Mensch-Tier-Transplantation Wettlauf um das Schweineherz

Hunderte Menschen sterben jährlich, weil Spenderherzen fehlen. Nun sollen genmanipulierte Schweine Organe liefern. Ein deutscher Herzspezialist und sein US-Kollege wetteifern um den Durchbruch, der Ruhm und Geld verspricht. Kritiker aber warnen davor, Tiere als Ersatzteillager zu missbrauchen.

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Am 3. Dezember 1967 bekam Louis Washkansky, 55, ein neues Herz - und die Welt eine Sensation: Die erste Herztransplantation war gelungen. Washkansky überlebte immerhin 18 Tage mit dem Organ der 25-jährigen Denise Darvall, die bei einem Autounfall ums Leben gekommen war. Eine Menge Ärzte und Helfer am Groote-Schuur-Krankenhaus im südafrikanischen Kapstadt hatten zu diesem medizinischen Erfolg beigetragen. Zu Weltruhm allerdings kam nur einer: Christiaan Barnard, der Chef des Ärzteteams. Der erste Chirurg, dem eine Herztransplantation gelang.

Barnard hatte viel vom Herzspezialisten Norman Shumway aus dem kalifornischen Stanford gelernt. Shumway und sein Kollege Richard Lower hatten in Stanford die Vorarbeit für Barnards Pioniertat geleistet; ihnen war Ende der fünfziger Jahre erstmals eine Herzübertragung von Hund zu Hund gelungen. Shumway selbst führte seine erste Herztransplantation am Menschen nur einen Monat nach Barnard aus, im Januar 1968. Man könnte sagen: einen Monat zu spät. Sein Patient überlebte 15 Tage, 3 Tage weniger als Washkansky.

Bald vier Jahrzehnte später kennen nur noch Experten Shumway und Lower. Nach Barnard wird in Quizsendungen gefragt. The winner takes it all.

Die Herzchirurgie steht jetzt wieder vor einem solchen Durchbruch. Diesmal geht es darum, eine Lösung für den eklatanten Mangel an menschlichen Organen zu finden. Schweine sollen dabei helfen. Und Paviane.

Paviane überleben zwischen 26 und 96 Tage

Bruno Reichart, Direktor der herzchirurgischen Abteilung am Klinikum Großhadern der Universität München, und Christopher McGregor von der Mayo Clinic in Rochester, Minnesota arbeiten daran, dass in naher Zukunft Schweineherzen in Menschen verpflanzt werden können. Die Pumpe dieser Tiere ähnelt der menschlichen in Anatomie und Größe. In drei oder vier Jahren, so heißt es, könnten erste Versuche an Patienten beginnen. Bislang wird die Operation an Pavianen geübt. In München überleben die Affen mit dem Transplantat bis zu 26 Tage. In Rochester schwankt die Überlebensdauer zwischen 60 und 96 Tagen - je nachdem, ob das Schweineherz das ursprüngliche Organ ersetzt oder zusätzlich in den Bauchraum eingesetzt wird.

McGregor führt in dem Rennen, das er selbst und sein Münchner Kollege nicht als Rennen bezeichnen wollen. Shumway wollte das damals auch nicht.

Das Ziel ist eine gelungene Xenotransplantation (von xenos, Griechisch für "der Fremde"). Die verlockende Idee: Statt händeringend auf Spenderherzen zu warten, könnte man einfach so viele Herzen produzieren, wie benötigt werden. Schweine lassen sich problemlos züchten, werden nach nur einem halben Jahr geschlechtsreif und werfen nach nur vier Monaten Trächtigkeit im Durchschnitt acht Junge. Ein Riesenproblem wäre gelöst.

Allein in Deutschland warteten im vergangenen Jahr 900 Menschen auf ein neues Herz, nur etwa jeder Dritte bekam ein Spenderorgan. Bislang gibt es zwei Möglichkeiten, um die Warteliste zu verlassen: die lebensrettende Organspende oder der Tod. Künstliche Herzen sind bislang keine langfristige Alternative. Jedes Jahr sterben bis zu 30 Prozent der Patienten auf der Warteliste, weil sie nicht rechtzeitig ein Transplantat erhalten. Wer hier eine Lösung findet, geht als nächster großer Herzchirurg in die Geschichte ein.

Noch rebelliert das Immunsystem

Doch noch macht die Natur nicht mit. Es ist das alte Problem mit der Abstoßung: das Immunsystem rebelliert gegen das fremde Organ. In langjähriger Forschungsarbeit haben Mediziner und Pharmakonzerne Medikamente entwickelt, um die Immunreaktion des Körpers auf ein fremdes Herz, eine neue Lunge, Leber oder Niere unterdrücken zu können. Dabei aber handelt es sich ausschließlich um Organe von menschlichen Spendern. Der Weg, bis der menschliche Körper ein tierisches Organ akzeptiert, ist noch weit.

"Wenn ein Pavian, dessen Herz durch ein Schweineherz ersetzt wurde, im Schnitt drei Monate überlebt, können wir mit klinischen Tests an Menschen beginnen", sagt McGregor. "Ich schätze, das wird 2010 oder 2011 so weit sein." Bislang verursachten noch Eiweißstoffe auf der Oberfläche der Schweineherzen bei Pavianen Abstoßungsreaktionen, sagt McGregor. "Es geht darum, dass man diese Oberflächenstoffe durch genetische Veränderungen so weit reduziert, dass keine Antikörperreaktion mehr stattfindet", erklärt sein Kollege Reichart.



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