Meditation Die Durchleuchtung der Erleuchtung

Gesünder, glücklicher, entspannter - doch warum? Neurowissenschaftler versuchen, die erstaunlichen Wirkungen der Meditation mit Hirnscannern zu ergründen. Klar ist: Selbstbesinnung ist mehr als Rumsitzen und Nichtstun. Doch wie sie sich genau auswirkt, hängt vom Einzelnen ab.
Von Ulrich Schnabel

Die einschneidendste Erfahrung ihres Lebens machte Eleanor Rosch, als sie ans Totenbett ihres tibetischen Meisters gerufen wurde. Kaum hatte die Psychologin der University of Berkeley den Raum betreten, spürte sie eine intensive Präsenz, die von dem in Meditationshaltung sitzenden Toten ausging. "Es war, als ob der Geist von seiner leiblichen Hülle befreit gewesen wäre und unmittelbar zu mir spräche", erinnert sich Rosch. Sie habe die Gegenwart ihres Lehrers stärker als je zuvor gespürt – "als sei der Körper nur ein Filter gewesen, der plötzlich weggefallen war".

Solche Erlebnisse haben die meditierende Psychologin zu der Überzeugung geführt: "Unser Körper und unser Geist sind nicht das, wofür die Wissenschaft sie hält". Was aber der Geist ist und wie man ihn zu fassen bekommt, kann auch Eleanor Rosch nicht sagen. Sie verweist lieber auf die buddhistische Beschreibung des Todes-Phänomens. In der tibetischen Tradition ist es als Zustand des "klaren Lichts" bekannt – als Zustand, in dem der Geist nur noch aus Offenheit und Aufmerksamkeit besteht.

Der Dalai Lama berichtete zum Beispiel: "Ling Rinpoche, mein persönlicher Lehrer, verweilte 13 Tage im klaren Licht des Todes. Obwohl er bereits klinisch tot war und aufgehört hatte zu atmen, ruhte er in der Meditationshaltung, und sein Körper zeigte keinerlei Anzeichen des Zerfalls". Den Zustand des klaren Lichts nennt das religiöse Oberhaupt der Tibeter "eine äußerst subtile Ebene des Bewusstseins, die sich in allen Menschen zum Zeitpunkt des Todes kurzfristig zeigt". Sie zeichne sich nicht nur durch "absolute Spontaneität" aus, sondern auch durch "die Abwesenheit eines Ich-Bewusstseins oder eines Festhaltens am Ich". Selbst wir normalen Sterblichen könnten diese "subtile Ebene" manchmal erfahren, sagt der Dalai Lama: "Während des Niesens zum Beispiel, während einer Ohnmacht, im Tiefschlaf und beim sexuellen Höhepunkt".

Zweifellos wäre es interessant, die starke Wirkung der Meditation in diesem Zustand genauer zu studieren. Dass das allerdings nicht einfach ist, musste auch der Neurobiologe Richard Davidson erkennen. Er reiste vor einigen Jahren mit seinem Team und kompletter Laborausrüstung ins indische Dharamsala, zum Exilsitz des Dalai Lama, um das Phänomen des klaren Lichts zu untersuchen. Die dort lebenden Eremiten, an die Einsamkeit der Berge gewöhnt, empfingen die Forscher nicht gerade mit offenen Armen. "Die meisten konnten den Sinn der ganzen Sache nicht erkennen, außer dass damit das Interesse einiger merkwürdiger Männer befriedigt werden sollte, die mit Maschinen bepackt durch die Berge liefen", berichtet der Dalai Lama in seinem Buch "Die Welt in einem einzigen Atom".

Erst nach seiner Intervention erklärten sich einige Eremiten bereit, an Davidsons Experimenten teilzunehmen. Doch obwohl die Hirnforscher eine ganze Weile in Dharamsala blieben, "starb damals – ich weiß nicht, ob ich sagen soll, glücklicher- oder unglücklicherweise – kein Meditierender", schreibt der Dalai Lama.

Wissenschaftlich gesehen, ist das klare Licht also noch immer reichlich unklar. Die Meditationsforscher müssen notgedrungen gewöhnlichere Zustände untersuchen, die sich unter Laborbedingungen zuverlässig reproduzieren lassen.

