Mikrofotograf Manfred Kage Jäger des Winzigen

Manfred Kage ist seit mehr als 50 Jahren auf der Suche nach der Schönheit des Kleinen. Nun räumen gleich zwei Ausstellungen den Bildern des berühmten Mikrofotografen einen besonderen Platz ein. Dort erleben Besucher die Ästhetik der Wissenschaft.

Manfred Kage

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Am Anfang waren die Kieselalgen. Ein Blick durch das golden lackierte Mikroskop seines Onkels - und Manfred Kage war Feuer und Flamme: "Ich wollte unbedingt wissen, was dahintersteckt." Der Mikrokosmos aus dem Teich nebenan entfachte eine Begeisterung in dem Jungen, die sein Leben jahrzehntelang entscheidend bestimmte - und Kage letzten Endes zu einem der prominentesten Mikrofotografen der Welt machte.

In Berlin widmen sich jetzt gleich zwei Ausstellungen seinem Schaffen. Die Alfred Ehrhardt Stiftung zeigt in einer Retrospektive mehr als 100 seiner Bilder. Und auch in der Schau "Mikrofotografie- Schönheit jenseits des Sichtbaren" des Museums für Fotografie, wo unter anderem auch frühe Mikroaufnahmen wie ein Schnitt durch den Stängel einer Clematis aus dem Jahr 1840 zu sehen sind, spielen Kages Bilder eine wichtige Rolle.

Fotografiert hat der gelernte Chemikelaborant für die großen populärwissenschaftlichen Blätter wie "Geo" oder "Bild der Wissenschaft". Er ist als Grenzgänger zwischen Wissenschaft und Kunst mit Preisen geehrt worden - und will sich dennoch nicht zur Ruhe setzen. Seinem ersten Schwarz-Weiß-Bild von Zinnkristallen unterm Mikroskop folgten hunderte weitere, von Mondmineralien, Kugelalgen, Computerchips und Borkenkäfern. Dazu kamen Kunstperformances und Einsätze im Filmgeschäft, zum Beispiel für den Science-Ficton-Streifen "Lautlos im Weltall". Eine Krise in den Neunzigern, ausgelöst durch einen wohl zu späten Start ins digitale Zeitalter, scheint überwunden.

Von Schloss Weißenstein in einem Tal der Schwäbischen Alb führt Kage heute ein Familienunternehmen zur Vermarktung der wunderbaren Welt des Winzigen. Neben Tochter Ninja-Nadine arbeitet darin seine Frau Christine mit. Die studierte Mikrobiologin, beide heirateten 1999, befasst sich vor allem mit der Präparation der Motive. Einer ihrer größten Coups war wohl das Bild einer Ameise, die scheinbar lächelnd ein Zahnrad ein die Kamera hält. Mit diesem Foto gewannen die Kages im Jahr 2006 den Wettbewerb "Bilder der Forschung".

In Wahrheit war die Ameise übrigens tot, das Zahnrad eines Mikromotors hatten ihr der Fotograf und seine Frau mit einem selbstgebauten Spezialgerät - bestehend aus einer Meerschweinwimper auf einem Zahnstocherkopf - auf den Fühler geschoben.

Mikroskop Marke Eigenbau

Erfindungsreichtum war für Kage stets essentiell. Wie 1957, als er den sogenannten Polychromator entwickelte. Das war ein Spezialfilter, der für die bestechende Schärfe und schillernden Farben vieler Bilder sorgte - und dessen Kontruktionsdetails der Fotograf bis heute nicht verraten will. Später leistete Kage dann Pionierarbeit, als es ihm mit einer Eigenkonstruktion als einem der ersten gelang, Bilder von Elektronenmikroskopen mit Farben zu versehen. Aus langweiligen grau-weißen Bildern wurden vorzeigbare Farblandschaften.

Auch sein erstes Mikroskop hatte sich Manfred Kage übrigens selbst gebaut. Das war 1947 in Stuttgart, wohin er aus Sachsen geflüchtet war. Aus einem alten Zeiss-Objektiv, seinem Märklin-Baukasten und so exotischen Bauteilen wie einem Zahnarztspiegel und einem Fahrradlenker schraubte der 12-Jährige das Gerät zusammen. Doch Kages Eltern brachten zunächst nur wenig Begeisterung für das neue Forscher-Hobby ihres Sohnes auf - und forderten ihn auf, wie ein normaler Junge zu spielen.

Kage, so berichtete er einmal vor Schülern, hielt sich auch an die Anweisung: "Ich baute mir mit meinem Märklin-Baukasten einen großen Kran mit einem Kranführerhaus." Genau darin verbunkerte der Junge das Mikroskop. Und immer wenn die Eltern nachsahen, spielte er brav mit seinem Kran. Doch in Wirklichkeit hing der Mikroskop-Junkie die meiste Zeit seinem großen Traum nach - und befasste sich mit der Faszination des Kleinen. Bis heute hat sie ihn nicht losgelassen.


"Mikrofotografie. Schönheit jenseits des Sichtbaren"
Neuer Kaisersaal des Museums für Fotografie in Berlin
30. September 2010 bis 9. Januar 2011

"Mikrofotografie. Retrospektive Manfred Kage"
Alfred Ehrhardt Stiftung in Berlin
1.Oktober 2010 bis 9. Januar 2011



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