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Massengrab in Uxul: Tod in der Zisterne

Foto: Nicolaus Seefeld

Höhle in Uxul Wie ein Archäologe einen Massenmord zu Maya-Zeiten aufklärt

In der Maya-Stadt Uxul entdeckten Archäologen ein Massengrab mit 20 Menschen. Ihre Körper lagen zerstückelt in einer Höhle. Ein deutscher Forscher arbeitet den Fund wie einen Kriminalfall auf - mit überraschenden Erkenntnissen.

Acht Uhr morgens ist für Nicolaus Seefeld ein guter Termin für ein Telefongespräch. Denn ab neun Uhr untersucht er Knochen. Sein Arbeitsplatz ist seit einiger Zeit ein heller Raum in Campeche, der Hauptstadt des gleichnamigen Bundesstaats im Südosten Mexikos. An den Wänden hängen Grabungspläne und Zeichnungen. Die Temperaturen liegen in der alten Kolonialstadt auch im Dezember stets um die 30 Grad, Seefeld arbeitet in kurzen Hosen.

Der Deutsche ist Anthropologe, er arbeitet ein Massengrab aus der Maya-Stadt Uxul (ausgesprochen Uschul) auf. Dafür braucht er Platz. Er hat ein paar Tage suchen müssen, um ein geeignetes Haus mit einem ausreichend großen Raum für sein Vorhaben zu mieten. Sein Ziel ist es, mehr über das rätselhafte Schicksal jener Toten aus dem 7. Jahrhundert herauszufinden, die er 2013 im Urwald von Yucatán entdeckte.

Die Überreste von rund 20 Personen hat der Maya-Forscher in etlichen bunten Kunststoffbehältern hergeschafft. Damit sie genauso liegen, wie er sie damals fand, hat Seefeld Quadrate auf dem Boden aufgezeichnet, in denen er sie platziert. Dabei orientiert er sich an Karten, Zeichnungen und Fotos, die Altertumsforscher während einer Ausgrabung anfertigen. So können die Experten einen Fundort auch Jahre später noch genau rekonstruieren.

Seefeld hatte die Toten bei einer Grabung in der alten Maya-Stadt Uxul entdeckt. Der Ort liegt tief im Urwald von Mexiko, zwischen den beiden wichtigen Maya-Metropolen El Mirador im Süden und Calakmul im Nordosten. Es ist nicht weit bis zur Grenze nach Guatemala - bis zum nächsten Krankenhaus sind es dagegen rund zehn Stunden Autofahrt über weitgehend holprige Pisten.

Uxul wurde von Forschern bereits in den Dreißigerjahren entdeckt, doch aufgrund seiner Abgeschiedenheit geriet der Ort in Vergessenheit. Erst kurz nach der Jahrtausendwende fanden slowenische Archäologen die überwucherten Gebäude wieder. Seitdem graben hier Maya-Spezialisten um Nikolai Grube von der Universität Bonn Pyramiden und Paläste aus, Seefeld war einer von ihnen.

Platzierung der Knochen zur Rekonstruktion des Fundorts

Platzierung der Knochen zur Rekonstruktion des Fundorts

Foto: N. Seefeld

Das Massengrab war dabei eher ein Zufallsfund: Ursprünglich wollte er das Wasserversorgungssystem des Stadtstaats erkunden. Wie gelang es den Maya einst, ihren täglichen Bedarf zu decken? Das war eine der Fragen, denen Seefeld bei seiner Arbeit nachging.

Dann aber entdeckte er unweit von kleineren Plattformen, auf denen das einfache Volk in Holzhüten lebte, einen Kanal. Er führte zu einer künstlich angelegten Höhle - sie wurde als Wasserspeicher genutzt. Doch nicht nur. Als Seefeld den etwa vier mal acht Meter großen Raum genauer anschaute, erlebte er eine Überraschung. Er entdeckte Schädel und Langknochen von etlichen Personen - ein Massengrab.

Eine würdevolle Bestattung war den Menschen nicht beschieden gewesen. Der Archäologe fand deutliche Spuren, die zeigen: In Uxul muss sich einst ein entsetzliches Massaker zugetragen haben. "Die Menschen wurden nicht einfach nur umgebracht, sondern regelrecht ausgelöscht", sagt Seefeld. Man hat die Toten zerstückelt, bevor sie abgelegt wurden, Beine, Arme oder Füße lagen einzeln herum. Dann wurden die Gebeine mit einer Lehmschicht überzogen. Was genau war hier passiert?

