Analyse von Gefäßen Mitteleuropäer nutzten Milch bereits vor 7400 Jahren

Wann begannen die Menschen in Mitteleuropa, Milchwirtschaft zu betreiben? Fachleute haben nun den Zeitraum erstmals präzise bestimmen können – mithilfe uralter Überreste auf Keramik.
Gefäße aus der Kultur der Linienbandkeramik, die im Elsass genutzt wurden

Gefäße aus der Kultur der Linienbandkeramik, die im Elsass genutzt wurden

Foto: Emmanuelle Casanova / Proceedings of the National Academy of Sciences (PNAS)

Milchwirtschaft reicht in Mitteleuropa mindestens 7400 Jahre zurück. Das schließt ein internationales Forschungsteam aus dem Nachweis und der Datierung zweier Fettsäuren in Keramikgefäßen aus etlichen zentraleuropäischen Regionen, darunter Deutschland, Polen, die Niederlande und das Elsass. Demnach geht die Praxis zurück auf die ersten Siedler, die von Südosten kamen und die Landwirtschaft in Mitteleuropa einführten.

Weltweit werden jährlich Hunderte Millionen Tonnen Milch produziert, allein in Deutschland waren es im Jahr 2020 mehr als 33 Millionen Tonnen. Doch über die Anfänge der Milchwirtschaft ist bislang wenig bekannt.

Zwar geht man davon aus, dass Rinder schon vor mehr als 10.000 Jahren in Vorderasien domestiziert wurden. Wie sich die Milchproduktion ausbreitete, konnte man jedoch lange nur indirekt ableiten, etwa aus bildlichen Darstellungen oder durch Untersuchungen zu Alter und Geschlecht geschlachteter Rinder, schreiben die Fachleute um Emmanuelle Casanova von der Universität Bristol in den »Proceedings of the National Academy of Sciences« .

Älteste bäuerliche Kultur in Mitteleuropa

Inzwischen lässt sich die Nutzung von Milch direkt bestimmen – durch den Nachweis stabiler Kohlenstoffisotope in Rückständen tierischer Fettsäuren in Keramikgefäßen. Deren Datierung mithilfe des C14-Verfahrens, auch als Radiokarbonmethode bekannt, ermöglichte es, den Beginn der Milchwirtschaft direkt zu ermitteln.

Keramik-Überrest: Die Menschen nutzten die Gefäße, um Lebensmittel aufzubewahren

Keramik-Überrest: Die Menschen nutzten die Gefäße, um Lebensmittel aufzubewahren

Foto: Emmanuelle Casanova / Proceedings of the National Academy of Sciences (PNAS)

C14 ist ein radioaktives Isotop des Kohlenstoffs, das in lebenden Organismen und tierischen Produkten natürlicherweise vorkommt. Mit der Zeit zerfällt der Stoff in einer vorgegebenen Geschwindigkeit. So lässt sich anhand seines Anteils ableiten, wie alt manche historischen Funde ungefähr sind.

Das Fachteam analysierte Rückstände in Gefäßen aus der Kultur der Linienbandkeramik (LBK). Ihren Namen trägt diese älteste bäuerliche Kultur in Mitteleuropa wegen der typischen Verzierung auf der Keramik. Sie verbreitete sich in Mitteleuropa ab Mitte des sechsten vorchristlichen Jahrtausends, vor allem entlang der großen Flüsse, insbesondere der Donau.

Wanderungswellen aus dem Südosten

Die Gefäße stammten aus Fundstätten in Ungarn, Polen, Frankreich, den Niederlanden und auch aus Deutschland – hier aus Königshoven am Niederrhein. Die ältesten Rückstände von Milch waren demnach etwa 7400 Jahre alt. Das zeige, dass schon die frühesten Bauern in Mitteleuropa Milch in größerem Maßstab konsumierten, betont das Team.

»Die Milchwirtschaft in Mitteleuropa ist wahrscheinlich so alt wie die Linienbandkeramik selbst«

»Die Milchwirtschaft in Mitteleuropa ist wahrscheinlich so alt wie die Linienbandkeramik selbst«

Foto: Emmanuelle Casanova / Proceedings of the National Academy of Sciences (PNAS)

»Die Milchwirtschaft in Mitteleuropa ist wahrscheinlich so alt wie die Linienbandkeramik selbst«, heißt es. »Unsere Datierungen deuten darauf hin, dass Milchwirtschaft in etlichen Gegenden schon in den frühesten Siedlungen praktiziert und nicht erst allmählich mit der Zeit übernommen wurde.«

Eingeführt worden sei die Praxis durch mehrere Wanderungswellen, tendenziell aus dem Südosten. Nach Ungarn kamen die Siedler demnach vermutlich vom Balkan, ins Elsass gelangten sie durch das Neckartal und aus dem Donauraum, in das Gebiet der Niederlande wanderten sie entlang des Niederrheins. Möglicherweise habe es auch Einwanderungswellen vom Mittelmeer entlang der Rhone gegeben, vermutet das Fachteam.

jme/dpa

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