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Sprache und Mathematik: Ich sag mal Null-Acht-Fünfzehn

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Mathe in der Alltagssprache Unser gemeinsamer Nenner

Wir rechnen Pi mal Daumen, versuchen die Quadratur des Kreises oder machen Winkelzüge: Vor der Mathematik gibt's kein Entrinnen - selbst in der Alltagssprache ist sie omnipräsent. Eine Forscherin hat jetzt ergründet, was hinter Formulierungen wie "etwas drei Meilen gegen den Wind riechen" steckt.

Mit Zahlen, Prozenten und Winkeln haben viele Menschen so ihre Schwierigkeiten. Das Ansehen der Mathematik ist nicht das Beste, mancher hat sogar ein regelrecht gestörtes Verhältnis zu ihr. Umso erstaunlicher ist es, dass wir eine große Fülle mathematischer Sprachbilder verwenden. "Meist ist den Leuten gar nicht bewusst, dass eine Redewendung aus der Mathematik kommt", sagt die Grazer Germanistin Michaela Pölzl.

Sie hat in ihrer Masterarbeit mehr als 200 Formulierungen zusammengetragen, die alle einen Bezug zur Welt der Zahlen, des Rechnens oder der Geometrie haben: angefangen bei der Quadratur des Kreises über das hoch Anrechnen bis zur ruhigen Kugel, die wir gerne öfters schieben würden. Man kommt an der Mathematik einfach nicht vorbei, schreibt Pölzl. "Selbst wenn wir alles tun, um ihr zu entkommen, am Ende erwischt sie uns dort, wo wir es am wenigsten erwarten: in der Sprache."

Im Grunde zeigt ihre Arbeit sogar, dass es Mathe-Nullen - noch so ein Sprachbild - eigentlich gar nicht geben kann: "Wenn wir etwas nur Pi mal Daumen abschätzen, ist das allgemein verständlich", sagt die Germanistin. Auch was die Quadratur eines Kreises sei, bedürfe keiner Erklärung.

Die mehr als 200 untersuchten Redewendungen  kommen aus verschiedenen Bereichen der Mathematik, darunter Bruchrechnung (einen gemeinsamen Nenner finden), Geometrie (der Kreis schließt sich) oder Kalkulation allgemein (jemanden zur Rechenschaft ziehen). Die meisten Formulierungen, 116 von 208, gehören zur Rubrik der Zahlwörter. Beispiele dafür sind Null Komma Nichts, Pi mal Daumen oder die tausend Tode, die mancher schon gestorben ist.

Hohe Symbolkraft von Zahlen

"Viele Zahlen sind in unserem Kulturkreis stark symbolisch geladen", sagt Pölzl. "Denken Sie zum Beispiel an die 13." Man könne mit Zahlen zusätzliche Informationen transportieren und einen Ausdruck verstärken. Ein gutes Beispiel dafür sei die Redewendung "etwas drei Meilen gegen den Wind riechen". Die Drei sei keine hohe Zahl, man verwende sie aber trotzdem, um einem Gegenüber klar zu machen, dass ein drohendes Unheil schon von weitem zu erkennen ist. "Es ist die hohe Symbolizität der Drei, die hier steigernd wirkt." Eine größere Zahl, zum Beispiel etwas 500 Meilen gegen den Wind riechen, funktioniere weniger gut.

Pölzl hat während der Studie immer wieder mit Mathematikern gesprochen, um zu ergründen, ob eine Redewendung tatsächlich der abstrakten Wissenschaft zuzurechnen ist oder nicht. In der Tat gibt es einige Grenzfälle - zum Beispiel bei den Zahlwörtern. Die Formulierung "drei Kreuze machen" beispielsweise geht auf das dreimalige Bekreuzigen von gläubigen Katholiken zurück, wenn eine unangenehme Angelegenheit einen günstigen Ausgang gefunden hat. Man muss sie also zugleich den religiösen Sprachbildern  zuordnen.

Wie schwierig mitunter die Herkunft einer mathematischen Redewendung zu erklären ist, können SPIEGEL-ONLINE-Leser in diesem Quiz selbst ausprobieren. Woher kommt der Dreikäsehoch? Was steckt hinter dem Ausdruck "auf Nummer sicher gehen"? Testen Sie Ihr Wissen!

Vom Hundertsten ins Tausendste

Warum aber ist es überhaupt zu einer Mathematisierung der Sprache gekommen? Winfried Hofmeister, Betreuer von Pölzls Arbeit und Leiter des Projekts "Deutsche Wortschätze" , sieht in den Redewendungen Spuren des großen Bildungsprojekts, das schon vor Jahrhunderten begann. "Man glaubte auch in Sachen Rechenkunde an die Ausbildbarkeit eines jeden Menschen", sagt er. Damals sei der Grundstein für das spätere Bildungsbürgertum gelegt worden. Lesen, Schreiben und Rechnen wurden zu elementaren Grundfähigkeiten des Menschen.

Anfangs waren vor allem Zahlenbilder in der deutschen Sprache präsent. Spätestens seit dem 18. Jahrhundert aber kamen diverse Formulierungen aus dem weiteren Umfeld der Mathematik hinzu. Ein typisches Beispiel dafür ist "vom Hundertsten ins Tausendste kommen". Der Ausdruck geht zurück auf das bis ins 17. Jahrhundert praktizierte Rechnen auf Linien mit römischen Zahlen.

Beim Verschieben der Pfennige auf den Linien konnte es passieren, dass man statt auf der Linie für 100 auf jener für 1000 landet. Die Wendung bezog sich also ursprünglich auf einen Rechenfehler und bedeutete so viel wie alles durcheinanderbringen. Die Bedeutung hat sich jedoch gewandelt: Wer vom Hundertsten ins Tausendste kommt, schweift mehr und mehr vom Thema ab oder verliert sich in Details.

Sehnsucht nach Präzision?

Hinter den vielen mathematischen Redewendungen könnte aber noch etwas anderes stecken, glaubt der Germanistik-Professor Hofmeister: ein "wohl weit über Regionen und Zeiten hinweg verbreitetes Streben nach verbindlicher Genauigkeit und Quantifizierbarkeit", letztlich also nach Sicherheit im Ermessen der Welt. Demnach wäre die Mathematik so eine Art sicherer Hafen in einem Leben voller Unwägbarkeiten.

Dazu passt auch, dass religiöse Redewendungen  wie "christlich teilen" oder "bei Petrus anklopfen" (für sterben) mehr und mehr verschwinden, während ganz neue Begriffe aus der Mathematik Fuß fassen: Der Chef, der gerade mal Eins und Eins zusammenzählen kann, sieht sich plötzlich als Multiplikator.

Die neuesten Sprachbilder kommen nach Beobachtung der Grazer Forscher aber aus einer ganz anderen Ecke - dem Sport . K.O. gegangen und das Handtuch geworfen wird schon länger. Man muss heutzutage aber auch immer öfter den Ball flach halten, damit man nicht die rote Karte gezeigt bekommt.

Ganz auf Mathematik verzichten können aber selbst Fußballer nicht. Sie wissen genau: abgerechnet wird zum Schluss.

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