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22. Juli 2004, 09:13 Uhr

Medizin

Kindstod kann in den Genen lauern

Es ist der Alptraum junger Eltern: Ihr Baby, das abends noch kerngesund schien, liegt am frühen Morgen tot im Bett. US-Forscher haben jetzt herausgefunden, dass zumindest ein Teil der Fälle von plötzlichem Kindstod genetische Ursachen haben könnte.

Säuglinge: Plötzlicher Kindstod könnte auch genetische Gründe haben
DPA

Säuglinge: Plötzlicher Kindstod könnte auch genetische Gründe haben

Wenn Ärzte sich den Tod eines bis zu zwölf Monate alten Kindes nicht erklären können, diagnostizieren sie oft den plötzlichen Kindstod, auch bekannt als "SIDS" (Sudden Infant Death Syndrome). Rund 500 dieser rätselhaften Todesfälle gibt es jährlich in Deutschland. Junge, unerfahrene und rauchende Mütter, Schlafen in Bauchlage und ein zu frühes Ende der Stillzeit werden als Risikofaktoren gehandelt. Die genauen Ursachen aber sind bis jetzt unbekannt.

US-Forscher haben jetzt ein Indiz dafür gefunden, dass zumindest einige Fälle genetisch bedingt sein könnten. Ein Team um Dietrich Stephan vom Genomics Research Institute in Phoenix hat die Häufung unerklärter Todesfälle unter Kleinkindern in einer Gemeinde der Amish-Sekte im US-Bundesstaat Pennsylvania untersucht. Innerhalb von nur zwei Generationen waren 21 Kinder von neun Familien an akutem Herz- und Atemstillstand gestorben.

Wie die Mediziner in der Fachzeitschrift "Proceedings of the National Academy of Sciences" (Online-Vorabveröffentlichung) berichten, fanden sie bei ihren Untersuchungen ein verändertes Gen, dessen Funktion bislang unbekannt ist.

Die Forscher untersuchten das Erbgut von vier der verstorbenen Kinder und wurden fündig: Bei allen Säuglingen waren beide Kopien eines Gens namens TSPYL deutlich verändert. Dagegen fanden die Forscher bei den gesunden Verwandten der Kinder maximal eine Kopie des veränderten Gens, das sowohl im Gehirn als auch in den Geschlechtsorganen aktiv ist. Ein Teil der männlichen Kinder mit der Genveränderung hatte auch leicht missgebildete Hoden, schreiben die Wissenschaftler. Bei den Erstuntersuchungen in Krankenhäusern wurden keine auffälligen Symptome festgestellt.

Die Entdeckung könnte eine frühzeitige Einschätzung ermöglichen, ob Kinder zu einer Risikogruppe gehören oder nicht, berichten Stephan und seine Kollegen. Als nächstes wollen die Wissenschaftler untersuchen, wie häufig die entdeckte Genveränderung in der Gesamtbevölkerung vorkommt und welchen Einfluss das Gen auf Atmung und Herzschlag bei gesunden Säuglingen hat.

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