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Migräne-Anfall Engländerin erwacht mit französischem Akzent

Die Migräne schmerzte, lähmte ihre Glieder: In der Hoffnung auf Besserung ging eine Britin ins Bett - und sprach am nächsten Morgen französischen Akzent. Dass das Fremdsprachen-Akzent-Syndrom durch Migräne ausgelöst wird, überrascht Forscher.
MRT: Kleinste Veränderungen im Gehirn können die Aussprache grundlegend verändern

MRT: Kleinste Veränderungen im Gehirn können die Aussprache grundlegend verändern

Foto: dpa/dpaweb
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Nach einer schweren Migräne-Attacke ist eine Britin mit französischem Akzent aufgewacht. Seit dem Anfall im Januar leide sie unter dem sogenannten Fremdsprachen-Akzent-Syndrom, sagte die 49-jährige Kay Russell der Lokalzeitung "Gloucester Echo" vom Dienstag. Der Akzent sei für sie wie eine Behinderung, sie versuche ihn beim Reden zu unterdrücken. Die Bemühungen seien allerdings vergebens: Seit dem Vorfall werde sie häufig für eine Französin in England oder für eine Osteuropäerin gehalten, berichtet Russel.

Die Frau aus dem zentralenglischen Bishop's Cleeve litt bereits seit 20 Jahren unter schweren Migräne-Attacken, die kurzfristig ihre Glieder lähmten und Nuscheln verursachten. Die jetzigen Symptome gehen allerdings über einen kurzzeitigen Einschlag hinaus, erzählt Russel im Gespräch mit den Lokalreportern: "Die Bewegungen meiner Gesichtsmuskulatur sind anders, die Tonlage hat sich verändert, und auch die Aussprache hat sich gewandelt." Ihre Stimme ist in einem Interview mit der BBC zu hören. 

Bereits im März hatte eine IT-Managerin aus dem südenglischen Plymouth nach einem schweren Migräne-Anfall Mühe, sich noch zu verständigen: Obwohl sie nie chinesisch gelernt und das Land auch nie besucht hatte, besaß die Frau plötzlich einen starken chinesischen Akzent. Ihre gesamte Sprachmelodie sowie die Stimmlage hatten sich verändert, sie sprach plötzlich viel höher.

Deutscher Akzent durch Splitter deutscher Bomben

Bei beiden Fällen handelt es sich um eine sehr seltene Sprachstörung, die nach einem Schlaganfall oder einem Schädel-Hirn-Trauma auftreten kann: das Fremdsprachen-Akzent-Syndrom. Dass die Artikulationsstörungen auch durch Migräne ausgelöst werden können, war bisher noch unbekannt. Beide Frauen litten jedoch unter so starken Attacken, dass erweiterte Blutgefäße in ihrem Hirn zu schlaganfallähnlichen Lähmungen geführt hatten.

Die Sprachstörungen des Fremdsprachen-Akzent-Syndroms werden von Zuhörern häufig mit einem ausländischen Akzent oder regionalen Dialekten in Verbindung gebracht. Tatsächlich sprechen die Betroffenen jedoch einen eigenen Slang, der verbreiteten Akzenten nur ähnelt. Ärzte gehen davon aus, dass die veränderte Artikulation eine Folge von minimalen Verletzungen im Sprachzentrum des Hirns ist.

Manche Betroffene haben Glück, und die Störungen verschwinden nach einer Weile wieder, andere müssen sich dauerhaft mit der neuen Aussprache arrangieren. Eine Behandlungsmethode gibt es für das Fremdsprachen-Akzent-Syndrom noch nicht: Obwohl Mediziner es seit fast 70 Jahren kennen, ist es noch wenig erforscht. Klar ist nur, dass die Störung hauptsächlich Frauen trifft.

Mittlerweile sind etwas mehr als 60 Fälle der Sprachstörung bekannt, erstmals wurde sie 1941 anhand eines besonders tragischen Falls beschrieben: Eine Norwegerin hatte während des Kriegs bei einem deutschen Bombenangriff ein Granatsplitter in den Kopf bekommen. Daraufhin begann sie, mit einem deutschen Akzent zu sprechen. Die Bewohner ihrer Gemeinde wurden misstrauisch, verdächtigten die Frau der Spionage und schlossen sie aus - der deutsche Angriff hatte sie gleich doppelt getroffen.

irb/AFP