlose Menschen hingegen werden in Extremsituationen noch hilfsbereiter, als sie es eigentlich schon sind. Sie opfern sich beinahe, um anderen zu helfen, wie eine in Kürze erscheinende Studie zeigt. Extremsituationen lassen, so scheint es, die Charaktereigenschaften von Menschen noch stärker hervortreten.

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