Möglicher Durchbruch Forscher gewinnen Stammzellen aus Mäusehoden

Ein zentrales ethisches Problem in der Stammzellforschung könnte vor seiner Lösung stehen. Deutsche Forscher haben nach eigenen Angaben in den Hoden von Mäusen Zellen entdeckt, die nahezu ebenso wandlungsfähig sind wie embryonale Stammzellen.


Göttingen/London - Embryonale Stammzellen gelten vielen Medizinern als künftige Wunderwaffe gegen eine ganze Reihe von Krankheiten, da sich die Zellen in viele verschiedene Gewebetypen entwickeln können, von der Nerven- bis hin zur Herzmuskelzelle. Das Problem: Bisher werden bei ihrer Gewinnung menschliche Embryos vernichtet, was in vielen Ländern zu strengen Restriktionen in der Forschung führte.

Wissenschaftler um den Göttinger Humangenetiker Gerd Hasenfuß fanden ähnlich wandlungsfähige Zellen jetzt in den Hoden erwachsener Mäuse. Sollten sich solche Zellen auch aus menschlichen Hoden isolieren lassen, könnten sie eine ethisch unbedenkliche Alternative zur Gewinnung von Stammzellen aus menschlichen Embryos werden, schreiben die Forscher in ihrer Studie, die kommende Woche in der Online-Ausgabe der Fachzeitschrift "Nature" veröffentlicht werden soll.

Wie "Nature" am Freitag vorab berichtete, war bereits bekannt, dass bestimmte Zellen im Hoden neugeborener Mäuse wie embryonale Stammzellen in der Lage sind, sich zu verschiedenartigem Gewebe zu entwickeln. Den Forschern der Universität Göttingen gelang nach eigenen Angaben nun erstmals der Beweis, dass diese Zellen auch in erwachsenen Mäusen vorhanden sind.

Aus Hodenzellen wurden Herzzellen

Das Team isolierte spermaproduzierende Zellen und zeigte, dass sie unter bestimmten Bedingungen zu embryonalen Stammzellen ähnelnden Kulturen heranwuchsen. Die Wissenschaftler nennen diese Zellen "pluripotente adulte Keimbahn-Stammzellen". Den Forschern zufolge können sie sich in alle drei Grundtypen von embryonalen Zellen verwandeln. Werden sie in Embryonen injiziert, differenzieren sie sich zu verschiedenen Organen.

Im Laborversuch entstanden laut Hasenfuß aus den Hoden-Stammzellen Verbände aus Herzzellen, die sich regelmäßig zusammenzogen. Ein weiteres Produkt waren Nervenzellen, die den Nervenbotenstoff Dopamin produzierten, der Parkinson-Patienten fehlt. Zudem seien unter anderem Blutgefäßzellen, Hautzellen und Leberzellen entdeckt worden.

Das Team markierte in einem weiteren Versuch die aus den Hoden gewonnen Stammzellen blau. Anschließend injizierten die Forscher die Zellen in Mäuseembryos, die sich im Blastozysten-Stadium, einer frühen Phase der Entwicklung, befanden. Gewebe aus diesen Zellen fand sich laut Hasenfuß später in allen untersuchten Organen der Tiere wieder. Dieser Versuch habe nur als Beweis für die Fähigkeiten der Zellen gedient, nicht aber als therapeutischer Ansatz.

Aus embryonalen Stammzellen können sich alle Zell- und Gewebetypen des menschlichen Organismus entwickeln. Sollten Forscher auch bei erwachsenen Menschen Zellen mit den Eigenschaften embryonaler Stammzellen finden, wäre auch das Problem der Abstoßungsreaktion gelöst: Bei körpereigenen Zellen ist eine Immunreaktion weit weniger wahrscheinlich als bei Stammzellen aus fremden Organismen.

"Fast identisch mit embryonalen Stammzellen"

"Diese Hodenzellen sind fast identisch mit den embryonalen Stammzellen", erklärte Hasenfuß. Da kein Embryo bei dieser Methode zerstört werde, könne das Verfahren eine gute Alternative für die ethisch umstrittenen embryonalen Stammzellen werden, sofern es sich auf den Menschen übertragen lässt.

Ziel sei es nun, diese Hoden-Stammzellen bei Männern zu gewinnen. Zur Therapie von Frauen gibt es laut Hasenfuß zwei Optionen: Erstens enthielten auch die Eierstöcke Stammzellen, die noch Eizellen während des Lebens bilden. Sie seien allerdings schwer zu gewinnen. "Eine andere Option wäre es, die immunologischen Eigenschaften der männlichen Zellen so zu verändern, dass sie auch auf andere Menschen übertragen werden könnten."

Es sei bereits mehreren Forschern gelungen, aus Stammzellen von Erwachsenen Gewebe der Leber, der Muskeln, der Nerven oder des Herzens zu gewinnen. "Nun haben wir aber erwachsene Stammzellen mit Entwicklungsmöglichkeiten in alle Gewebe, was bislang nur bei embryonalen Stammzellen bekannt war", betont Hasenfuß.

mbe/AFP/dpa



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