Elektroschock-Experiment Fast jeder würde auf Befehl foltern

Stanley Milgram zeigte 1961, wie leicht man Menschen dazu bringen kann, andere zu quälen und zu töten. Nun wurde der legendäre Stromstoßversuch wiederholt. Das Ergebnis ist ernüchternd.
Szene aus dem Film "Experimenter" aus dem Jahr 2015, der auf den Milgram-Experimenten basiert

Szene aus dem Film "Experimenter" aus dem Jahr 2015, der auf den Milgram-Experimenten basiert

Foto: ddp images/ INTERTOPICS/ Landmark Media

Vor mehr als 50 Jahren schockierte der US-amerikanische Psychologe Stanley Milgram die Welt mit einem Experiment: Seine Probanden sollten auf Anweisung eines Studienleiters einem anderen Menschen Elektroschocks verpassen, immer wenn dieser eine Aufgabe falsch löste. Den Probanden wurde gesagt, dass die Volt-Zahl bei jedem Fehler steigt. Außerdem wurde ihnen erklärt, dass sie den Versuch jederzeit abbrechen können.

Was sie nicht wussten: Die Bestraften waren Schauspieler und wurden nicht wirklich von Strom durchschossen. Zum Glück, denn am Ende teilte die Mehrheit der Studienteilnehmer sogar tödliche Stromstöße von 450 Volt aus. Sie unterwarfen sich dem Studienleiter und seinen Anforderungen. Ein Befund, der weltweit für Aufsehen sorgte.

Und heute? Würden Menschen noch immer auf Befehl anderen Menschen schmerzhafte Stromstöße verpassen?

Ja, sagen Forscher von der SWPS University of Social Sciences and Humanities in Polen. Sie haben das Milgram-Experiment mit 80 Landsleuten wiederholt . Die Gruppe der Teilnehmer war gemischt, Männer und Frauen von 18 bis 89 Jahren alt, Schüler, Studenten, Berufstätige, Rentner.

Nur ein Viertel der Teilnehmer zweifelte

Zum Schutz der Studienteilnehmer entschärften die Forscher den Ablauf etwas. Die vermeintlichen Elektroschocks reichten nicht wie im Original bis zu den tödlichen 450 Volt, sondern nur bis zu schmerzhaften 150 Volt. Außerdem erhielten alle Probanden im Anschluss an den Versuch ein Gespräch mit einem geschulten Psychologen, der sie über den Inhalt des Experiments aufklärte sowie Raum für Fragen und Sorgen ließ.

Die Teilnehmer wurden wie bei Milgram vorab mehrfach darauf hingewiesen, dass sie das Experiment jederzeit beenden können, ohne die Aufwandsentschädigung von 50 polnischen Zloty zu verlieren. Doch immer wenn jemand wirklich aufhören wollte, ermunterte der Studienleiter zum Weitermachen; höflich, aber bei jedem weiteren Zögern mit mehr Nachdruck.

Die Probanden erhielten wie im Original die Rolle des Lehrers. Ihr Schüler sollte Silbenpaare lernen und korrekt wiedergeben. Wann immer er einen Fehler machte, sollte der Lehrer ihm über einen Knopf einen Stromstoß geben. Beim ersten Fehler nur 15 Volt, bei jedem weiteren 15 Volt mehr, in zehn Stufen. In Wahrheit war der Schüler, wie schon bei Milgram, ein eingeweihter Schauspieler, der mitunter aufstöhnte, wenn er einen vermeintlichen Schock erhielt.

Wie sich die Probanden verhielten, erschreckte die Forscher: Nur ein Viertel äußerte während des Experiments Zweifel oder Unbehagen, nur acht brachen es ab. 72 der 80 Teilnehmer gingen bis zur höchsten Stromstufe. Ob sie glaubten, dass der letzte Elektroschock dem anderen Schmerzen zugefügt hat? Sie bejahten.

Wer 150 Volt gibt, schreckt auch vor 450 nicht zurück

Jetzt könnte man meinen: 150 Volt sind nicht ganz so schlimm. So weit wie beim ursprünglichen Milgram-Experiment wäre heute sicherlich niemand mehr gegangen. Doch die Erfahrung sagt etwas anderes: Schon 2009 wiederholte ein US-amerikanischer Psychologe Milgrams Versuch .

Jerry Burger von der Santa Clara University beschloss ebenfalls, nur bis 150 Volt zu gehen. Seine Begründung: In Milgrams Versuch hatte sich gezeigt, dass dort eine kritische Marke liegt. Im Originalversuch brach kaum einer den Versuch ab, wenn er die 150-Volt-Grenze erst einmal überschritten hatte. "Der 150-Volt-Knopf ist so etwas wie ein Punkt ohne Rückkehr", erklärt Burger in seinem Studienbericht.

Wer unsicher ist, orientiert sich an seinen Mitmenschen

Der Psychologe hat mehrere Erklärungen, warum die Menschen sich scheinbar leicht unterwerfen. Das Auftreten des Studienleiters spielt dabei eine wichtige Rolle. Zum einen stelle er eine Autorität dar, die sie für legitim halten und auf dessen Urteilsvermögen sie sich verlassen. Nach dem Motto: "Er wird schon wissen, was er tut, so schlimm kann es also nicht sein."

Zum anderen sei die Situation für die Teilnehmer so noch nie da gewesen. Menschen wüssten dann meist nicht, wie sie sich korrekt verhalten sollten, also orientierten sie sich an dem Verhalten anderer. Auch in diesem Fall: der Studienleiter, der versichert, dass alles in Ordnung ist. Die Verantwortung liegt zudem bei ihm, er gibt die Anweisungen, die Probanden befolgen sie nur.

Ein weiterer Aspekt: Die Stärke der Stromstöße steigt in kleinen Schritten an, sodass die Probanden sich kontinuierlich vortasten konnten. "Das Bedürfnis, sich widerspruchsfrei zu verhalten, macht es dem Probanden dann schwer, den Schritt zum 195-Volt-Knopf abzulehnen, direkt nachdem er den 180-Volt-Knopf gedrückt hat", erklärt Burger.

Auch wenn Forscher den Schritt vom Labor zu Gewaltverbrechen als groß betrachten, zieht der Sozialpsychologe Tomasz Gryzb, der an der polnischen Studie mitwirkte, ein drastisches Fazit: "Ein halbes Jahrhundert nach Milgrams Originalstudie zur Unterwürfigkeit gegenüber Autoritäten ist eine überwältigende Mehrheit weiterhin willig, einen hilflosen Menschen durch einen Stromschlag hinzurichten."

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