Drogen Liebe Leserin, lieber Leser,

falls Sie in Ihrer Jugendzeit leichtsinnig genug waren, psychoaktive Substanzen auszuprobieren, dann wissen Sie vielleicht, wie es sich anfühlt, wenn Körper und Geist vollständig unter die Herrschaft einer chemischen Besatzungsmacht geraten. Der Berauschte sieht und hört nur noch, was die überrumpelte Hirnchemie ihm vorgaukelt; sein ganzes Sinnen und Trachten unterliegt dem Diktat der Wirkstoffe, die in seiner Blutbahn kreisen. Er verwandelt sich, könnte man sagen, in eine biochemisch gesteuerte Maschine.

Ein Beispiel dafür, wie gründlich eine solche Verwandlung gelingen kann, bieten offenbar die sagenhaften Berserker des Mittelalters. Von diesen nordischen Kriegern erzählten die Zeitgenossen sich unfassbare Geschichten. Die Berserker kannten, so hieß es, keinerlei Furcht in der Schlacht, sie stürzten sich in jedes Gemetzel, schrecklich heulend, blind vor Raserei - und kaum mehr imstande, Freund von Feind zu unterscheiden.

Die Forschung sucht schon lange nach einer Erklärung für den speziellen Ausnahmezustand, in den diese menschlichen Kampfmaschinen offenbar verfielen. Erste Hinweise lieferten die Symptome, wie sie in historischen Quellen beschrieben werden: Die Berserker schlotterten angeblich oft vor Kälte; ihre Zähne klapperten; wie im Rausch bissen sie in ihre Schilde. Die Gesichter der wunderlichen Krieger waren rot und geschwollen. Dieses Außersichsein konnte wohl an die 24 Stunden lang anhalten. Danach sanken die Erschöpften für Tage in einen Zustand der Benommenheit.

Foto: The Norse Berserker Warriors

Etliche Forscher haben deshalb als Ursache den berauschenden Genuss von Fliegenpilzen vermutet. Deren Wirkung passt aber wohl nur auf einen Teil des berserkerhaften Verhaltens. Die aggressive Tobsucht sei nicht typisch für den Fliegenpilz, argumentiert nun der slowenische Botaniker Karsten Fatur. Er sieht im Schwarzen Bilsenkraut, Hyoscyamus niger, einen weit besseren Kandidaten für pharmakologisch gesteuertes Ausrasten.  Nicht von ungefähr war dieses giftige Nachtschattengewächs vor Jahrhunderten auch als Hexenkraut oder Teufelswurz bekannt: Es ruft starke Wahnbilder hervor.

Zudem dämpft es, anders als der Fliegenpilz, das Schmerzempfinden - gewiss von Vorteil beim mittelalterlichen Hauen und Stechen. Früher wurde das Bilsenkraut nicht nur als Rauschmittel, sondern auch als schmerzstillende Arznei und Narkotikum verwendet. Wegen ihrer schwer beherrschbaren Giftwirkung kam diese chemische Keule der Naturmedizin jedoch mit der Zeit außer Gebrauch - so wie auch die schwer beherrschbare Berserkerei technisch effizienteren Methoden der Kriegführung wich.

Herzlich

Ihr Manfred Dworschak

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Abstract

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Foto: A. Romeo/ ESA

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