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17. August 2016, 11:30 Uhr

Entdeckung in Palenque

Archäologen spotten über Maya-Raumschiffe

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Bekamen die Maya Besuch aus dem All? Pseudowissenschaftler behaupten das - zum Amüsement seriöser Forscher. Ein neuer Fund dürfte den Streit endgültig klären.

Es war ein kleiner, aber feiner Seitenhieb, den sich Arnoldo González Cruz gönnte: "Nichts in Palenque hat etwas mit Raumschiffen zu tun", sagte der Archäologe von der INAH, Mexikos Nationalem Institut für Anthropologie und Geschichte.

Ende Juli stellte González Cruz mit einigen Kollegen die neuesten Erkenntnisse einer Grabung in der berühmten Maya-Stadt Palenque vor. Dort hatte das Team unter einem Tempel, in dem die Grabkammer eines Maya-Herrschers liegt, ein Kanalsystem entdeckt, durch das früher wohl Wasser geflossen ist.

Bereits 2012 wurde es mithilfe von Geo-Radarmessungen geortet, nun haben die Forscher einen Teil davon ausgegraben. Ein etwa 60 Zentimeter breiter Kanal, den die Forscher mit einem ferngesteuerten, kamerabestückten Fahrzeug erkundet haben, führt genau unter der Grabkammer entlang - ob es eine direkte Verbindung gibt, wollen sie noch herausfinden.

Bereits früher hatte es Hinweise auf Wassernutzung in Palenque gegeben - etwa der unterirdische Kanal Piedras Bolas. Doch der aktuelle Fund ist besonders: Das System lag nicht unter irgendeinem Tempel, sondern unter dem berühmten Tempel der Inschriften.

Dieser erlangte Berühmtheit, als der Archäologe Alberto Ruz Lhuillier 1948 in seiner Dachkammer eine Bodenöffnung fand, die eine Treppe ins Tempelinnere freigab. Lhuillier musste vier Jahre graben, bis er wusste, wohin sie führte: 1952 stand er schließlich vor einer Krypta, die noch unterhalb des Tempels lag.

Als er das völlig unversehrte Grab öffnete, war in der Welt der Maya-Archäologie nichts mehr wie zuvor. Lhuillier fand in einem reich verzierten Sarkophag die Überreste von K'inich Janaahb' Pakal. Der Tote trug eine aus grünen Jadestücken zusammengesetzte Totenmaske und war reichlich mit Schmuck behangen, darunter eindrucksvolle Ohrpflöcke und Jadeketten, die für Maya-Herrscher typisch waren. Auch weitere Grabbeigaben deuteten darauf hin, dass hier ein mächtiger Mann begraben wurde.

Pakal herrschte im siebten Jahrhundert über Palenque. Die Entdeckung seines Grabs war eine Sensation, die Archäologen mit dem Öffnen von Tutanchamuns Ruhestätte im alten Ägypten verglichen.

Funde dieser Art sind in dem von jahrhundertelanger Raubgräberei geplagten Gebiet wie ein Sechser im Lotto für Archäologen. Denn sie bieten den Experten in einem sogenannten geschlossenen Fund einen unverfälschten Blick in die Vergangenheit.

Der Herrscher in der Rakete?

Die weltweite Aufmerksamkeit zog auch Menschen an, die eigene, recht spezielle Ideen zu dem Fund hatten. Wie der Schweizer Erich von Däniken. Der gelernte Hotelier mit Hang zur sogenannten Prä-Astronautik nahm sich die ikonografischen Darstellungen von Pakals Sarkophag vor. Darauf war seiner Meinung nach deutlich dargestellt: Der Herrscher sitzt in einer Rakete und wird gen Himmel geschossen - anscheinend ein weiterer Beweis für Dänikens These, nach der die Menschheit im Laufe der Zeit immer mal wieder außerirdischen Besuch hatte.

Laut Maya-Archäologen und Ikonografen zeigt die Szene auf dem Sarkophagdeckel Pakals Übergang in die Unterwelt. Das, was Däniken als Flammen der Rakete deutet, ist in der ikonografischen Darstellung der Maya ein Teil des Weltenbaums, der ihrer Vorstellung zufolge das Universum zusammenhielt und dessen Wurzeln in der Unterwelt lagen, in die die Toten eingingen.

Der aktuelle Fund des Kanals unterstützt die Deutung der Maya-Experten. Wohl deshalb konnten sich die Archäologen um González Cruz einen Seitenhieb auf Däniken nicht verkneifen. Das Kanalsystem, das laut den Archäologen von einer Quelle unter der Pyramide gespeist wurde, hatte demnach eine symbolische Funktion: Es diente dem Toten als Weg in die Unterwelt.

Hieroglyphen auf den Ohrpflöcken aus Pakals Grab stützen die These: "Dort steht, dass ein Gott den Toten in die Unterwelt begleiten wird, indem er ihn in Wasser tauchen und er dort empfangen werden wird", so González Cruz. Er geht davon aus, dass diese Gottheit der Regengott Chaac ist.

Auch für den Archäologen Francisco Estrada-Belli von der Boston University klingt diese Deutung logisch. "Dem Glauben der Maya nach waren Wasserläufe und Cenotes Eingänge in die Unterwelt. Da ergibt es absolut Sinn, eine Grabkammer über einer Quelle zu errichten", sagt er. Es sind ähnliche Fälle bekannt, bei denen Tempel und damit auch Gräber über natürlichen Höhlen angelegt wurden. "Früher könnten sie auch Wasser enthalten haben", sagt Estrada-Belli.

Es ging also für Pakal per Kanal nach unten - und nicht mit der Rakete zu fernen Galaxien in den Himmel.

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