MSC-Chef im Interview Mr Howes, kann man wirklich noch Fisch essen?

Ein blau-weißes Logo gegen das schlechte Gewissen beim Fischkauf: Aber was ist das Gütesiegel des Marine Stewardship Council (MSC) für Verbraucher tatsächlich wert? Fragen an MSC-Chef Rupert Howes.
Ein Interview von Christoph Seidler
Fischtheke auf der Messe "fish international" in Bremen (Archivbild)

Fischtheke auf der Messe "fish international" in Bremen (Archivbild)

Foto: Carmen Jaspersen/ picture alliance / dpa

Lachs liegt an Nummer eins, dann kommen der Alaska-Seelachs, der eigentlich Pazifischer Pollack heißt, der Hering und der Thunfisch. Die Deutschen lieben Fisch. Nach Angaben des industrienahen Fisch-Informationszentrums  konsumierten sie im Jahr 2016 rund 1,16 Millionen Tonnen Fisch und Meeresfrüchte - für insgesamt 3,8 Milliarden Euro. Ein Rekordwert.

Doch Datenbanken wie "Fischbestände Online " zeigen eindrücklich, dass sich viele Bestände in kritischem Zustand befinden. In vielen Teilen der Welt wird längst mehr Fisch gefangen, als natürlich wieder nachwächst. Nach Statistiken der Welternährungsorganisation sind 90 Prozent der weltweiten Fischbestände entweder am Limit oder schon überfischt.

Für Europas Gewässer legt die EU regelmäßig die Fangquoten fest. Basis dafür sind wissenschaftliche Empfehlungen. Doch oft liegen die Quoten deutlich über den Empfehlungen.

Wo die Politik beim Meeresschutz versagt, könnten die Verbraucher einspringen - wenn sie Fisch aus problematischer Herkunft meiden. Dafür gibt es Einkaufsratgeber von Organisationen wie Greenpeace  oder WWF . Und es gibt Gütesiegel wie das blau-weiße Logo des Marine Stewardship Council (MSC) auf den Verpackungen.

Aber was bringt das Siegel tatsächlich? Und wie viel Fisch sollte man als verantwortungsvoller Mensch überhaupt noch essen? Dazu äußert sich MSC-Chef Rupert Howes im SPIEGEL-ONLINE-Interview.

Zur Person
Foto: MSC

Rupert Howes, 54, ist Generaldirektor des Marine Stewardship Council. Die Organisation wurde 1997 von der Umweltorganisation WWF und dem Lebensmittelkonzern Unilever gegründet. Seit 1999 ist sie unabhängig, sie finanziert sich vor allem über Lizenzgebühren. Howes leitet den MSC seit 2004. Zuvor arbeitete er bei der Entwicklungsorganisation Forum for the Future, an der Sussex University und dem International Institute for Environment and Development.

SPIEGEL ONLINE: Mr Howes, wann haben Sie das letzte Mal Fisch gegessen?

Howes: Meine Familie und ich essen regelmäßig Fisch, drei- oder viermal in der Woche. Das letzte Mal war gestern Abend. Ich habe Schellfisch gekocht. Der war natürlich MSC-zertifiziert. Und er war sehr lecker.

SPIEGEL ONLINE: Kann man als verantwortungsvoller Mensch noch Fisch essen? Rund 90 Prozent der weltweiten Fischbestände sind entweder am Limit oder schon überfischt.

Howes: Es ist wichtig, hier eine Unterscheidung zu treffen. Rund 60 Prozent der Bestände werden maximal möglich befischt. Das ist aber nicht zwangsläufig negativ. Das kann man auch nachhaltig tun, indem man darauf achtet, dass sich die Bestände stets regenerieren. Die übrigen 30, 40 Prozent, bei denen Bestände überfischt werden, die sind jedoch in der Tat besorgniserregend. Aber solange der Fisch aus verantwortungsvollen Quellen kommt, gibt es schon gute Gründe, ihn zu essen.

SPIEGEL ONLINE: Und die wären?

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Foto: Corbis

Howes: Fisch ist sehr nahrhaft. Er deckt weltweit 17 Prozent des Bedarfs an tierischen Proteinen. Sein CO2-Fußabdruck ist klein, wenn man ihn mit anderen Formen der Proteinproduktion wie Fleischherstellung oder Anbau von Hülsenfrüchten wie Soja vergleicht. Wenn die Welt heute aufhören würde, Fisch zu fangen, müssten wir fast 100 Millionen Tonnen proteinhaltiger Nahrung auf andere Art und Weise erzeugen. Ich denke, die Umweltauswirkungen in diesem Fall wären deutlich negativer.

SPIEGEL ONLINE: Die Weltgesundheitsorganisation empfiehlt, ein bis zwei Portionen Fisch pro Woche zu essen. Bei einer Portionsgröße von 150 Gramm kommen pro Kopf und Jahr 11,7 Kilogramm zusammen. Der durchschnittliche Deutsche konsumiert aber 14 Kilogramm. Essen wir einfach zu viel Fisch?

