Mauretaniens Frauen XXL-Schönheitsideal kommt aus der Mode

Üppige Rundungen waren für Frauen in Mauretanien lange Zeit erstrebenswert. Kein Wunder, galt ein fülliger Körper doch als Sinnbild für Wohlstand. Aber die Zeiten ändern sich: Mediziner fordern ein Umdenken - und immer mehr Frauen in dem afrikanischen Land entdecken die Segnungen des Sports.

Von Joachim Hoelzgen


Vor dem Stadion von Nuakchott, der Hauptstadt des Wüstenstaates Mauretanien, brechen Frauen mit einer beschwerlichen Tradition: Sie versuchen, wogende Formen und Fettpolster loszuwerden - bisher das Schönheitsideal im Land der Akazien und Wanderdünen und damit das krasse Gegenteil zum Schönheitsbegriff und Schlankheitswahn der westlichen Welt.

Doch aller Anfang, so zeigt sich vor dem modernen Stade Olympique von Nuakchott, ist schwer. Beinahe zögerlich umrundet ein Pulk hauptsächlich junger Frauen die Sportstätte - in Sandalen und mit Fußgängergeschwindigkeit, umwickelt mit dem Tuch der Mulafa, das den Körper vom Scheitel bis zu den Zehenspitzen zudeckt.

"Ich bin einfach zu dick," sagt eine der Geherinnen, "ich tue das für mich und meine Gesundheit - und um endlich schlank zu sein." Im mauretanischen Ministerium für Soziales, Kinder und Familien hört man solche Sätze gern, denn dort hat man der Fettleibigkeit energisch den Kampf angesagt - mit drastischen Spots im Programm von Télévision de Mauritanie und im Staatsradio. Ärzte warnen darin vor hohem Blutdruck, Herzerkrankungen, Diabetes und schmerzhafter Arthrose, den Folgen der Überfütterung mit Kamelfleisch und dampfendem Couscous.

Gemästet wie eine Gans

In einem der Fernsehspots war ein schlanker Ehemann zu sehen, der seine Frau in einer Schubkarre befördern muss, so dickleibig war sie. In einem anderen TV-Appell erwies sich die Gastgeberin eines Festmahls als dermaßen schwergewichtig, dass sie sich nicht einmal vom Sofa erheben konnte. Die Gäste räumten den Kühlschrank daraufhin in Eigenregie aus.

Ein voluminöser Frauenkörper galt in Mauretanien lange als Statussymbol und Zeichen des Überflusses. Er sollte den Reichtum einer Familie und eine satte Mitgift demonstrieren. Gedichte priesen überdies die Beleibtheit.

Die Überfütterung erfolgte aber nicht immer freiwillig. Oft wurden auch schon Mädchen ab fünf Jahren zwangsweise mit viel zu viel Essen vollgestopft. Die Praxis hieß "gavage" - wie das Mästen von Gänsen und Enten in Frankreich, das während der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts die koloniale Vormacht Mauretaniens war.

Das Stopfen der Mädchen geschah hauptsächlich mit Butter und Kamelmilch sowie mit Gummi arabicum, dem Milchsaft der Akazien. All das grenzte regelrecht an Folter, wenn die Kinder etwa Erbrochenes zur Strafe wieder zu sich nehmen mussten, wie es die "New York Times"-Korrespondentin Sharon LaFraniere einmal beschrieb.

Laufband statt Völlerei

Die Praxis des Mädchen-Mästens wird in Mauretanien heute zum Glück nur noch selten angewandt, die Völlerei aus freien Stücken ist aber bei erwachsenen Frauen noch weit verbreitet. Jede dritte Mauretanierin, so meldet der Uno-Informationsdienst IRIN, fröne noch dem Brauch, um dem althergebrachten Schönheitsideal mit all seinen Rundungen entsprechen zu können.

Im März dieses Jahres ist in Nuakchott ein Zentrum für Kardiologische Vorsorge gegründet worden, und dort bestehe sogar die Hälfte der Patienten aus dickleibigen Frauen, sagt der Herzspezialist Hadj Sarr in dem Bericht von IRIN. Neuerdings wird im Bemühen, schnell und gründlich zuzunehmen, auch gedopt. So würden manche Frauen schachtelweise Multivitaminpillen verzehren, weil sie angeblich appetitanregend wirken, hat Abdurrahman Ould Abdel Wedoud beobachtet, ein Apotheker aus Nuakchott.

Inzwischen fällt aber nicht nur vor dem Stadion ins Auge, dass alte Traditionen und mit ihnen die Pfunde wackeln. Auch in den Fitnessstudios der Hauptstadt sind immer öfter Frauen auf Laufbändern und an den Gewichten anzutreffen. Ähnliches geschieht am nahen Strand des Atlantiks, an dem das barfüßige Gehen im Sand zu einem beliebten Sport zum Abnehmen geworden ist.

"Langsam, aber sicher folgen wir dem Rhythmus der Welt," meint dazu Mariem Mint Ahmed Sabar, die Repräsentantin des Uno-Bevölkerungsfonds UNFPA für Mauretanien. "Mit ihm verändert sich auch hier das Schönheitsideal."



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