Neue Modellierung zum Emissionsausstoß Die Erde könnte sich bis 2100 um 2,9 Grad erwärmen

Forscher haben den wahrscheinlichsten Verlauf der Treibhausgasemissionen bis Ende des Jahrhunderts berechnet, basierend auf heutiger Klimapolitik. Eine Erwärmung von weniger als zwei Grad ist beinahe ausgeschlossen.
Industrieschornstein: Um die Erderwärmung auf weniger als zwei Grad zu begrenzen, müsste der Ausstoß von Treibhausgasen deutlich gesenkt werden

Industrieschornstein: Um die Erderwärmung auf weniger als zwei Grad zu begrenzen, müsste der Ausstoß von Treibhausgasen deutlich gesenkt werden

Foto: Martin Schroeder / CHROMORANGE / IMAGO

Das 2-Grad-Ziel, auf das sich die Weltgemeinschaft im Pariser Klimaabkommen verständigt hat, scheint kaum mehr zu erreichen. Zu diesem Ergebnis kommt eine Studie, die in der Fachzeitschrift »Nature Climate Change«  erschienen ist. Für diese Studie wurde ein neues Verfahren angewandt, um die Entwicklung der Treibhausgasemissionen bis zum Jahr 2100 zu modellieren.

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Für den Anstieg des Treibhausgasausstoßes wurden sieben Szenarien ermittelt – erfreulich ist keines: Die Berechnungen ergeben, abhängig von unterschiedlichen Annahmen, die in das jeweilige Modell eingehen, eine Prognose für eine durchschnittliche Erderwärmung von 2,2 bis 2,9 Grad bis 2100 im Vergleich zur vorindustriellen Zeit.

Sieben Modelle, wenig Hoffnung

Den Autorinnen und Autoren der Studie zufolge gingen frühere Modellierungen meist von einem gesetzten Temperaturziel aus – etwa dem 2-Grad-Ziel. Dazu seien bestimmte Emissionsverläufe angenommen worden, die mit diesem Ziel kompatibel sind. Für die neue Studie sei hingegen der wahrscheinlichste Verlauf der Emissionen bis 2100 basierend auf der heute umgesetzten Klimapolitik  errechnet worden: Die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler hätten sieben Modelle verglichen, mit denen sich die Entwicklung von Energiewirtschaft und Gesellschaft in den nächsten Jahrzehnten ermitteln lasse.

Jedes dieser Modelle arbeite mit unterschiedlichen Annahmen – etwa dazu, wie schnell der Ausbau der erneuerbaren Energien vorangeht, welchen Anteil Wasserstoff im Energiemix erreichen kann, oder auch in welchem Ausmaß es möglich sein wird, CO₂ aus der Atmosphäre zu ziehen und im Boden speichern. Aber auch das Wachstum der Bevölkerung einzelner Regionen spiele eine Rolle. Diese Annahmen kombinierten die Mitglieder des Forschungsteams mit einer Reihe von Szenarien, wie sich klimapolitische Maßnahmen bis zum Jahr 2030 und darüber hinaus weltweit entwickeln könnten.

Einige der ermittelten Szenarien beruhten ausschließlich auf Daten zu aktueller regionaler Klimapolitik. Andere nahmen zusätzlich an, dass alle Staaten ihre nationalen Klimaziele bis 2030 einhalten werden. Langfristige Netto-Null-Versprechen – wie von China, das bis 2060 klimaneutral werden will, oder Indien, das die Marke 2070 erreicht haben will – berücksichtigten die Autoren und Autorinnen nicht.

Dieses Vorgehen bezeichnete Oliver Geden von der Stiftung Wissenschaft und Politik als »sehr sinnvoll«: So lasse sich der Fehler vermeiden, die Weltgemeinschaft schon jetzt für langfristige Ankündigungen »zu belohnen«. »Alle Netto-Null-Ziele für Mitte des Jahrhunderts sind im Grunde Versprechen, über deren Realisierungswahrscheinlichkeit man noch keine belastbaren Einschätzungen abgeben kann«, sagte der Klimaexperte und Leitautor des aktuellen Sachstandsberichts des Weltklimarats IPCC. Bei manchen dieser nationalen Neutralitätsziele, etwa im Fall von Indien, sei darüber hinaus unklar, ob sie sich nur auf CO₂ oder auf alle Treibhausgase beziehen – »letzteres wäre wesentlichen anspruchsvoller, gerade bei Ländern wie Indien, in denen die Landwirtschaft eine große Rolle spielt«, so Geden.

