Medizin Marihuana-ähnlicher Stoff als Schmerzkiller

Wie seit Jahrhunderten bekannt ist, stillt Cannabis Schmerzen. Dafür gibt es nun eine Erklärung: Tierversuche zeigen, dass zur Schmerzlinderung ein Marihuana-ähnlicher Stoff im Gehirn freigesetzt wird.


Die schmerzlindernde Wirkung von Cannabis ist jetzt geklärt
DPA

Die schmerzlindernde Wirkung von Cannabis ist jetzt geklärt

Washington - Schmerz löst die Freigabe eines natürlichen Stoffes im Gehirn aus, der eine sehr ähnliche chemische Zusammensetzung wie Marihuana hat. Diese nun von US-Forschern bestätigte Vermutung hilft zu erklären, warum Marihuana Schmerz lindern kann. Sie schließt an zahlreiche Studien an, die nachweisen, dass die Substanz, die zur Gruppe der Anandamiden gehört, im Gehirn eine Fülle von wichtigen Aufgaben erfüllt.

Anandamide sind Neurotransmitter, die Erregungen an das Nervensystem übermitteln. Sie sind bekannt dafür, dass ihre chemische Zusammensetzung der von Cannabinoiden in Cannabis oder Marihuana sehr ähnlich sind. Cannabis wird bereits seit Jahrhunderten eingesetzt, um Schmerz zu stillen.

Michael Walker, Psychologie-Professor an der Brown University in Providence, Rhode Island, und seine Kollegen fanden bei Versuchen mit Ratten heraus, dass das Gehirn Anandamide produziert, wenn die Stelle gereizt wird, die für ihre wichtige Rolle bei der Schmerzlinderung bekannt ist. Auch nach einer schmerzhaften Formalin-Spritze wurde ein Anandamid hergestellt. Die Absonderung von Anandamid lindere Schmerz, schrieben die Forscher in den Berichten der National Academy of Sciences.

Die Wissenschaftler betäubten die Ratten, konnten aber die Schmerz-Signale und den Verlauf des Anandamides mittels eines neuen Massen-Spektrometers messen, das auch die geringste Menge einer Substanz wahrnimmt. Walker sagt, die erlangten Erkenntnisse könnten genutzt werden, um neue Schmerzmittel zu entwickeln. Ein Medikament, das die Konzentration von Anandamid steigert, könnte nützlich sein.

"Es gibt einige Arten von Schmerz, die nicht gut mit den zur Verfügung stehenden Mitteln behandelt werden können," sagte er in einer Stellungnahme. "Die Aussicht, dass man verschiedene Methoden der Schmerzlinderung für verschiedene Arten von Schmerz entwickeln könnte, ist vielversprechend."

Weitere Forschung hat bereits eine Fülle anderer Funktionen entdeckt, die Anandamide im Körper erfüllen können. Im Mai haben Forscher der University of California in Irvine beispielsweise herausgefunden, dass Schizophrene doppelt so viel dieser Substanz in ihrem Gehirn haben wie andere Menschen. Anandamide können außerdem auch die Körperbewegung und -koordination verbessern und Spermien helfen, zum Ei zu gelangen und dieses zu befruchten.



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