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Unglücksflug MH370: Wrackteile im Wasser

Foto: YANNICK PITOU/ AFP

Fund auf La Réunion Trümmer könnten laut Ozeanografen von MH370 stammen

Wird das Rätsel um MH370 nun gelöst? Forscher halten es für plausibel, dass das Trümmerteil am Strand von La Réunion tatsächlich zu der Unglücksmaschine gehört.

Gewissheit könnte eine Seriennummer liefern. Nach ihr werden Experten der Flugzeugfirma Boeing zusammen mit staatlichen Ermittlern Ausschau halten. Doch noch ist nicht klar, ob sich solch präzise Informationen überhaupt an dem Trümmerstück finden, das am Mittwoch an einem Strand der Insel La Réunion im Indischen Ozean angespült wurde. Es geht um die Frage, ob das Wrackteil zur Boeing 777 des Fluges MH370 gehört. Von dem Flugzeug fehlt seit beinahe anderthalb Jahren jede Spur.

Bis harte Beweise vorliegen, müssen sich die Ermittler mit Vermutungen behelfen, mit Möglichkeiten. Dabei geht es auch um die Frage, wie wahrscheinlich es ist, dass das Teil eines Steuerruders tatsächlich aus dem vermuteten Absturzgebiet der Maschine vor der australischen Küste bis nach La Réunion gedriftet sein könnte - einmal über den Indischen Ozean.

SPIEGEL ONLINE hat mehrere Ozeanografen in Australien und Europa in der Sache befragt. Ihr Urteil ist einhellig: Die Computermodelle geben es durchaus her, dass das auf der Insel angespülte Trümmerteil tatsächlich aus dem vermuteten Absturzgebiet von MH370 stammt.

"Unsere Vorhersagen stimmen damit vollständig überein", sagt etwa Charitha Pattiaratchi von der University of Western Australia in Crawley. Sein Kollege David Griffin von der Commonwealth Scientific and Industrial Research Organisation in Hobart drückt es so aus: "Wir dachten, dass Madagaskar wahrscheinlicher ist, aber wenn man an all die Fehlerquellen beim Modellieren denkt, würde es mich nicht überraschen, wenn das Teil von MH370 wäre."

Foto: SPIEGEL ONLINE

Auch Erik van Sebille vom Imperial College London kennt sich aus mit Treibgut in den Weltmeeren. Er ist eigentlich in Australien zu Hause und hat sich unter anderem mit der Frage befasst, wie sich Plastikmüll - getrieben durch mächtige Meeresströmungen, Wind und Wellen - in den Ozeanen verteilt. Auch ein simpel zu bedienendes Online-Tool hat er dazu entwickelt. Dort kann man sich zwei Betrachtungsweisen aussuchen: Es ist möglich, vorwärts in der Zeit zu gehen - also nachzusehen, wohin Treibgut von einer bestimmten Stelle aus wandert. Oder man wählt den umgekehrten Weg - und schaut sich an, wo ein irgendwo angeschwemmtes Stück herkommen könnte.

Probiert man auf van Sebilles Webseite  ein bisschen herum, so zeigt sich: Was in La Réunion angeschwemmt wird, kann durchaus in 17 Monaten die Reise über den Indischen Ozean schaffen. Wie das genau funktioniert, kann Arne Biastoch erklären, Ozeanograf am Geomar Helmholtz-Zentrum für Ozeanforschung Kiel. Er kennt den Südäquatorialstrom gut, der sich im Indischen Ozean südlich des Äquators nach Westen wälzt: "Das ist eine Strömung, die vom Wind angetrieben wird und unabhängig von der Jahreszeit relativ beständig ist."

Der Südäquatorialstrom kommt nördlich von La Réunion und Madagaskar an und verästelt sich dann nach Süden. "Es ist relativ wahrscheinlich, dass ein Trümmerteil diesen Weg genommen haben muss", sagt Biastoch. Der Strom ist mit relativ geringen Geschwindigkeiten unterwegs, meistens liegen sie bei unter einem Kilometer in der Stunde. Doch selbst wenn man nur ein Drittel dieses Wertes ansetzt, rechnet Biastoch vor, wäre die Strecke vom indonesischen Archipel oder der Australischen Küste nach La Réunion in 17 Monaten ohne Probleme zurückzulegen.

"Der Ozean ist sehr chaotisch"

Es wäre also möglich, dass das gefundene Wrackteil von MH370 stammt. Dann stellt sich sogleich eine andere Frage: Was kann man durch die Modelle über den Absturzort lernen? Wo genau muss man nach dem Unglücksflugzeug suchen?

Die Antwort auf diese Frage dürfte weiterhin schwerfallen. Arne Biastoch oder Erik van Sebille berichten, wie kräftige Passatwinde und Wellen die Trümmer verwirbeln. "Der Ozean ist sehr chaotisch", sagt Biastoch. Und sein Kollege van Sebille warnt: "Grundlegende Physik" würde verhindern, dass man ohne weiteres vom Fundort auf La Réunion zum Absturzort zurückrechnen könnte: "Im Indischen Ozean geht es zu wie in einem Flipperautomaten."

Ständig würden sich die Strudel und Wirbel kleinräumig ändern und verschieben, so van Sebille. Die Trümmer eines Flugzeugabsturzes wären mittlerweile extrem weit verteilt in einem hunderte Quadratkilometer großen Gebiet. Viele könnten, bedeckt von Algen und Seepocken, längst gesunken sein. Er gehe auch nicht davon aus, dass auf La Réunion bald weitere Trümmerstücke angespült werden.

Was bleibt also an Erkenntnissen? Bestenfalls ließe sich ein Teil des bisherigen Suchgebiets ausschließen, sagt Ozeanograf van Sebille. Trümmerteile aus dem südlichen Ende der bisher untersuchten Zone würden sich nach Osten bewegen - und damit keinesfalls nach La Réunion driften.

Die Geomar-Forscher in Kiel wollen in den kommenden Tagen einen Modelllauf starten, um den möglichen Weg des Trümmerteils über den Indischen Ozean zurückzurechnen - um so auch bei der Suche nach der Absturzstelle zu helfen. Dafür wollen sie tagesaktuelle Strömungsdaten französischer Kollegen aus den vergangenen Monaten nutzen.

Doch Arne Biastoch drückt schon vor dem Start des Computers gehörig auf die Euphoriebremse: "Da wird weiterhin ein riesiges Suchfeld herauskommen."

Video: Wrackteil von Flug MH370 gefunden?

Zusammengefasst: Von SPIEGEL ONLINE befragte Ozeanografen in Deutschland, Großbritannien und Australien halten es für durchaus möglich, dass das auf La Réunion angespülte Trümmerstück von der Boeing 777 des vermissten Unglücksfluges MH370 stammt. Die Ozeanströmungen in dem Gebiet sprechen dafür, dass ein Wrackteil die Strecke aus dem vermuteten Unglücksgebiet über den Indischen Ozean zurücklegen kann. Computermodelle stützen das. Endgültige Sicherheit bieten sie aber nicht, auch eine genauere Bestimmung des Absturzortes ist dadurch nicht unbedingt möglich.

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