Medizingeschichte Götter, Gifte und Gebrechen

Ob Priapos und Ödipus, Achilles oder Ires: Im medizinischen Fachvokabular haben viele antike Mythen überlebt - oft als Namenspatronen für delikate Diagnosen. Eine Entdeckungsreise durch die Geschichte von Medizin und Pharmazie.

Von Axel Karenberg


Nein, schön war Priapos wirklich nicht. Ab einer gewissen Größe wirkt das männliche Glied doch eher grotesk. Dennoch fehlte sein Abbild in kaum einem griechischen Haushalt, symbolisierte er doch die urtümliche Zeugungskraft. Zudem galt der Gott mit dem monströsen Penis als Hüter der Gärten und Weinberge, als Spender von Wohlstand und Reichtum, als Träger von magischen und Unheil abwehrenden Kräften.

Aphrodite (Marmorskulptur): Die Liebesgöttin diente den Pharmazeuten als Patin für ihre Potenzmittelchen
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Aphrodite (Marmorskulptur): Die Liebesgöttin diente den Pharmazeuten als Patin für ihre Potenzmittelchen

So wundert es nicht, dass die um genaue Krankheitsbeschreibungen und -benennungen bemühten Mediziner der griechisch-römischen Epoche sich die Auffälligkeit seiner Gestalt zu Nutze machten. Claudius Galen (129–um 200 n. Chr.), der berühmteste Arzt seiner Zeit, erkannte im protzenden Patron den Musterfall für ein äußerst unangenehmes Männerleiden: "Der Priapismus ist eine Vergrößerung des gesamten männlichen Gliedes hinsichtlich Länge und Größe, ohne geschlechtliches Begehren."

Ähnlich einfallsreich definierten schon Galens Kollegen im 1. Jahrhundert als Satyriasis eine extrem heftige sexuelle Begierde, die bisweilen tödlich ende: "Genannt wird (die Erkrankung) aber … in übertragener Weise nach … den Satyrn, die man sich … als trunkene und zum Geschlechtsverkehr stets bereite Dämonen vorzustellen hat."

Beide Bezeichnungen haben bis in unsere Zeit überlebt. Die Götter und Heroen der klassischen Sagenwelt sind seit jeher nicht nur in Museen und Bibliotheken daheim, sondern auch in der Heilkunde. Dabei gerieten Herkunft und Kontext in Vergessenheit oder wurden mit Nichtachtung gestraft, steht doch das Mystisch-Mythische offenkundig im Gegensatz zur rationalen Welt der Wissenschaft.

Gegen Ende des 16. Jahrhunderts, als sich die Gelehrten des Abendlands von den Fesseln des Mittelalters lösten und die Anatomie des Menschen an Leichen studierten, wurde ein Rebell zum Namensgeber für den ersten Halswirbel: Atlas, der Titanensohn, der sich einem Aufstand gegen den Göttervater Zeus anschloss und als Strafe fortan "den Himmel mit Haupt und Armen" zu stützen hatte. Sein Schicksal bewegte in der Folge auch Architekten, die Pfeiler und Säulen durch kräftige Männerstatuen ersetzten und diesen "Atlanten" das Gewicht von Gebälk und Gesims aufbürdeten. Auch eine erste Kartensammlung, quasi ein Abbild der Last, die Atlas schulterte, erhielt seinen Namen.

Fast noch populärer ist heute die sprichwörtliche Achillesferse – unser aller wunder Punkt – und die Achillessehne, die den kräftigsten Muskel des Unterschenkels mit dem Fußskelett verbindet. Seine Mutter tauchte Achilles in die Fluten des Unterweltflusses Styx, um ihn gegen Hiebe und Stiche aller Art zu feien und unangreifbar zu machen. Die Ferse jedoch, an der sie den Knaben dabei festhielt, blieb unbenetzt. Daher war der rundum Gepanzerte nur an dieser einen Stelle verletzbar, an der ihn später denn auch der – von Paris abgeschossene und von Apoll gelenkte – Giftpfeil tödlich verwundete. Mit großer Wahrscheinlichkeit lag der Benennung der stärksten Sehne nach dem stärksten Griechen vor Troia diese Szene zu Grunde. Allerdings entstammt sie nicht, wie gern angenommen, der "Ilias" des Homer, sondern einem Werk namens "Achilleis" des Papinius Statius aus dem 1. Jahrhundert.

Warum die Achillessehne nicht "Hektorsehne" heißt Homer hätte nach allen Regeln wohl eher eine Vorlage für eine "Hektorsehne" offeriert. Im 22. Gesang der Ilias beschreibt er nämlich, wie Achilles den Troianerprinzen Hektor im Zweikampf tötet, den Leichnam an seinen Kampfwagen bindet und anschließend um die Mauern der verhassten Stadt zieht: "Denn er (Achill) durchbohrte ihm (Hektor) hinten die Sehnen/Zwischen Knöchel und Ferse, durchzog sie mit rindernen Riemen/Band am Wagen sie fest, dass der Kopf am Boden ihm schleifte." Doch daran dachte der flämische Anatom Philipp Verheyen (1648–1710) wohl kaum, als er den Terminus Tendo Achillis beziehungsweise Achillessehne prägte. Ein harter Bursche war er selbst, da er den Sehnenansatz bei der Sektion des eigenen, kurz zuvor amputierten Beins entdeckte. Es ist anzunehmen, dass er die verlorene Sehne lieber nach dem siegreichen Heroen benannte.

