Pollenuntersuchung bei Kriminalfällen Verräterischer Blütenstaub

Ob Mordfall Peggy oder Ötzi: Pollen verraten viel über Opfer, Täter und den Hergang des Verbrechens. Die Analysen sind zwar aufwendig, die Ergebnisse aber oft spektakulär.

Fundort im Mordfall Peggy
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Fundort im Mordfall Peggy


Sie schwirren überall durch die Luft, heften sich an nahezu alles, was sich bewegt, und ihre Zusammensetzung ist einzigartig: Pollen hinterlassen häufig verräterische Spuren, die dabei helfen, Verbrechen aufzuklären. Erst vor Kurzem hatte eine forensische Pollenanalyse neue Erkenntnisse im ungeklärten Mordfall Peggy geliefert.

Das Mädchen war am 7. Mai 2001 verschwunden, erst 15 Jahre später entdeckten Pilzsammler ihre Leiche in einem Wald (hier lesen Sie eine Chronologie des Falls). Wer das Mädchen getötet hat, ist noch immer unklar. Ende September führten verräterische Pollenspuren jedoch zu dem Mann, der die Leiche des Kindes einst vergraben hatte.

Eine Pollenkundlerin entdeckte an den Überresten der Leiche mikroskopisch kleine Torfspuren und Überreste von Mikropartikeln, die nicht zum Fundort der Leiche passten, aber zum Grundstück eines Mannes, der schon seit Jahren verdächtigt wird, in den Mordfall verwickelt gewesen zu sein. Die Torfspuren stammen demnach von Gehwegplatten vor dem Haus des Mannes, und die Mikropartikel passen zu Farbspuren, die an Renovierungsmüll des 41-Jährigen gefunden wurden.

Mittlerweile hat er gestanden, die Leiche des Kindes vergraben zu haben. Die Tötung von Peggy bestreitet er allerdings. Mehr dazu lesen Sie hier.

Der Fall zeigt, dass Pollen auch nach Jahren neue Erkenntnisse in bislang ungeklärten Mordfällen liefern können. Martina Weber von der Universität Wien ist eine der wenigen Expertinnen weltweit, die sich auf forensische Pollenanalyse spezialisiert haben. Sie unterstützt auch Kriminalisten in Deutschland bei der Verbrechensaufklärung.

Die Pollenanalyse ist aufwendig. Zunächst müssen die wenige Hundertstel Millimeter großen Pollenkörner ausgewaschen, konzentriert und in einer Säuremischung gekocht werden. "Acetolyse heißt das Verfahren", sagt Weber. Übrig bliebe die Pollenwand, die man mit einem Lichtmikroskop gut bestimmen könne.

Dann wird gezählt: "Bei 300 Pollenkörnern hören wir in der Regel auf und bestimmen die Anteile der unterschiedlichen Pollentypen", erklärt Weber weiter. Das so errechnete Pollenspektrum zeige beispielsweise, ob eine Person vor Kurzem durch eine Blumenwiese oder eher durch einen Wald gelaufen ist.

"Das konnte kein Zufall sein"

Je seltener der gefundene Pollen, desto besser: "Mit einer äußerst seltenen Mutation eines Graspollens wurde in Neuseeland ein Täter überführt. Dass die Mutation an Leiche, Täter und Tatort haftete, konnte kein Zufall sein", sagt Weber.

Von besonderem Interesse für die Kriminalisten ist Pollen, der von Lebewesen verbreitet wird und nicht vom Wind. Denn diese Pollen erfordern einen direkten Kontakt zur Pflanze und können so beweisen, dass sich ein Tatverdächtiger an einem bestimmten Ort aufgehalten haben muss. Bei der Spurensicherung ist es deswegen enorm wichtig, die Kontamination mit Fremdpollen zu verhindern.

"Textilien sind hervorragende Pollenfänger", sagt Weber. "Auch mehrmaliges Waschen nützt nicht, um alle verräterischen Pollenkörner loszuwerden." Aber auch aus den Atemwegen einer Leiche, den Haaren oder ihrem Verdauungstrakt können Pollen sichergestellt werden.

Pollen klärten schon Mordfall im Jahr 1959

Österreich gilt als Pionierland in Sachen forensische Pollenanalyse. Bereits 1959 wurde dort der erste Mordfall mithilfe der Methode aufgeklärt: Damals war in Wien ein Mann verschwunden, die Polizei verdächtigte einen Bekannten des Mannes, ihn erschossen zu haben. Von der Leiche fehlte allerdings jede Spur.

Polizisten entdeckten an der Kleidung des Verdächtigen jedoch fossile Pollen der Hickorynuss. Und die gab es in Wien nur an einem einzigen Ort. Die Ermittler vermuteten, dass dort die Leiche des Verschwundenen versteckt sein könnte. Die neuen Erkenntnisse setzten den Verdächtigen derart unter Druck, dass er zugab, den Verschwundenen mit einem Revolver erschossen zu haben. Später führte er die Polizisten zu dem Ort, an dem er die Leiche vergraben hatte.

Mit der Pollenanalyse lassen sich sogar Verbrechen aus der Steinzeit untersuchen. Blütenpollen in der Gletschermumie Ötzi verrieten beispielsweise, welchen Weg der Mann aus dem Eis durch die Alpen zurücklegte, bevor ihn vor gut 5250 Jahren ein Pfeil in den Rücken traf. Auch die Jahreszeit der Attacke konnte dank der Pollen bestimmt werden: Ötzi starb im späten Frühjahr.

koe/dpa

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