Merkels Notfallmechanismus "Der dahinterliegende Gedanke ist erst mal richtig"

Wenn die Fallzahlen an einem Ort steigen, sollen künftig lokale Corona-Beschränkungen gelten. Das sei sinnvoll, lenke aber von einem wichtigen Problem ab, sagt Epidemiologe Gérard Krause dem SPIEGEL.
Verpackte Sitzgelegenheiten in Stuttgart: "Situation geografisch und zeitlich sehr unterschiedlich"

Verpackte Sitzgelegenheiten in Stuttgart: "Situation geografisch und zeitlich sehr unterschiedlich"

Foto: Marijan Murat/ dpa

Die Liste der Kennzahlen, die bisher in der Coronakrise Beachtung gefunden haben, ist lang: Mal blickte Deutschland gebannt auf die absoluten Fallzahlen, dann rückte die Verdopplungszeit in den Vordergrund und zuletzt hieß es aus dem Kanzleramt, die Reproduktionszahl sei entscheidend. Geschuldet war dieses Hin und Her nicht nur der unvorhersehbaren Dynamik der Pandemie, sondern auch den notwendigen Versuchen, unsichere wissenschaftliche Erkenntnisse in eine nachvollziehbare Politik zu gießen.

Und genau diese Entwicklung setzt sich nun fort. Denn seit am Dienstagabend die ersten Details zum Konzept des Bundes für weitere Lockerungen der Corona-Maßnahmen durchsickerten, ist klar, dass die Menschen in Deutschland in den kommenden Wochen auf einen neuen Wert schauen werden: Es handelt sich um die Neuinfektionen je 100.000 Einwohner in einem Zeitraum von sieben Tagen.

Was hat es damit auf sich? Zuletzt war die Ansteckungsrate, also die sogenannte Reproduktionszahl, deutschlandweit unter den Wert von 1 gesunken. Das bedeutet, dass mittlerweile jeder Corona-Infizierte im Schnitt weniger als eine weitere Person ansteckt. "Deshalb haben wir jetzt einen Punkt, an dem wir sagen können, dass wir das Ziel, die Verbreitung des Virus zu verlangsamen, erreicht haben", sagte Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) gestern in Berlin. Auf dieser Grundlage habe sie mit den Ministerpräsidenten entschieden, die Corona-Beschränkungen weiter zu lockern.

Corona-Situation unterscheidet sich regional stark

Dabei dürfen die Bundesländer weitgehend in Eigenregie vorgehen. Allerdings mussten sie sich auf Drängen des Bundes zu etwas verpflichten, das Merkel als "Notfallmechanismus" bezeichnete: Sobald in einem Landkreis oder einer Stadt kumulativ mehr als 50 Neuinfektionen je 100.000 Einwohner innerhalb von sieben Tagen auftreten, müssen sofort wieder Beschränkungen eingeführt werden - und zwar solange, bis der Wert in einem Sieben-Tages-Zeitraum unter 50 sinkt.

"Der dahinterliegende Gedanke, dass man lokal zu jeder Zeit reagieren können muss, damit nicht neue Infektionsherde aufflackern, der ist erst mal richtig", sagte der Epidemiologe Gérard Krause vom Helmholtz-Zentrum für Infektionsforschung dem SPIEGEL. Es sei zwar verständlich, dass sich viele Menschen eine national einheitliche Regelung gewünscht hätten. "Aber das ist epidemiologisch nicht angemessen, weil sich die Situation geografisch und zeitlich sehr unterschiedlich darstellt."

"Ich habe zwar keine Informationen, wie man auf die besagten Grenzwerte gekommen ist", sagte Krause. "Aber die Regelung schafft immerhin einen gewissen Anspruch, die lokalen Gesundheitsämter in die Lage zu versetzen, auf die Ausbreitung des Virus angemessen reagieren zu können."

Epidemiologe fordert mehr Aufmerksamkeit für Alte und Vorerkrankte

Im Moment gibt es in ganz Deutschland laut dem aktuellen Lagebericht des Robert Koch-Instituts  nur einen Landkreis und eine Stadt, die den beschlossenen Grenzwert überschreiten: Greiz in Thüringen und Rosenheim in Bayern. Ein Crowdsourcing-Projekt  des Karlsruher Thinktanks Risklayer und des Centers for Disaster Management and Risk Reduction Technology (CEDIM), an dem auch der "Tagesspiegel"  beteiligt ist, kommt auf Basis der Zahlen von lokalen Behörden zu einem anderen Ergebnis: Demnach liegen zusätzlich die Landkreise Traunstein im Süden Bayerns sowie der baden-württembergische Zollernalbkreis über der Obergrenze (eine ausführliche Datenanalyse lesen Sie hier).

Zu bedenken gab Krause, dass der Blick allein auf die Fallzahlen nicht ausreiche und von einem anderen wichtigen Thema ablenke: "Es muss jetzt deutlich werden, was man genau zu tun gedenkt, um die alten und vorerkrankten Menschen besser zu schützen. Das ist das, was uns wirklich besorgen muss." Es sei wichtig, die Alten- und Pflegeheime besser auszustatten und das dortige Personal zu schulen, um schwere Erkrankungen und Todesfälle zu verhindern.

In ihrem Beschluss vereinbarten Merkel und die Länderchefs lediglich, man wolle für diese Einrichtungen besondere Schutzmaßnahmen ergreifen. Wie diese aussehen sollen, blieb vorerst offen. Einig war man sich jedoch darin, dass Alte und Kranke nicht sozial isoliert werden dürfen. Besuche in Altenheimen sollen in stark begrenztem Maße bald wieder möglich sein.

Die Wiedergabe wurde unterbrochen.