Howes: Entscheidend ist aus meiner Sicht, dass der Fisch nachhaltig produziert wurde und dass das auch nachvollziehbar ist. Es gibt Berechnungen, nach denen unsere Ozeane noch deutlich mehr Proteine als bisher liefern können, wenn die Fischbestände richtig gemanagt werden.

SPIEGEL ONLINE: Aktuell sind zwölf Prozent der weltweit gemeldeten Fischfangmengen MSC zertifiziert (siehe Kasten unten). Sie wollen diese Zahl bis zum Jahr 2020 auf 20 Prozent erhöhen. Und für 2030 haben Sie sogar 30 Prozent als Ziel. Müssen Sie dafür nicht automatisch die Standards aufweichen?

Das MSC-Gütesiegel für Fisch
Foto: TMN/ Marine Stewardship Council

Die private Organisation Marine Stewardship Council (MSC) vergibt ein Gütesiegel für Fisch aus nachhaltiger Fischerei. Der MSC finanziert sich vor allem über Lizenzgebühren für sein Siegel. Eine Fischerei gilt laut MSC-Richtlinien als nachhaltig, wenn eine Überfischung vermieden wird und Ökosysteme wie etwa Korallenbänke geschont werden. Manche Umweltschützer werfen dem MSC vor, dass die Kriterien nicht streng genug sind und auch nicht vollständig erfüllt sein müssen.

Howes: Bei den 20 Prozent geht es nicht um den Marktanteil, wir wollen nicht unbedingt, dass 20 Prozent des Fischs 2020 tatsächlich MSC-zertifiziert sind. Wir wollen 2020 aber zumindest mit Fischereien im Gespräch sein, die 20 Prozent der globalen Fangmenge anlanden. Wir können unsere Erfahrung aus 20 Jahren nutzen, um Veränderungen auf den Weg zu bringen, auch bei kleineren Fischereien in Entwicklungsländern. Unsere Standards werden dabei auf keinen Fall geschwächt werden. Tatsächlich darf und wird die Messlatte bei der Nachhaltigkeit nur in eine Richtung gehen: nach oben.

SPIEGEL ONLINE: Nicht jeder glaubt, dass ihnen das gelingt. Kürzlich haben Ihnen 66 Organisationen und Experten einen offenen Brief  geschrieben. Sie äußern in deutlichen Worten Kritik und Bedenken an der Arbeit des MSC, etwa über zertifizierte Fischereien, die große Mengen Beifang entsorgen oder gefährdete Arten fangen.

Howes: Wir sind offen für Kritik. Wir nehmen viele Anregungen anderer NGOs in unsere Standards und unsere Zertifizierungsanforderungen auf. Wir sehen das als etwas, das uns stärkt - und nicht als Problem.

SPIEGEL ONLINE: Der Brief klingt nicht so, als gebe es kein Problem. Von "erheblichen und zunehmenden Bedenken" an Ihrer Arbeit ist da die Rede. Und davon, dass eine "steigende Zahl kontroverser Fischereien" durch Sie zertifiziert worden sind.

Howes: Wir bekommen fast jeden Tag Briefe, in denen verschiedene Gruppen verschiedene Dinge wollen, aus Umweltorganisationen wie auch aus der Industrie. Der MSC bietet eine Plattform, auf der sich Zivilgesellschaft und Fischereiindustrie austauschen können. Fischereien werden für fünf Jahre zertifiziert, aber jedes Jahr gibt es eine unabhängige Begutachtung. Manche Gruppen wollen, dass der Fortschritt weit über Bereiche hinausgeht, die wir regeln können. Das wird irgendwann auch schwierig. Zum Teil werden da Dinge gefordert, die unrealistisch sind oder die wir nicht in dieser Detailtiefe vorgeben wollen.

Fischereien suspendiert

SPIEGEL ONLINE: Zum Beispiel?

Howes: Da gibt es etwa Forderungen nach Standards mit null Beifang. Das ist unrealistisch. Oder nach einer Verpflichtung, alle Navigationsdaten aus dem Automatic Identification System freizugeben. Wir können solche Details nicht vorschreiben. Wir lassen uns von der Wissenschaft leiten und bewerten die Umweltauswirkungen einer Fischerei. Beispielsweise sagt eines unserer Zertifizierungskriterien, dass die Fischerei das Ökosystem nicht nachhaltig schädigen darf. Durch welche Maßnahmen eine Fischerei dieses Ziel erreicht, bleibt ihr überlassen, das schreiben wir nicht vor. Aber dass sie es erreicht, darauf achten die Zertifizierungsteams in jedem Fall.

SPIEGEL ONLINE: Das klingt eher theoretisch.