Als einer der Ersten wagte sich 1967 ein Medizinprofessor von der Harvard Medical School an das esoterische Sujet. Herbert Benson verkabelte 36 Anhänger der Transzendentalen Meditation nach allen Regeln der Kunst und maß ihren Herzschlag, Blutdruck sowie die Haut- und Rektaltemperatur. Ergebnis: Während der Meditation verbrauchten die Probanden 17 Prozent weniger Sauerstoff, senkte sich die Herzschlagrate um drei Schläge pro Minute, und die Hirnwellen zeigten erhöhte Ausschläge im Theta-Bereich, die normalerweise nur kurz vor dem Einschlafen auftreten. Benson deutete dies als Beleg dafür, dass Meditation Stress reduziere und zu einem ruhigen, glücklicheren Geisteszustand führe.

Der entspannende Effekt der Meditation wurde inzwischen in vielen Studien nachgewiesen – und nicht nur der. Meditative Praktiken setzen auch die Hautleitfähigkeit herab, beruhigen den Stoffwechsel, senken die Herzfrequenz und stärken angeblich so das Immunsystem. Auch gegen Depressionen, Angst- und Schlafstörungen wirken die "achtsamkeitsbasierten" Techniken. Da solche Effekte jedoch stark von der jeweiligen Disposition eines Patienten abhängen, ist der streng wissenschaftliche Beweis schwer zu führen. Als 2007 die amerikanische Agency for Healthcare Research and Quality alle existierenden Studien zum medizinischen Nutzen von meditativen Methoden verglich, kam sie zu dem Schluss, bislang gebe es noch viele Unsicherheiten, methodische Schwächen und keine klare Evidenz. Und selbst meditationsbegeisterte Mediziner warnen vor überzogenen Hoffnungen: Achtsamkeitsübungen seien kein Allheilmittel. Akut kranke und schwer gestörte Patienten könnten damit auch überfordert sein. Meditative Methoden sollten andere Therapien daher eher ergänzen, nicht ersetzen.

Entspannung kann zudem, wie schon Herbert Benson feststellte, durch alle möglichen Aktivitäten erreicht werden – etwa bewusstes Atmen, Beten, Yoga, Tai-Chi, Joggen oder sogar Stricken. Die Praktiken müssen nur zwei wesentliche Elemente enthalten: das regelmäßige Wiederholen und das Bemühen, dabei alle störenden Gedanken auszuschalten. Im rechten Geiste ausgeübt, kann selbst Straßenkehren zur Entspannung führen, wie Michael Ende in seinem Bestseller Momo verdeutlicht. Darin lässt er den Straßenfeger Beppo das Geheimnis seiner Arbeit so erklären: "Man darf nie an die ganze Straße auf einmal denken, verstehst du? Man muss nur an den nächsten Schritt denken, den nächsten Atemzug, den nächsten Besenstrich". Und nach einer Atempause fügt Beppo hinzu: "Dann macht es Freude; das ist wichtig, dann macht man seine Sache gut. Und so soll es sein".

Macht Meditieren tatsächlich glücklich?


Was aber unterscheidet das Straßenkehren von religiösen Meditationstechniken, wie sie aus dem Buddhismus oder der christlichen Mystik bekannt sind? Haben diese über die Entspannung hinaus noch spezielle Effekte? Richard Davidson ist davon überzeugt. Er durchleuchtet in seinem Labor an der University of Wisconsin in Madison regelmäßig meditierende Mönche mit dem Kernspintomografen. Sein Paradebeispiel ist ein Übersetzer des Dalai Lama, der französische Mönch Matthieu Ricard, der früher einmal Molekularbiologie studierte und seit 30 Jahren im Shechen-Kloster in Kathmandu lebt. Rund 40.000 Stunden Meditationserfahrung hat Ricard gesammelt, und so brachte er – wie sieben andere Mönche – das Kunststück zustande, in Davidsons laut dröhnender Kernspinröhre einen kontemplativen Zustand "unbegrenzter Liebe und vorbehaltlosen Mitgefühls" zu erreichen.

Dabei entstanden von allen acht Meditierenden Hirnbilder mit einem ähnlichen Muster: Stark durchblutet waren jeweils die linke präfrontale Hirnrinde und eine Reihe weiterer Regionen, die alle an der Verarbeitung emotionaler Erfahrungen beteiligt sind. Davidson folgerte, die Mönche würden genau die Bereiche aktivieren, in denen "positive Emotionen" wie Liebe, Mitgefühl und Glück verarbeitet werden. Und die Tatsache, dass diese Hirnareale bei den Mönchen insgesamt aktiver waren als in einer Kontrollgruppe aus nicht meditierenden Studierenden, wertete der Neurobiologe als Beweis dafür, dass sich Nächstenliebe und Glück wie ein Muskel trainieren lassen. Aufgrund dieser Ergebnisse wählte das Magazin "Time" Davidson unter die "hundert Persönlichkeiten, die die Welt verändern". Auch Matthieu Ricard wurde weltberühmt: Da bei ihm die Messgeräte am stärksten ausgeschlagen hatten, kürten ihn Zeitungen zum "glücklichsten Menschen dieses Planeten"; prompt veröffentlichte der Mönch ein Buch mit dem simplen Titel "Glück".

