Klimainitiative Massive Attack will CO2-Bilanz der Musikindustrie vermessen

Für ihre Tourneen betreiben Musiker gigantischen Aufwand - mit miserabler Klimabilanz. Immer mehr Künstler suchen nach Alternativen, eine britische Band will nun den CO2-Fußabdruck der Branche ermitteln.

Massive Attack bei einem Festivalauftritt in Mexiko
Medios y Media/ Getty Images

Massive Attack bei einem Festivalauftritt in Mexiko


In der Siebzigerjahren war man nur dann ein echter Rockstar, wenn man einen eigenen Jet besaß. Legendär ist "The Starship", eine von United Airlines ausgemusterte Boeing 720, in der von den Rolling Stones bis Deep Purple alles um die Welt reiste, was im Musikgeschäft Rang und Namen hatte.

Bekannt wurde die Maschine durch Led Zeppelin: Das britische Rockquartett war die erste Band, die mit dem zum Luxusjet umgebauten Flugzeug zu den Konzerten ihrer Welttournee flog. Ein Bild von damals zeigt Sänger Robert Plant, wie er mit gänzlich aufgeknöpftem Hemd lässig vor der Maschine steht. Die Message: Mein Privatjet, meine Band, mein Erfolg.

Heute, in Zeiten von Flugscham, wüsste jeder PR-Manager solche Bilder zu verhindern. Wer in Langstreckenmaschinen mehr Zeit verbringt als auf der Bühne, der verursacht einen katastrophalen CO2-Ausstoß. Das Gas gilt als Hauptverursacher des Klimawandels.

Manche Musiker denken deshalb darüber nach, wie man es anders machen könnte. Erst vergangene Woche gaben Coldplay bekannt, dass sie aus Klimaschutzgründen vorerst auf eine große Tournee verzichten und erst dann wieder weltweit Konzerte spielen wollen, wenn das klimaneutral möglich ist.

Nun will sich auch Massive Attack um den Klimaschutz bemühen. Die britischen Trip-Hop-Pioniere streben eine Kooperation mit Forschern der University of Manchester und dem Tyndall Centre for Climate Change Research an, heißt es in einem Bericht des "Guardian". Geplant sei, mit dem Projekt eine Art CO2-Fußabdruck der Musikindustrie zu erstellen. So könnte langfristig ein Leitfaden für andere Künstler entstehen.

Auf eine Tour wollen die Briten aber bewusst nicht verzichten. Stattdessen sollen bei zukünftigen Konzerten sämtliche Emissionsquellen für Kohlendioxid erfasst werden. "Wir brauchen solche Partnerschaften, um genauere Daten zu erhalten", sagte Chris Jones, einer der beteiligten Forscher. Nur so könne man nach Alternativen suchen. Er hält solche Projekte für nachhaltiger, als wenn einzelne Künstler ihre Liveauftritte beenden.

Im Ökodorf mit Billie Eilish

Massive Attacks Sänger Robert Del Naja sagte, man versuche bereits, die CO2-Emissionen auszugleichen, indem die Band mit dem Zug fahre, wo es möglich sei. Zudem würde man in Klimaschutzprojekte investieren. Unabhängig von Art, Bekanntheit oder Beliebtheit eines Künstlers sei "Business as usual" inakzeptabel.

Aufgrund des Wandels in der Musikindustrie mit Streamingdiensten und weniger Tonträgerverkäufen sind Konzerte als Einnahmequelle für Künstler in den vergangenen Jahren wichtiger geworden. Gerade große Festivals dürften aber eine katastrophale CO2-Bilanz aufweisen. Zu bekannten Veranstaltungen wie in Glastonbury in Großbritannien oder Coachella in den USA reisen Zehntausende Besucher an. Einige Fans nehmen lange Flugreisen in Kauf, um bei den Events dabei zu sein.

