Mittelalter Der logisch perfekte Gottesbeweis

Von Malte Henk

2. Teil: "Wenn Gott Gott ist, dann ist Gott"



Anselm überzeugen diese Argumente nicht. Denn sie beruhen auf der Erfahrung, der Beobachtung der Welt. Wie aber soll man so auf ein Wesen schließen, das außerhalb dieser Welt steht? Nein, es muss einen anderen Weg geben. Den Weg des Denkens.

Der Verstand muss aus sich selbst schöpfen: ein logisch reines, klares Argument.

Anselm grübelt. Und grübelt. Will schon aufgeben, fürchtet, der Teufel habe ihn verführt. Doch dann, eines Nachts beim Gebet, kommt ihm ein Gedanke. Schnell kritzelt er ihn auf eine Wachstafel. Später wird er ihn auf Pergament übertragen und veröffentlichen – den "ontologischen Gottesbeweis". (Die Ontologie ist die Lehre vom Sein.)

Der Beweisgang funktioniert in einem Doppelschritt. Anselm definiert Gott zunächst als dasjenige, "über das hinaus nichts Größeres gedacht werden kann". Gott als vollkommenes Wesen: Das ist seine erste Prämisse. Natürlich verrät sie nicht, ob dieses Wesen wirklich existiert.

Aber – das ist Anselms zweite Prämisse – ist nicht, was existiert, immer vollkommener als das, was nicht existiert? Ist nicht das Werk eines Malers perfekter als nur der Gedanke daran? Die logische Schlussfolgerung: Wenn wir die Existenz eines vollkommenen Wesens postulieren – dann muss es auch existieren.

Denn wäre dieses Wesen nur vorgestellt, dann wäre es noch nicht perfekt, wäre noch eine Steigerung möglich: Gott in der Realität.

Anders gesagt: Ich muss Gott als real denken – ob ich an ihn glaube oder nicht. "Wenn Gott Gott ist", wird ein Franziskaner im 13. Jahrhundert Anselms Argument zusammenfassen, "dann ist Gott."

Gott ist. Das ist immer noch die wichtigste Spielregel des Seins, für Anselm wie für seine Zeit; aber von nun an ist die Religion stärker als zuvor dem Zugriff der Vernunft geöffnet, steht die Autorität der Kirche ein wenig mehr auf dem Prüfstein des Denkens. Denn ein Mönch hat vorgeführt, dass sich Menschen die Wahrheiten ihres Glaubens selbst geben können.

Ungemein erleichtert fühlt Anselm sich jetzt. Er zieht hinaus in die Welt, um für seinen Glauben zu kämpfen: 1093 wird er Erzbischof von Canterbury. Er stirbt 1109 als hochgeehrter Kirchenpolitiker; um seinen Gottesbeweis aber bleibt es lange ruhig. Erst mehr als ein Jahrhundert später entdecken ihn die Scholastiker neu – jene Gelehrten, die der Wahrheit mit dialektischen Disputationen auf die Spur kommen wollen.

Dann: der Triumph. Denkriesen wie Descartes, Leibniz, Hegel diskutieren Anselms Argument, schreiben es neu, feiern seine analytische Kraft. So wird es zum berühmtesten Gottesbeweis der Geschichte. Und trägt mit seinem Versuch, Glauben in Wissen zu überführen, dazu bei, dass sich das Christentum in eine relativ rationale Religion verwandelt; dass sich viele Gläubige heute als Vernunft-Christen verstehen.

Es ist dann ausgerechnet ein Spezialist der Vernunft, der Anselms Gottesbeweis widerlegt. Immanuel Kant erkundet um 1800 die Grenzen des menschlichen Verstandes. Unsere Ratio – Anselm schien sie noch rein, klar, zeitlos gültig. Kant aber postuliert, dass der Mensch nur durch den Filter seines Wissens, seiner Erfahrung denken kann. Der Verstand erschafft sich also seine eigene Realität. Und denkt er auch ein höchstes Wesen – "so bleibt doch immer die Frage, ob es existiere oder nicht".

Heute ist die große Zeit der Gottesbeweise vorüber. Die meisten Philosophen sind sich darin einig, dass sich ein Schöpfer aller Dinge, der in seiner Schöpfung weiterwirkt, einer rationalen Argumentation entziehe. Dass religiöses Wissen mit Vertrauen zu tun habe, mit Gefühlen und Geheimnissen. Dass es eher ein "Um-etwas-Wissen" sei als ein "Wissen, dass". Der deutsche Theologe Dietrich Bonhoeffer hat es so beschrieben: "Einen Gott, den 'es gibt', gibt es nicht."

Das Verdienst des Anselm von Canterbury aber bleibt bestehen. Als einer der ersten Denker hat er die Christenheit gelehrt, dass Glaube und Vernunft einander nicht ausschließen müssen.



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