Macht Meditieren also glücklich? Können Davidsons Daten das unumstößlich belegen? Aus wissenschaftlicher Sicht sind noch einige Fragen offen. Erstens fehlt noch eine Bestätigung von unabhängiger Seite. Und zweitens ist es recht kühn, die Kernspindaten gleich als Beweis für die Hervorbringung so komplexer Gefühle wie "Glück" oder "Liebe" zu deuten. Denn ob sich die betreffende Person tatsächlich glücklich oder liebevoll fühlt und ob sie sich auch wirklich soverhält, können die farbigen Hirnscans nicht belegen.

Und noch etwas irritiert: Kürzlich wurde zum Beispiel an der Universität Bremen der deutschstämmige Zen-Mönch Michael Sabaß untersucht. Dessen EEG zeigte während der Meditation ein ganz anderes Hirnwellenmuster als das von Matthieu Ricard. War der eine konzentrierter bei der Sache als der andere? Oder funkt es in Hirnen tibetischer Buddhisten einfach anders als in denen von Zen-Mönchen, obwohl doch beide der Lehre des Buddha anhängen?

Solche Vergleiche zeigen, wie schwierig die Interpretation der Meditationsforschung ist. Entscheidend ist eben nicht nur, wie intensiv jemand meditiert, sondern auch, welcher Tradition er folgt: Im Zen-Buddhismus steht weniger das Hervorbringen eines liebevollen Mitgefühls im Mittelpunkt, sondern eher das Erreichen eines ungetrübten "Grundzustandes des Geistes".

Ein Missverständnis ist es zudem, zu glauben, beim Meditieren gehe es vor allem um individuelle Glücksgefühle. Buddhistische Praktiken haben gerade nicht das Ziel, unser Ego in einen wohligen Glücksrausch zu versetzen, sondern dienen im Gegenteil dazu, unsere egoistische Struktur auf einer viel tieferen Ebene zu durchschauen.

In der buddhistischen Meditation "kultivieren wir nicht das Ego, sondern Achtsamkeit und Weisheit", sagt der Religionswissenschaftler und praktizierende Buddhist Alan Wallace. Da sei es ja schön und gut, wenn die Forschung nachweise, dass Meditation Stress reduziere oder das Immunsystem stärke. "Aber der Buddha ist nicht im Alter von 29 Jahren aus seinem Königshaus ausgezogen, um eine Methode zu finden, Hämorrhoiden zu kurieren". Meditation sei nun einmal keine Therapie; auch in Tibet seien für die Kranken Ärzte zuständig und nicht die Meditationslehrer.

Um zu zeigen, wie meditative Methoden auf lange Sicht die Persönlichkeit verändern, hat Wallace das sogenannte Shamatha-Projekt ins Leben gerufen: In einer Langzeitstudie will er Praktizierende mehrere Monate lang wissenschaftlich begleiten und Veränderungen dokumentieren. Dieser Versuch weist in die richtige Richtung. Denn echte, tief greifende Verhaltensänderungen brauchen Zeit; und ob sich jemand im Laufe einer meditativen Praxis wirklich weiterentwickelt oder ob er nur eine Art Erleuchtungsdünkel kultiviert, zeigt sich oft erst nach Jahren oder Jahrzehnten.

Bis die Ergebnisse vorliegen, wissen wir nur: Meditative Praktiken beeinflussen die neuronale Aktivität des Gehirns und die psychologische und emotionale Disposition der Praktizierenden. Sie sind also, um das gern gepflegte Vorurteil zu widerlegen, mehr als nur Rumsitzen und Nichtstun.Ob und wie sich allerdings eine meditative Praxis auswirkt, hängt sowohl von der Methode als auch von der inneren Einstellung eines Übenden ab.

Wer nun wissen will, was meditative Praktiken tatsächlich bewirken, dem bleibt bis auf Weiteres nur eines: die Sache selbst zu erproben. Denn das beste Messgerät, um den Zustand des eigenen Geistes zu erfassen, ist immer noch der eigene Geist.


Dieser Text ist ein gekürzter Auszug aus dem neuen Buch von Ulrch Schnabel: Die Vermessung des Glaubens. Es erscheint im September im Karl Blessing Verlag.

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