Biodiesel-Generator im Dauereinsatz

Tonnen an Equipment müssen für solche Veranstaltungen zudem über weite Strecken transportiert werden. Die gigantischen Lichtanlagen und Soundsysteme sorgen darüber hinaus für einen hohen Stromverbrauch. Eine Auswertung von 279 Musikfestivals aus Großbritannien hatte ergeben, dass 2015 allein 20.000 Tonnen CO2 bei Konzerten freigesetzt wurden. Und die Anreisen waren darin nicht einmal enthalten.

Beim Glastonbury-Festival werden deshalb beispielsweise Biodiesel-Generatoren oder andere emissionsmindernde Energielösungen eingesetzt. Zudem wurden in diesem Jahr aus Umweltschutzgründen Einwegkunststoffe auf dem Gelände verboten.

Aktionen wie die von Massive Attack und Coldplay, die ihre Mitteilung vergangene Woche pünktlich zum Erscheinen ihres neuen Albums platzierten, mag man für clevere PR halten, die dem Zeitgeist entspricht. Doch immer mehr Künstler integrieren Umwelt- und Klimaschutz in ihre Konzerte.

Die US-Sängerin Billie Eilish will auf Konzerten ihrer Tour im kommenden März eine Art Ökodorf aufbauen. Dort sollen sich die Fans über die Klimakrise informieren können. Wer sich bei einer bestimmten Umweltschutzorganisation engagiert, kann Freikarten für die Konzerte sichern. Und die britische Indierockband The 1975 will für jedes verkaufte Ticket ihrer Großbritannien-Tour einen Baum pflanzen.

joe



insgesamt 21 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
steuerzahler1972 29.11.2019
1. Friday for future, Saturday at the festival
Jetzt wird es aber wirklich ernst. Jetzt sollen die jungen Menschen auch noch für das Klima auf ihre Festivals im Sommer und die Konzertbesuche verzichten? Langt es nicht, dass sie sich nicht mehr alle zwei Jahre ein neues Smartphone kaufen? Und sollen sie tatsächlich aus Flugschaam darauf verzichten, Selbsterfahrung in einem Kinderheim in Nepal oder Nairobi oder beim Trip ans Ende der Welt zu machen? Ich finde, jetzt wird aber übertrieben. Schuld sind die Politiker und die Wirtschaft und sonst niemand! Vielleicht noch der Nachbar, dem es etwas besser geht, als einem selbst.
hkubin 29.11.2019
2. Vegane Ernährung
Die ganzen Fans brauchen sich doch künftig nur vegan zu ernähren. Dann können die Rockstars wieder unbeschwert mit dem Flugzeug reisen und die CO2 Bilanz stimmt wieder.
frank57 29.11.2019
3. Wer vermisst
den Fussabdruck von Merkels Rüstung und den EUSA-Nato Kriegen sowie deren Rüstungsindustrie!
dr.jazz 29.11.2019
4.
Es gibt noch viele Bereiche, die es wert sind, im Bezug auf Klima und Müll mal genauer gesehen zu werden: die Formel 1, Sylvester, Championslegue usw... Jetzt wird es Aufschreie geben, aber wir werden nicht drum herum kommen, genau das zu tun. Gut dass es unter Musikern weise Menschen gibt, die vorlegen.
Besserwissser 29.11.2019
5. Das nächste sind
Musiker Villen und Pools, dann der Pool vom Nachbar und dann sein Haus weil 20qm grösser als das eigene. Fussball Bundesliga CO2 Footprint ? OMG ! also alles ausser Kreisklasse, in der man mit dem Fahrad zu den Spielen hinfahren kann wird verboten. Karneval . Exotische Gewürze wie Pfeffer. Aber das mit dem Verbieten klappt ja nicht mehr zentral weil so etwas wie ein Regierung oder Parlament kann man sich auch nicht mehr CO2 mässig leiseten Egal kommt halt der Nachbar von der Ortsgruppe der extinction rebellion vorbei und sagt wo es lang geht... Der heist dann Blockwart Na, das wird eine tolle future...
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2019
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.