Howes: Nein, kürzlich gab es zum Beispiel bei der isländischen Seehasen-Fischerei Hinweise auf zunehmenden Beifang. Da fand dann eine zusätzliche Prüfung statt. Und die Fischerei wurde suspendiert. Oder sechs Makrelen-Fischereien. Dort wurde mehr gefischt als wissenschaftlich für sinnvoll erachtet wurde. Alle sechs Fischereien haben für zwei oder drei Jahre ihre Zertifikate verloren und waren extrem sauer. Sie haben sich schließlich auf eine Überarbeitung der Quoten geeinigt. Jeder hat ein kleineres Stück vom Kuchen bekommen.

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SPIEGEL ONLINE: Und das Problem mit dem Beifang?

Howes: Wir haben zahlreiche Fischereien, die ihren Beifang im Rahmen der MSC-Zertifizierung massiv verkleinert haben. Ein Beispiel ist die südafrikanische Kap-Seehecht-Fischerei. Hier gab es viel Kritik von Nichtregierungsorganisationen (NGOs): zu viel Beifang und Überfischung. Auch Zehntausende Vögel würden getötet. Im Prozess stellte sich heraus: Es gibt zwei getrennte Fischbestände, einer war überfischt. Also wurde der geschützt. Und wegen der Vögel wurden Störkörper an den Netzen befestigt. So konnte die Todesrate um 90 Prozent gesenkt werden, beim Wanderalbatros sogar um 99 Prozent.

SPIEGEL ONLINE: Wie genau setzen Sie Ihre Prinzipien eigentlich durch?

Howes: Der MSC überarbeitet alle fünf Jahre seine eigenen, immer strengeren Standards. Dabei berücksichtigen wir etwa 300 Kommentare von NGOs und der Industrie. Basierend darauf akkreditiert eine unabhängige Stelle, ASI in Bonn , etwa 20 Zertifizierer. Diese wiederum stellen Dreierteams aus Experten zusammen, die jeweils eine Fischerei begutachten und bewerten. Das dauert zwischen acht und achtzehn Monaten. Die Experten müssen dabei zwingend vor Ort sein und mit allen beteiligten Parteien sprechen.

"Hohe Messlatte für Nachhaltigkeit"

SPIEGEL ONLINE: Kritiker sagen, dass Fischereien die MSC-Zertifizierung zu früh bekommen. Also für ein Versprechen, in Zukunft etwas richtig zu machen. Sollten Sie mehr verlangen, bevor Sie die blau-weißen Aufkleber rausrücken?

Howes: Wenn man die Standards zu hoch setzt, macht vielleicht nur eine Handvoll unwichtiger Fischereien mit. Einen ganzen Sektor der Industrie kann man so nicht reformieren. Wir haben eine hohe Messlatte für die Nachhaltigkeit.

SPIEGEL ONLINE: Der weltweite Bedarf an Fisch steigt. Und schon heute kommt die Hälfte der Fangmenge aus Aquakultur. Kann nachhaltiger Wildfang überhaupt noch mehr liefern?

Howes: Der Wildfang hat aktuell bei 90 Millionen Tonnen ein hohes Niveau erreicht. Bei nachhaltigem Management könnten die Mengen auch noch weiter steigen. Viele Experten sagen, der größte Teil des Wachstums werde in Zukunft aus Aquakulturen kommen müssen. Unsere Schwesterorganisation, der Aquaculture Stewardship Council, kümmert sich hier. Es gibt aber einen Zusammenhang: Ein Drittel des Wildfangs wird für die Herstellung von Fischmehl und -öl genutzt. Einen verstörend großen Teil davon nutzt die Aquakultur-Industrie als Fischfutter. Wir müssen dafür sorgen, dass auch diese "Futter-Fische" nachhaltig gefangen werden.

SPIEGEL ONLINE: Aktuell sind drei Milliarden Menschen auf der Erde auf Fisch für ihre Versorgung mit tierischen Proteinen angewiesen. Gleichzeitig ist Europa der größte Markt für Fisch. Und die Hälfte des von Europa importierten Fisches kommt aus Entwicklungsländern. Sollten wir den Fisch nicht einfach den Ärmsten der Armen überlassen?

Howes: Wir fällen keine moralischen Urteile, wie Fisch genutzt werden soll, uns geht es um Nachhaltigkeit. Aber klar ist: Fisch ist ein wichtiges Handelsgut. Und wenn Entwicklungsländer Fisch verkaufen, verdienen sie wichtiges Geld. Und in manchen Fällen, wie etwa bei den Anchovis in Peru, fangen die Fischer auch viel mehr, als im eigenen Land gebraucht wird.

SPIEGEL ONLINE: Um zum Anfang unseres Gesprächs zurückzukommen: Wie oft sollte ich Fisch essen, wenn mir sowohl meine Gesundheit als auch die des Planeten am Herzen liegt?

Howes: Ich möchte niemandem sagen, was und wie viel er oder sie essen soll. Aber ich würde immer darauf achten, wo der Fisch herkommt, ob er aus nachhaltiger Fischerei ist. Man sollte Nein sagen, wenn das nicht klar ist. Jeder braucht einen inneren Kompass. Man muss sich die Frage stellen, ob man Teil der Lösung oder Teil des Problems ist.

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