Um den Tathergang nachvollziehen zu können, probiert Seefeld, die Knochen einzelnen Individuen zuzuordnen. Keine leichte Aufgabe. Denn die Köpfe wurden vom Torso abgetrennt, darauf deuten typische Spuren an den Halswirbeln. Schnittspuren an den Brustbeinen legen nahe, dass der Brustkorb geöffnet wurde. Auch an der Innenseite der Rippen finden sich welche. Möglicherweise wurden Organe entfernt.

Nicolaus Seefeld und der Anthropologe Ricardo Ruiz bei der Restaurierung eines Schädels

Nicolaus Seefeld und der Anthropologe Ricardo Ruiz bei der Restaurierung eines Schädels

Foto: N. Seefeld

Anschließend waren die Schädel massiver Gewalt ausgesetzt, das zeigen Einschlagspuren. Sie wurden regelrecht kleingehackt. Unterkiefer ragten einzeln aus der Geröllmasse . "Das war ein wenig wie auf einer Crime Scene", sagt er.

Allein die Schädel wieder zusammenzusetzen, ist mühsame Puzzlearbeit. Teilweise ist ein einziger Kopf in bis zu hundert Fragmente zersplittert. Für die Rekonstruktion eines solchen Hauptes benötigt der Forscher selbst mit der Unterstützung von Kollegen bis zu fünf Tage.

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Maya-Archäologie: Das Papier aus der Höhle

Foto: INAH via AP

Zahlreiche Schnittspuren an den Knochen belegen zudem: Hier hat jemand wie ein Schlachter gewirkt. An den Oberschenkelknochen etwa treten immer wieder dieselben Kerben genau dort auf, wo der Muskelansatz verläuft. Offenbar wollte jemand das Fleisch vom Knochen lösen. "Das müssen Menschen gewesen sein, die gute anatomische Kenntnisse des menschlichen Körpers besaßen", sagt Seefeld. Ohne ein solches Wissen sei es ziemlich schwierig und kraftaufwendig, etwa einen Arm von einem Körper zu trennen. An mehr als 40 Prozent dieser Langknochen sind solche typischen Schnittspuren erkennbar. Selbst an den Wirbelsäulen entdeckte der Forscher Schnittkerben, den Menschen wurde die Haut abgezogen.

Inzwischen ist Seefeld aber noch ein Detail aufgefallen, das er zunächst übersehen hatte: Orange-braune bis weißliche Verfärbungen an vielen der Knochen. Offenbar wurden sie stark erhitzt. Zwar sind einige der Knochen verkohlt, aber meistens fand er nur leichte Verfärbungen. Die Gliedmaßen lagen wohl nicht in offenem Feuer.

Seefeld studierte forensische Fachliteratur, er verglich seinen Fund mit Brandopfern und Unfallleichen. Inzwischen glaubt er: Die Hitze wirkte allenfalls indirekt, es waren wohl nicht mehr als 200 Grad Celsius. "Es scheint fast so, als seien die Knochen in einer Art Ofen gewesen", sagt er. Vielleicht entstand die Hitze auch in der Höhle selbst. Im Zentrum entdeckte er einen großen Aschehaufen.

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Massengrab in Uxul: Tod in der Zisterne

Foto: Nicolaus Seefeld

Haben die Maya die Hitze eingesetzt, um das Fleisch leichter von den Knochen lösen zu können? Noch weiß Seefeld das nicht. Er erwägt, diese Frage notfalls auch experimentell zu klären und Versuche mit Tierknochen zu machen.

Seefeld hofft, irgendwann vor allem die drängendsten Fragen zu dem Fall beantworten zu können: Waren die Toten Gefangene aus einer anderen Region oder stammten sie aus Uxul? Und warum mussten sie so sterben?

Indizien hat er bereits einige: Vermutlich handelte es sich um Menschen mit einem recht hohen sozialen Status. Darauf deuten Jadeeinlagen in den Zähnen hin, die bei den Maya als Schmuck der Oberschicht galten.

