Moderne Lebensart Folgen der Fettsucht bedrohen Urvölker

Ureinwohner in Amerika, Asien und Australien passen sich immer stärker dem modernen Lebensstil an. Die Folge: Fettleibigkeit und Diabetes verbreiten sich rasant. Experten warnen inzwischen davor, dass ganze Gruppen von Ureinwohnern ausgelöscht werden könnten.


Die Ausbreitung von Übergewicht und Zuckerkrankheit ist "die größte Epidemie in der Geschichte der Welt": Mit dieser Einschätzung steht Paul Zimmet, Direktor des australischen International Diabetes Institute (IDI), unter Medizinern nicht allein. Jetzt haben sich Fachleute erstmals zu einer Konferenz versammelt, die ausschließlich der Diabetes-Gefahr für Urvölker gewidmet ist.

Bewohner eines Indianerreservats in Brasilien: Diabetes bedroht Urvölker
DPA

Bewohner eines Indianerreservats in Brasilien: Diabetes bedroht Urvölker

Weil sich Ureinwohner in Nord- und Südamerika, Asien, Australien und im Pazifik immer rascher westlichen Ernährungsformen anpassten, seien sie besonders anfällig für Diabetes vom Typ 2, sagte Zimmet auf der Tagung, die das International Diabetes Forum derzeit im australischen Melbourne ausrichtet.

Einer der größten Risikofaktoren für Typ-2-Diabetes ist Fettleibigkeit, unter der inzwischen zahlreiche Ureinwohner aufgrund ihrer neuen Essgewohnheiten leiden. Zudem erhöht extremes Übergewicht das Risiko für Herz-, Leber-, Nierenkrankheiten und Schlaganfälle. Ureinwohner seien genetisch bedingt anfälliger als andere für Typ-2-Diabetes, der oft unentdeckt bleibe, sagte Martin Silink, designierter Präsident der International Diabetes Federation, der Nachrichtenagentur Reuters. Zudem entwickelten sich bei ihnen öfter schwere Komplikationen.

Falls nicht schnell gehandelt werde, bestehe das Risiko, dass in diesem Jahrhundert die Zahl der Ureinwohner zurückgehe und sogar ganze Völkergruppen aussterben würden, hieß es auf der Tagung, die am heutigen Montag begonnen hat und am Mittwoch endet. Weltweit leiden den Experten zufolge rund 230 Millionen Menschen - sechs Prozent der erwachsenen Bevölkerung - an Diabetes vom Typ 2. Jedes Jahr kämen etwa sieben bis acht Millionen neue Fälle dazu.

Bei amerikanischen und kanadischen Urvölkern, etwa bei den Aborigines und auf den Torres-Strait-Inseln in Australien, litten schon Sechsjährige an Diabetes. Als Teenager seien sie anfällig für Herzanfälle, Nierenversagen und Erblindung, sagte Ashim Sinha vom Diabetes-Zentrum am Cairns Base Hospital.

Alle zehn Sekunden stirbt weltweit ein Diabetes-Kranker

Angehörige der sogenannten indigenen Völker seien innerhalb von einer bis zwei Generationen sesshaft geworden und hätten ihre traditionellen Gewohnheiten gegen eine westliche Lebensweise eingetauscht. Bisher sei das Leben der Menschen in erster Linie von Infektionskrankheiten bedroht gewesen, sagte der kanadische Experte Stewart Harris.

Die Teilnehmer des Diabetes-Kongresses in Melbourne wollen ihre Vorschläge zur Bekämpfung der Diabetes-Ausbreitung den Vereinten Nationen vorlegen. Dazu gehören unter anderem eine bessere Gesundheitsversorgung von Müttern und Kindern sowie der erleichterte Zugang zu gesundem Essen für arme Gruppen, etwa über Betreuungseinrichtungen und Schulen.

Derzeit stirbt im Durchschnitt weltweit alle zehn Sekunden ein Mensch aufgrund von Diabetes, alle 30 Sekunden werden Patienten Gliedmaßen amputiert. In Deutschland ist die Anzahl der Diabetes-Toten in den vergangenen 25 Jahren um rund ein Drittel gestiegen: 2004 starben mehr als 24.000 Menschen, 1980 waren es noch knapp 19.000. Eine Ursache sei, dass es immer mehr ältere Menschen gebe, teilte das Statistische Bundesamt anlässlich des morgigen Weltdiabetestages mit.

tos/rtr/AFP/AP



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