»Nature«-Studien zur Eisschmelze Anstieg des Meeresspiegels könnte bis 2100 halbiert werden

Mit höheren Klimazielen könnte ein dramatischer Anstieg des Meeresspiegels noch verhindert werden, fanden Forscher im Abgleich Hunderter Computersimulationen heraus. Ansonsten drohe Land unter.
Ein Eisberg im südlichen Ozean, aufgenommen vom chinesischen Eisbrecher »Xuelong 2«: Die Hitzewellen in der Antarktis beunruhigen die Forscher schon seit Jahren

Ein Eisberg im südlichen Ozean, aufgenommen vom chinesischen Eisbrecher »Xuelong 2«: Die Hitzewellen in der Antarktis beunruhigen die Forscher schon seit Jahren

Foto: Liu Shiping / XinHua / picture alliance / dpa

Forscher haben erstmals beziffert, welchen Einfluss höhere Klimaziele auf das Leben an den Küsten der Weltmeere haben: Schafft es die Weltgemeinschaft, die globale Erwärmung auf 1,5 Grad zu begrenzen, könnte sich der prognostizierte Anstieg des Meeresspiegels im 21. Jahrhunderts halbieren, heißt es in einer Studie, die im Fachmagazin »Nature«  veröffentlicht wurde.

Wenn die von den Ländern bereits eingereichten Klimaziele eingehalten werden, steigt das Meer bis 2100 um durchschnittlich 25 Zentimeter, bei 1,5-Grad konformen Zielen nur um 13 Zentimeter. Für die Untersuchung glich das internationale Forscherteam die Ergebnisse von Hunderten Computersimulationen auf der ganzen Welt ab. Wenn die Emissionen nicht drastisch reduziert werden, geht der Weltklimarat mittlerweile von einem Anstieg von mehr als einem Meter bis 2100 aus.

Für die Hälfte des Meeresspiegel-Anstiegs sind die Gletscher und schmelzenden Eismassen der Erde verantwortlich, so die Autoren. Das Schmelzen der Antarktis könnte zu einem »dramatischen« Anstieg des Meeresspiegels führen, wenn die Länder die globale Erwärmung nicht unter zwei Grad Celsius halten, erklärten die Studienautoren am Mittwoch bei der Vorstellung der Studie.

Satellitenaufnahme vom Februar 2020: Eisberge lösen sich vom Pine-Island-Gletscher in der Antarktis

Satellitenaufnahme vom Februar 2020: Eisberge lösen sich vom Pine-Island-Gletscher in der Antarktis

Foto: NASA / REUTERS

Bei einem Drei-Grad-Szenario, das die Welt bei den derzeitigen Emissionsmengen ansteuert, würde der Meeresspiegel nach 2060 weltweit sogar um »katastrophale« fünf Zentimeter pro Jahr steigen. Allein die Antarktis könnte längerfristig insgesamt 42 Zentimeter zum globalen Anstieg des Meeresspiegels beitragen.

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Die Forscher verwendeten für ihre Berechnungen ein Modell, das auf Satellitenbeobachtungen, Klimadaten und maschinellem Lernen basiert, um den Eisverlust der Region unter Einbeziehung von verschiedenen Klimazielen vorherzusagen. Sie beziehen sich auf den von den Staaten 2015 beschlossenen Uno-Vertrag. Dort verpflichten sich die Länder, den Anstieg der globalen Durchschnittstemperatur unter zwei Grad zu halten und Anstrengungen zu unternehmen, möglichst bei 1,5 Grad zu bleiben.

Massiver Eisverlust nach 2060

Eine ebenfalls diese Woche publizierte »Nature«-Studie  kommt zu ähnlichen Schlüssen. Die Geschwindigkeit des Eisverlusts in der Antarktis könnte sich bei einer Erwärmung von den angestrebten »unter zwei Grad Celsius« auf dem heutigen Stand stabilisieren. Beim Drei-Grad-Szenario könnte es ab 2060 aber zu einem plötzlichen Anstieg des Eisverlusts in der Antarktis  kommen. Bis 2100 könnte das Meer dann allein durch diese Schmelze rund 0,5 Zentimeter pro Jahr steigen. Bei einer schnelleren Erwärmung nimmt der Wert entsprechend zu.

»Der Zusammenbruch der Eisdecke ist über Tausende von Jahren irreversibel, und wenn die Eisdecke der Antarktis instabil wird, könnte sie sich über Jahrhunderte zurückziehen«, sagte Studienautor Daniel M. Gilford vom Rutgers Earth System Science & Policy Lab. Sollte die Antarktis »kippen«, könnten auch strenge Klimaziele oder Technologien zur Entfernung von CO₂ aus der Atmosphäre daran nichts mehr ändern, so Gilford.

Vom Meeresspiegel-Anstieg sind zuerst Länder wie Bangladesch betroffen, die bereits heute unter extremen Stürmen und Überschwemmungen leiden. Millionen Menschen könnten durch das steigende Wasser vertrieben werden. Eine Studie der American Geophysical Union sagt voraus, dass allein in Bangladesch bis 2050 mehr als 1,3 Millionen Menschen vertrieben werden könnten.

sug/reuters