Die Gliedmaßen und Körper waren zudem nicht achtlos oder gar zufällig weggeworfen worden, wie es auf den ersten Blick schien. Zuerst hatte man die Langknochen deponiert. Die Schädel, sowie die abgetrennten Unterkiefer wurden in Form eines Halbkreises um sie herum niedergelegt. Vielleicht ein Hinweis auf ein Ritual.

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Rituelle Gewalt ist bei den Maya in Inschriften oder grafischen Darstellungen gut belegt. Vasen, Becher oder Wandbilder zeigen etwa Gefangene, die erniedrigt werden oder auf ziemlich brutale Art und Weise ums Leben kommen. Auf den bekannten bunten Wandmalereien von Bonampak sitzen blutende Gefangene zusammengekauert auf den Stufen eines Palastes. Bei einer anderen Darstellung wird ein Mensch als Bündel zusammengeschnürt eine steile Pyramide hinuntergerollt.

Doch archäologische Nachweise von Häutungen, Enthauptungen oder Herzopferungen sind verhältnismäßig rar. Bekannt sind etwa die zahlreichen Knochenfunde aus der Cenote von Chichén Itzá im Norden von Yucatán - einer eingestürzten Kalksteinhöhle, in der Wasser steht. Dort fanden Forscher Dutzende Skelette und Gliedmaßen versehen mit Schnittspuren - hier wurden offenbar über Hunderte Jahre immer wieder Menschen hineingeworfen.

Grabungsteam vor dem Eingang der künstlichen Höhle in Uxul

Grabungsteam vor dem Eingang der künstlichen Höhle in Uxul

Foto: Nicolaus Seefeld

Einen vergleichbaren Fund wie den von Seefeld machten Forscher vor einigen Jahren in der Maya-Stadt Cancuén in Guatemala. Dort waren fast 50 Frauen, Kinder und Männer in einer Zisterne abgelegt worden. Die Archäologen vermuteten damals, dass die Menschen einst aus der Herrscherdynastie stammten und von Eroberern beseitigt wurden.

Auch wenn es noch zu früh für eine abschließende Aussage ist: Ein solcher Tathergang lässt sich für das Massengrab von Uxul zumindest nicht ausschließen. Ungefähr zum Zeitpunkt der Tat verlor Uxul seine Unabhängigkeit, zeigen Inschriften. Die Kaan-Dynastie aus Calakmul, eine der mächtigsten Herrscherfamilien der Maya, hatte offenbar Uxul erobert und dort einen neuen Herrscher eingesetzt.

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Fund in Maya-Grab: Der König mit den roten Knochen

Foto: Keith Eppich

Dass die Toten wohl eher aus Uxul stammen könnten, vermutet Seefeld auch noch aufgrund eines grausigen Details:

Er entdeckte in dem Massengrab das Skelett eines Säuglings. Der Kopf ist noch vorhanden, die Halswirbel unverletzt, es zeigt keine Spuren von äußerlicher Gewalt. Dass ein Baby von weit her nach Uxul gebracht wurde, um hier mit der Gruppe zu sterben, hält er für unwahrscheinlich.

Die Arbeit an den winzigen Knochen ist nicht nur wissenschaftlich anspruchsvoll, sie geht Seefeld auch emotional nahe. "Bei der Ausgrabung wurde mir nach und nach immer klarer, was für eine Tragödie sich hier abgespielt hat", sagt er.

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Klarheit über den Ursprung der Toten soll am Ende eine Isotopenanalyse bringen - Seefeld plant sie für das kommende Jahr. Über Einlagerungen in Knochen und Zähnen lassen sich Aussagen über den Ort und die klimatischen Bedingungen machen, unter denen jemand gelebt hat. Sie wird zeigen, woher die Menschen wirklich stammen.


Zusammengefasst: Im Urwald von Mexiko fanden Archäologen vor einiger Zeit ein Massengrab der Maya. Der deutsche Forscher Nicolaus Seefeld arbeitet den Fund aus Uxul derzeit auf. Offenbar fielen die etwa 20 Männer und Frauen einem Ritual zum Opfer, bei dem die Leichen zerteilt und erhitzt wurden. Möglicherweise handelt es sich um die Zeugnisse eines gewaltsamen Umsturzes.

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