Christian Stöcker

Streit über Motorradlärm Die Zukunft zischt

Christian Stöcker
Eine Kolumne von Christian Stöcker
Deutsche Motorradfahrer demonstrieren zu Tausenden für ihr Recht, weiterhin überall und immer Lärm machen zu dürfen. Der Streit ist symptomatisch: Er zeigt, dass bei uns nicht in die Zukunft gedacht wird.
E-Mobilität: Das erinnert ein bisschen an die ersten Autos, die noch aussahen wie Kutschen ohne Pferde

E-Mobilität: Das erinnert ein bisschen an die ersten Autos, die noch aussahen wie Kutschen ohne Pferde

Foto: Zeidler/ Johammer

In einem haben die vielen tausend Motorradfahrer, die vergangene Woche vielerorts in Deutschland lautstark demonstriert haben, durchaus Recht: Das motorisierte Zweirad ist kein Auslaufmodell, im Gegenteil.

Um es mit der unnachahmlichen Eleganz deutscher Behörden zu formulieren: Ein durchschnittlicher Pkw ist "mit 1,46 Personen"  besetzt. Im Klartext: In den meisten fahrenden Autos sitzt eine einzige Person.

Zu deren Transport müssen eine bis zwei Tonnen Blech durch die Gegend bewegt werden. Die Einpersonenautos beanspruchen ungefähr neun oder zehn Quadratmeter Platz, egal, ob sie fahren oder stehen. Entsprechend sehen die Städte der Welt aus: Sie sind für Autos optimiert, nicht für Menschen.

Leise, flink, vibrations- und wartungsarm

Ein Fahrrad, Motorrad oder Roller verbraucht deutlich weniger Platz, beim Fahren wie beim Parken. Und die Fahrzeuge können noch einfacher mit einem Elektromotor unterstützt oder angetrieben werden als ein Auto.

An dieser Stelle ein Bekenntnis: Ich fahre mittlerweile seit Jahren einen Elektromotorroller, ein Äquivalent zur alten 50cc-Klasse. Ich liebe diesen Roller: Er ist flüsterleise, extrem vibrationsarm, man muss niemals einen Parkplatz suchen, die Beschleunigung ist so gut, dass man an jeder Ampel alle Autos stehen lässt, man gleitet entspannt durch den Verkehr. Mit einer Einschränkung, aber dazu gleich.

Zu Hause laden die Fotovoltaik-Zellen auf dem Dach unseres Hauses den Roller auf. Ich fahre also emissionsfrei, geräuschfrei und ohne dass für mich durch den Roller zusätzliche Kosten entstehen. Die Reichweite ist etwa 50 Kilometer, mehr als genug für die Stadt. Die laufenden Kosten beschränken sich auf etwa 50 bis 70 Euro Versicherung pro Jahr. Und gelegentlich mal eine Inspektion.

Kein Vergaser, kein Getriebe, kein Getropfe

Eine Reparatur habe ich in mittlerweile fünf Jahren und knapp 10.000 Kilometern Rollergeschichte noch nicht erlebt, und das ist auch ganz normal: Elektromotoren sind, anders als Verbrenner, extrem verschleißarm. Sie brauchen auch kein Getriebe, und die sind bekanntlich schadensanfällig. Der zweite Effekt dieser Eigenschaft ist eine gleichmäßige, unterbrechungsfreie Beschleunigung.

Längst gibt es auch Elektromotorräder  - nur, was wiederum nicht überrascht, keine von deutschen Traditionsherstellern. BMW zum Beispiel baut nur einen (ziemlich teuren) Elektroroller. Es gibt mittlerweile eine (sehr teure) Elektro-Harley, eine Elektro-Enduro von KTM aus Österreich, und irgendwann in diesem Jahr soll ein schwedisches Modell im Retrodesign auf den Markt kommen. Besonders schnelle Modelle kommen aus Italien. Gewissermaßen das Tesla unter den Zweiradfirmen ist derzeit das US-Unternehmen Zero, das schon seit 2006 Krafträder mit E-Motor baut.

Krach ist kein Naturgesetz

Die reichweitenstärksten dieser E-Krads schaffen schon jetzt bis zu 400 Kilometer am Stück. Viele haben extrem effiziente Schnellladesysteme. Und die Entwicklung beginnt hier in Wahrheit gerade erst. Das sieht man auch am Design: Die meisten E-Motorräder sind noch als Verbrenner verkleidet, mit falschen Tanks und ähnlichem Schnickschnack. Das erinnert ein bisschen an die ersten Autos, die noch aussahen wie Kutschen ohne Pferde.

All diese Motorräder haben aber noch etwas anderes gemeinsam: Sie machen keinen Krach. Außer, wenn man den per Lautsprecher dazuschaltet, was manche Modelle wirklich anbieten.

