Monumentaler Bildband Atlas zeigt Europa vor dem Dreißigjährigen Krieg

Saufkult im Hafen, Eselhatz mit einer Ehebrecherin und jede Stadt aus der Vogelperspektive: Ein faszinierender historischer Bildband zeigt Europas Metropolen kurz vor der Katastrophe des Dreißigjährigen Kriegs. Ein Zweck der verspielten Darstellungen war, die Osmanen zu verschrecken.


Malerische Kanäle, wunderbare Backsteinbauten - die Speicherstadt ist ein Muss für Touristen, die heute Hamburg besuchen. Im Jahr 1572 ist an der Stelle nur ein dichter Streifen Bäume gleich neben der Elbe zu sehen. Schaut man von der Ufermauer nach Süden, blickt man direkt auf den Grasbrook: Der Galgen der Stadt ragt in den Himmel, friedlich grasen ein paar Kühe.

So zeigt es der erste Band des ambitionierten Kartenwerkes "Civitates Orbis Terrarum", in dem der Theologe Georg Braun die Städte der Welt beschreibt. Für Hamburg selbst findet er wenig schmeichelhafte Worte: "Mangels Weines brauen die Hamburger Bier. (...) Es ist schon verwunderlich zu sehen, wie sich dieses Volk mit Bier betrinkt; es ist sogar so, dass derjenige am höchsten gelobt und gepriesen wird, der am stärksten saufen kann."

Braun bringt zwischen 1572 und 1618 Ansichten von insgesamt 564 Städten heraus. In sechs Bänden zeigt und kommentiert er europäische Metropolen von Paris bis Moskau - und nimmt sogar Pläne aus Nordafrika, Indien und dem südamerikanischen Kontinent auf, der nicht einmal hundert Jahre zuvor entdeckt worden war.

Die Idee hatten vor Braun schon andere. 1493 brachte Hartmann Schedel eine Weltchronik mit doppelseitigen Stadtansichten heraus, und 1544 bildete auch Sebastian Münster (dessen melancholisches Gesicht unter dem breitkrempigen Hut die Hundert-Mark-Scheine zierte) in seiner "Cosmographia" Städte ab. Schedel und Münster benutzten Holzschnitte, Braun aber arbeitete mit Frans Hogenberg zusammen, der sich auf Kupferstecherei verstand. Und diese Technik erlaubte eine zuvor ungekannte Detailfülle.

Mit den Einzelheiten hatten es Brauns Vorgänger nicht so genau genommen. "Der Drucker der Schedelschen Weltchronik verwendete eine Abbildung von Heraklion auf Kreta als Vorlage für Mainz - und dann gleich für Neapel, Aquileia, Lyon und Bologna mit", sagt Stephan Füssel, Leiter des Instituts für Buchwissenschaft der Universität Mainz. Füssel hat gerade im Taschen Verlag einen kommentierten Nachdruck von Brauns "Civitates Orbis Terrarum" herausgebracht, "Städte der Welt". Er entstand nach einer gut erhaltenen Originalausgabe des Historischen Museums in Frankfurt.

Es ist ein gewaltiges Werk, knapp einen halben Meter hoch wie das Original und mehr als sechs Kilo schwer. Paläste und Kirchen sind detailverliebt eingezeichnet, auf den Grünflächen stehen vereinzelt Bäume, und wie auf dem Hamburger Grasbrook darf auch das Vieh nicht fehlen. "Besonders erstaunlich ist, dass einige Planansichten aus der Vogelschau gezeigt werden - in einer Zeit, in der noch keine Ballonfahrten möglich waren", sagt Füssel. Sogar Städte, in deren Umgebung sich keine Hügel befinden, werden von oben gezeigt.

Hogenberg schaffte dies dank genauer Vermessungen, die ihm die Stadtväter anvertrauten. Mit neuen Kenntnissen der Perspektivtechnik setzte er die Daten in Zeichnungen um. Füssel: "Die Vorderansicht der Häuser wird in direkter Draufsicht gezeigt, die Seiten werden dann verkürzt nach hinten gezogen." So sieht man die Häuserfronten in voller Pracht und scheinbar dreidimensional. Besonders wichtige Gebäude wie Kirchen und Markthäuser ragen hoch über die engen Viertel hinaus.

Angst vor "blutdürstigen Türken"

Vor Moskaus Toren ziehen Pferde Schlitten über das Eis, im spanischen Cádiz holen Fischer ein Netz mit Thunfisch aus dem Wasser, und in Sevilla wird der Betrachter Zeuge der Bestrafung einer Ehebrecherin. Die Frau muss von Bienen umschwärmt auf einem Esel um die Stadt reiten. Die bunte Staffage diente der Illustration - sollte aber auch ungewollte Leser vom allzu exakten Studium der "Civitates Orbis Terrarum" abhalten.

Denn die Pläne waren Informationen von unschätzbarem Wert für mögliche Feinde der Städte - konkret die Osmanen. 1529 hatte sich Süleyman I. mit seinem türkischen Heer zum ersten Mal den Toren Wiens genähert. In der Vorrede des ersten Bandes teilte Braun deshalb mit, er habe seine Illustrationsfiguren als Sicherheit gegen die "blutdürstigen Türken" vor die Städte gestellt, weil der Islam "geschnittene oder gemalte Bilder nit leiden kann". Zwar verbietet der Koran nicht explizit die künstlerische Darstellung von Lebewesen. Seit dem 8. Jahrhundert aber gibt es Überlieferungen, denen zufolge sie der Schöpferrolle Gottes widersprechen.

1617, als Braun bereits ein 78-jähriger Greis war, erschien der letzte Band seiner Städteansichten. Das Unheil stand schon vor der Tür - im folgenden Jahr brach der Dreißigjährige Krieg aus. Die Städte Europas würden nie wieder so aussehen, wie Hogenberg sie gestochen hatte.

Braun verstand seine "Civitates Orbis Terrarum" als interaktives Werk. Schon in seinem Vorwort zum ersten Band schrieb er: "Wer aber seine Vaterstadt oder seine Geburtsstadt in diesen beiden ersten Büchern nicht findet, so möchte ich doch freundlich auffordern, dass er diese nach dem Leben abmalen und mir zusenden solle, dann werde ich sie durch den kunstfertigen Frans Hogenberg artig reißen lassen."

Eine ganze Reihe Städte erscheint in den folgenden Bänden sogar ein weiteres Mal. Die Stadtväter Hamburgs etwa haben zum vierten Band eine Änderung bewirken können. Keine Rede ist da mehr vom Bier. Gepriesen werden nun stattdessen "Bauten, Lage, Reichtum und Handel". Die dichte Elbufer-Begrünung in der Nähe der heutigen Speicherstadt ist artig gepflegten Reihenhäuschen gewichen, in deren Garten jeweils ein Baum steht.

Und der Galgen hat jetzt Platz für mehr Verbrecher.



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