Auch den sagenumwobenen Damen des Olymp war bisweilen ein wissenschaftliches Nachleben vergönnt. Etwa ein gutes Viertel der knapp dreißig mythologisch-medizinischen Namenspatrone sind weiblichen Geschlechts – von Aphrodite (die römische Venus) über die Gorgo Medusa und die Parze Atropos bis zu den Sirenen und der Minerva.

Zu diesem Kreis gehört auch Iris. Die "eilige", "windschnelle" und "sturmesgeschwinde" Botin der First Lady Hera personifizierte in der griechischen Mythologie den Regenbogen. Deshalb nutzten antike Botaniker bereits früh ihren Namen für die bunt blühenden Schwertlilien. Erst um 100 n. Chr. kam das menschliche Sehorgan ins Spiel. Eine Haut, "jene, die sich von der Pupille bis zum Weißen des Auges erstreckt" – so der Medicus Rufus von Ephesos im 1. Jahrhundert n. Chr. –, erhielt wegen ihrer schillernden Farbigkeit das Etikett "Regenbogenhaut" oder Iris.

Viel verzweigter und verworrener dagegen stellt sich die Entwicklung im Fall der Nymphen dar, jener anmutigen Mädchengestalten, die in der antiken Mythologie singend, tanzend und musizierend das Naturleben in Wald und Flur, aber auch in Seen, Flüssen und Quellen bereicherten: Die lymphae (lateinisch für Wasser) sind benannt nach den nymphae (griechische Bezeichnung für Wassergeister).

Ein Grammatiker des 2. Jahrhunderts n. Chr. bezeugt diese sprachliche Verschränkung. Mit diesem Begriff bezeichneten die Ärzte seinerzeit das im Körper von Patienten anzutreffende "Wasser", obwohl erst ihre Kollegen um 1600 die Lymphgefäße und die Lymphflüssigkeit entdecken sollten. Wie sehr die grazilen Nymphen noch die Heilkundigen des 18. Jahrhunderts inspirierten, zeigt sich in der "Nymphomanie", einem Krankheitsbegriff für ein exzessives weibliches Sexualleben. Dabei kam vieles zusammen, insbesondere die Gewohnheit, bestimmte Teile des äußeren weiblichen Genitals als Nymphen anzusprechen, sowie die schon in der Antike den kleinen Dämoninnen zugeschriebene verzückende Wirkung.

Vor allem die Nomenklatur der Psychiatrie profitiert bis heute nachhaltig von mythischen Vorbildern der Seelenerforschung. Sigmund Freud (1856–1939) und seine Mitstreiter hatten sogar angenommen, dass die alten Erzählungen typische Konfliktkonstellationen und deren unbewusste Entstehungs- und Lösungsmöglichkeiten durchspielen. Die uralte Kunde vom König Ödipus lieferte dafür das geläufigste Modell.

Im Schatten des Unbewussten

Im klassischen Drama des Sophokles (496–406 v. Chr.) warnte das delphische Orakel den thebanischen König Laios, er werde dereinst von der Hand eines Nachkommen getötet. Kürzlich hatte diesem seine Frau Iokaste einen Sohn geboren, doch um dem Schicksal zu entgehen, ließ der Vater das Kleinkind in der Wildnis aussetzen. Der Junge überlebte und wurde an einem fremden Königshof an Sohnes statt aufgenommen. Später prophezeite ihm das delphische Orakel Vatermord und Mutterheirat.

Gerade weil Ödipus nun versuchte, dem Schicksal ein Schnippchen zu schlagen, und das vermeintliche Elternhaus verließ, erfüllte sich die Vorhersage: Bei einem Streit erschlug er unwissentlich den leiblichen Vater, und als er Theben vor einem Ungeheuer rettete, waren Krone samt Königin – seiner Mutter – der Lohn. Doch Unkenntnis schützte ihn vor Strafe nicht. Nach Jahren des Glücks brach Unheil über Theben herein, die Blutschande wurde aufdeckt. Ödipus, von eigener Hand geblendet, ging in die Verbannung.

Im Ödipuskomplex, der Umdeutung der Psychoanalyse, blieb von dieser tragischen Geschichte wenig übrig. Das göttlich gewollte Schicksal geriet zum "Unbewussten", und die im Drama voneinander unabhängigen Ereignisse Vatermord und Mutterinzest verknüpfte Freud kunstvoll: Um Mutter und Machtposition zu gewinnen, hege ein Sohn Mordgelüste. Analog dazu konstruierte Carl Gustav Jung (1875–1961) den Elektrakomplex. Doch das Los der Elektra, die gemeinsam mit dem Bruder Orest ihre ehebrecherische Mutter tötete, um den heimtückischen Mord an ihrem Vater Agamemnon zu rächen, ließ sich offenbar noch schlechter in die tiefenpsychologische Konfliktlehre einpassen – weshalb Psychoanalytiker heute lieber vom "weiblichen Ödipuskomplex" sprechen.

  • 1. Teil: Götter, Gifte und Gebrechen
  • 2. Teil


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