Das ist der Punkt, an dem die wütenden Motorraddemonstranten fundamental irren: Es gibt keinen Kausalzusammenhang zwischen Beschleunigungserleben auf zwei Rädern und höllischem Lärm. Im Gegenteil: Ähnlich wie Teslas, die ja bekanntlich eine beeindruckende Beschleunigung aufweisen, hängen die stärksten Elektromotorräder schon jetzt viele Superbikes mit Verbrennungsmotor beim Start ab. Manche fahren bis zu 200 Kilometer pro Stunde schnell. Ich persönlich finde es absurd und gefährlich, auf zwei Rädern zu rasen, aber viele sehen das ja bekanntlich anders.

Diese leicht perverse Liebe zum Krach

Viele Motorradfahrer werden an dieser Stelle darauf verweisen, dass der Lärm zum Spaß dazugehöre. Tatsächlich wird im Zusammenhang mit lauten Auspuffanlagen gern mal der Begriff "sinnlich" gebraucht, was ich so widersinnig wie entlarvend finde. Motorenlärm ist nicht schön, im Gegenteil, er ist in hohen Dosen nachweislich gesundheitsschädlich. Die leicht perverse Liebe zum Krach ist Teil des kollektiven Selbstbetrugs unserer nach fossilen Brennstoffen immer noch süchtigen Gesellschaften.

Wie beim Auto auch, haben Kraftradfans die Schattenseiten ihrer Passion im Laufe der Zeit zu ästhetischen Vorteilen umgedeutet: Lärm ist sinnlich, Benzin duftet, tropfendes Öl ist irgendwie ehrlich und sexy. Das nennt man kognitive Dissonanzreduktion. Die funktioniert aber bekanntermaßen bei den anderen Leuten, die den Krach hören und die Abgase einatmen müssen, gar nicht.

Mobilität, die CO2 produziert, muss verschwinden

Trotz alledem kommt das Thema Elektromobilität in der aktuellen Debatte über Motorradlärmschutz nicht vor. Es geht gar nicht darum, Motorräder zu verbieten. Es geht darum, Menschen vor dem Lärm und das Klima vor dem CO2 zu schützen, die Verbrennungsmotoren erzeugen.

Mobilität, die CO2 produziert, muss verschwinden, und zwar möglichst schnell. Und ja: Das hat nur dann Sinn, wenn auch der Strom CO2-neutral hergestellt wird. Da kommen wir ja ohnehin nicht herum. Mit dem einen erst anzufangen, wenn das andere erreicht ist, ist offenkundiger Unsinn.

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Ein Elektroroller ist, wenn einem Radeln zu anstrengend ist, das perfekte Cityfahrzeug. Mit dieser Einschränkung: Ein "Fünfziger"-Roller, den man mit einem alten Autoführerschein fahren darf, ist, gesetzlich verordnet, bei 45 km/h abgeregelt. Wer auf so einem Roller sitzt, ist also auf jeder größeren Straße mit wenigen Ampeln früher oder später ein Verkehrshindernis.

Bei jeder Fahrt, das kann ich aus leidvoller Erfahrung sagen, hat man das unangenehme Gefühl, mal wieder einen sehr genervten Autofahrer im Nacken zu haben. Manche signalisieren ihren Unmut mit - für den Rollerfahrer – riskanten Überholmanövern oder dichtem Auffahren.

Wieder mal ein Lobbyerfolg der deutschen Autobranche

Man könnte dieses Problem sehr einfach lösen, indem man die erlaubte Höchstgeschwindigkeit auf 55 oder 60 km/h anhebt. Roller- und Mopedfahrer fordern das schon seit vielen Jahren, aber sie sind ja nicht die Automobilindustrie, der deutsche Regierungen so lange jeden Wunsch von den Augen abgelesen haben. Stattdessen kann man jetzt für Hunderte Euro ein Führerschein-Upgrade erwerben, damit man ein bisschen schneller fahren darf.

Dazu passt eine Anekdote, die der Mobilitätsexperte Don Dahlmann kürzlich bei Twitter verriet : "Bosch hat sich auch deswegen aus dem B2C-E-Roller-Geschäft mit Coup zurückgezogen, weil es Druck aus der Autoindustrie gab. Ein Zulieferer dürfe nicht das Kerngeschäft der Industrie gefährden, hieß es intern." Coup ist ein Unternehmen, das in Berlin Miet-Elektroroller bereitstellte. Neue Mobilität für die neue Zeit also.

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Der Präsident des Bundesverbandes Elektromobilität, Kurt Siegel, sagt explizit, dass die Anhebung der 45-km/h-Grenze "vom Verkehrsministerium und der Autoindustrie mit allen Mitteln blockiert" werde. Sie macht den E-Roller, das ansonsten perfekte Citygefährt, nämlich ein bisschen unattraktiver.

Und genau das, unattraktiv, soll alternative Mobilität in Deutschland, wenn es nach den deutschen Herstellern und dem Verkehrsminister geht, offenbar noch möglichst lange bleiben.

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