Menschlicher Geschmack Seit 80.000 Jahren sensibel für Bitteres

Bereits seit mindestens 80.000 Jahren können Menschen Bitterstoffe schmecken. Die Fähigkeit half, giftige Pflanzen von essbaren zu unterscheiden, fanden Wissenschaftler bei Genanalysen heraus.


Mit dem Geschmackssinn erobern Babys die Welt. Und auch wenn sie größer werden, liefert die Zunge wichtige, unter Umständen sogar lebenswichtige Informationen. Ob eine unbekannte Pflanze gegessen wird oder nicht, ist vor allem eine Frage ihres Geschmacks. Vor allem Bitteres meidet der Mensch - und zwar schon seit Tausenden Jahren, wie ein internationales Forscherteam jetzt herausgefunden hat.

Nicole Soranzo vom University College in London und ihre Kollegen hatten die Gene von knapp 1000 Probanden aus 60 verschiedenen Volksgruppen analysiert. Dabei konnten sie ein spezielles Gen ausfindig machen, das für das Schmecken von zyanidhaltigen Substanzen eine Schlüsselrolle spielt.

Diese in manchen Früchten oder Blättern vorkommenden Stoffe sind meistens giftig. Die Fähigkeit, zuverlässig Bitterstoffe zu erkennen, war deshalb für den frühen Menschen ein evolutionärer Vorteil, schreiben die Forscher im Fachmagazin "Current Biology" (Bd. 15, S.1257).

Die weitere Analyse ergab, dass sich diese besondere Genvariante bereits früh in der Menschheitsgeschichte ausbildete. Demnach besaßen die Vorfahren des modernen Menschen die Mutation schon vor 80.000 bis 800.000 Jahren. Bevor nach der gängigen Theorie die ersten Auswanderer von Afrika aus die Welt besiedelten, konnte der Mensch also wohl bereits zuverlässig Bitterstoffe erkennen - auf jeden Fall aber lange bevor er mit Ackerbau und Viehzucht begann, erklärten die Forscher.

Während ein ausgeprägter Geschmackssinn für Bitteres früher lebenswichtig sein konnte, sei dieser heute eher hinderlich, schreiben Soranzo und ihre Kollegen: Manche bittere Pflanze ist keineswegs giftig, sondern enthält Substanzen, die gegen Krebs vorbeugen und vor Herz-Kreislauf-Erkrankungen schützen. Viele Menschen meiden diese Nahrungsmittel jedoch wegen des bitteren Geschmacks.



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