Menschlicher Vorfahr Pekingmensch ist älter als gedacht

Überraschung für Anthropologen: Der sogenannte Pekingmensch, dessen Überreste in den zwanziger Jahren gefunden wurden, ist mindestens 200.000 Jahre älter als bisher angenommen. Forscher können jetzt die Wanderungen der Urmenschen genauer rekonstruieren.


Der Pekingmensch, so glaubten Wissenschaftler bisher, lebte vor 400.000 bis 600.000 Jahren. Doch chinesische Forscher haben die Knochen jetzt neu datiert. Das Ergebnis: Die versteinerten Überreste des Homo erectus sind 780.000 Jahre alt. Das bedeutet, dass unsere Vorfahren auch während der damaligen als mild eingestuften Eiszeit die Region um das heutige Peking bewohnt haben, schreiben die Forscher um Guanjun Shen von der Normal University in Nanjing im Fachmagazin "Nature".

Der Homo erectus pekinensis gilt als Bindeglied zwischen Homo habilis, der vor 2,2 bis 1,6 Millionen Jahren in Ostafrika lebte, und Homo sapiens, dem modernen Menschen. Der Name Pekingmensch geht auf den Fundort in einer Höhle in Zhoukoudian, einem Stadtbezirk Pekings, zurück. Dort hatte ein internationales Forscherteam zwischen 1921 und 1937 die fossilen Überreste von 45 Hominiden entdeckt. Die zunächst als Sinanthropus pekinensis bezeichnete Art wird heute dem Homo erectus untergeordnet, da die Funde ähnliche biometrische Merkmale aufweisen. Vor allem das Hirnvolumen ist auffällig: Mit durchschnittlich 1043 Kubikzentimetern ist es deutlich größer als das von Homo habilis, der es nur auf 600 bis 700 Kubikzentimeter bringt. Homo sapiens hat ein Gehirnvolumen von rund 1345 Kubikzentimetern.

Parallele Wanderungsbewegung durch Eurasien

Shen und seinen Kollegen gelang nun erstmals eine eindeutige Datierung. Dabei nutzten die Forscher die sogenannte Aluminium-Beryllium-Methode, mit der zwar nicht das Alter der Knochen selbst bestimmt werden kann, wohl aber das des anhaftenden Sandes: In Quarz, der an der Erdoberfläche lagert und damit der kosmischen Strahlung ausgesetzt ist, stehen die Isotope der beiden Elemente Aluminium und Beryllium in einem bestimmten Verhältnis zueinander. Wird der Quarz von der kosmischen Strahlung abgeschirmt - in diesem Fall durch die Höhle -, setzt der radioaktive Zerfall der Isotope ein. Aus der Differenz des normalen Verhältnisses zu dem des fossilen Gesteins lässt sich das ungefähre Alter des Quarzes berechnen.

In Verbindung mit anderen aktuellen Studien, so die Forscher, könne ihre neue Datierung die Wanderungsbewegungen der menschlichen Vorfahren präzisieren. Bisher ging die Mehrzahl der Wissenschaftler davon aus, dass Angehörige der Hominiden-Art Homo erectus vor etwa zwei Millionen Jahren von Afrika über die arabische Halbinsel in Richtung des indischen Subkontinents und entlang der asiatischen Küsten wanderten. Auf der indonesischen Insel Java wurden 1892 zum ersten Mal Überreste des Homo erectus gefunden. Der sogenannte Javamensch wird auf ein Alter von 1,6 Millionen Jahren geschätzt. Eine andere Gruppe sei in nördlicher Richtung nach Peking gewandert.

Die nun veröffentlichten Erkenntnisse deuten darauf hin, dass es eine parallele Wanderungsbewegung durch den eurasischen Kontinent etwa über das Gebiet des heutigen Georgien gegeben habe, wo der Homo erectus schon vor 1,8 Millionen Jahren angekommen sei.

Die Forscher erwarten, dass dank der Aluminium-Beryllium-Methode künftig auch andere Hominiden-Funde genauer datiert werden können. Dies wäre ein wichtiger Beitrag zum Aufbau einer durchgängigen Chronologie und zum besseren Verständnis der menschlichen Entwicklung.

lub/AFP/ddp



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