Selbst das optimistischste Modell sieht eine Erwärmung von mehr als zwei Grad voraus

Was die Studie auch zeigt: Die Wahl des Modells hat einen großen Einfluss darauf, welcher Temperaturanstieg am Ende der Modellierung steht. Die Forschenden betonten, dass es kaum möglich sei, das Maß der Erderwärmung auf eine einzelne Zahl zu komprimieren – zu groß sei die Unsicherheit, die mit den jeweiligen Modellen einhergehe. Aber: Selbst bei der optimistischsten Modellierung steige die Erderwärmung bis 2100 auf über zwei Grad. Dabei spiele es eine untergeordnete Rolle, ob Staaten ihre Klimaziele bis 2030 vollständig erfüllen oder nicht.

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Die Daten, die in der Studie ausgewertet werden, stammen aus dem September 2021. Die jüngsten Zusagen der Uno-Klimakonferenz in Glasgow sind dabei nicht berücksichtigt. Berichte und Berechnungen , die während und nach der Klimakonferenz veröffentlicht wurden, decken sich im Großen und Ganzen mit den Ergebnissen der neuen Studie. Auf Basis der aktuellen Klimapolitik ist demnach von einer durchschnittlichen globalen Erwärmung von rund 2,7 Grad gegenüber dem vorindustriellen Niveau auszugehen.

Nur wenn alle Staaten ihre Versprechen zur Klimaneutralität einhalten – was einem Bericht des Climate Action Tracker zufolge  als höchst fragwürdig gelten muss – sei mit einer Erwärmung bis 2100 auf rund 1,8 Grad zu rechnen.

»Alle diese Szenarien sind möglich«, sagte auch Klaus Hubacek von der Universität Groningen. »Sie hängen von den politischen Entscheidungen ab, die wir treffen. In Anbetracht der Entscheidungen, die wir aktuell treffen – zum Beispiel, fossile Brennstoffe weiter zu subventionieren und in Infrastruktur und Förderung von fossilen Brennstoffen  zu investieren – scheinen wir uns auf das obere Ende der Modellszenarien zuzubewegen.«

Müssen wir das 2-Grad-Ziel aufgeben?

Was jedoch nicht bedeuten muss, dass die Welt das 2-Grad-Ziel aufgeben muss: »Nach heutigem Stand der Forschung ist das 2-Grad-Ziel wohl noch zu schaffen«, sagt Wissenschaftler Geden. Allerdings nicht, weil sich die Klimapolitik als besonders ambitioniert hervortue, sondern weil das verbleibende CO₂-Budget nach oben korrigiert worden sei: Im fünften Sachstandsbericht habe das Restbudget ab 2011 tausend Gigatonnen betragen, im sechsten Sachstandsbericht wurde die CO₂-Menge, die ausgestoßen werden kann, bevor das Klimaziel überschritten ist, auf 1150 Gigatonnen ab 2020 geschätzt. Berücksichtige man die realen Emissionen zwischen 2011 und 2019, so Geben weiter, betrage der Unterschied circa 500 Gigatonnen.

Alexander Nauels, der für die NGO Climate Analytics arbeitet, erklärte die unterschiedlichen Prognosen bis zum Jahrhundertende so: »Es ist eine Dreiteilung vorzunehmen: Aktuelle Maßnahmen führen zu einer Prognose von rund 2,7 Grad Erwärmung in 2100. Die Emissionsreduktionszusagen für 2030 führen zu einer Prognose von rund 2,4 Grad Erwärmung in 2100. Die 2030 Emissionsreduktionszusagen plus vage Netto-Null-Versprechen führen zu einer Prognose von rund 1,8 Grad Erwärmung in 2100.« Wie weit die Erderwärmung begrenzt werden könne – und ob sogar das 1,5-Grad-Ziel eingehalten werden könne, sei eine Frage des politischen Willens, sagte Nauels.

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