Müdes Gehirn Der tote Punkt nach dem Aufwachen

Schlechte Nachrichten für Ärzte, Piloten und andere Bereitschaftsdienstler: Das Gehirn ist direkt nach dem Aufwachen offenbar extrem leistungsschwach. Eine Studie hat ergeben, dass das Denkorgan selbst nach Dauer-Schlafentzug besser funktioniert.

Dass Menschen direkt nach dem Erwachen nicht besonders gedankenschnell sind, dürfte allseits bekannt sein. Eine Studie US-amerikanischer Forscher hat jetzt jedoch in überraschender Deutlichkeit gezeigt, wie schwach die geistige Leistungsfähigkeit in den Minuten nach dem Aufwachen ausgeprägt ist.

Besonders in den ersten zehn Minuten nach dem Aufwachen erzielten die Probanden selbst in einfachen Rechentests extrem schlechte Ergebnisse - auch wenn sie ausreichend lange geschlafen hatten, schreiben Adam Wertz von der University of Colorado in Boulder und seine Kollegen im Fachblatt "Journal of the American Medical Associaton".

Zur Vorbereitung auf das Experiment sollten die neun Teilnehmer drei Wochen lang jede Nacht acht Stunden schlafen. Dann verbrachten sie eine Woche im Schlaflabor, wo sie unter Aufsicht ebenfalls acht Stunden pro Nacht schlummerten und wiederholt mathematische Aufgaben lösen mussten. Am siebten Tag bekamen sie die Aufgaben direkt nach dem Aufwachen. Danach folgte eine 26-stündige Phase ohne Schlaf, während der die Teilnehmer alle zwei Stunden zum Rechentest bestellt wurden.

Das Ergebnis: Eine Minute nach dem Aufwachen erreichten die Probanden gerade einmal 65 Prozent ihrer sonstigen Leistungsfähigkeit. Selbst nach 26 schlaflosen Stunden schnitten sie mit etwa 85 Prozent ihrer Maximalpunktzahl deutlich besser ab, schreiben die Forscher. Bisher hatten Studien das Gegenteil nahegelegt: Wissenschaftler waren davon ausgegangen, dass die geistige Leistung durch Schlafentzug schwerer beeinträchtigt ist als kurz nach dem Aufwachen.

Schlafentzug kann ähnliche Auswirkungen haben wie Alkoholkonsum. Frühere Studien haben gezeigt, dass die Leistungsfähigkeit nach 24 schlaflosen Stunden etwa der eines Menschen mit einem Promille Alkohol im Blut entspricht. Die Benommenheit nach dem Aufwachen ist noch deutlich gravierender, kommentieren die Forscher ihre Ergebnisse. Zwar normalisiere sich die Leistungsfähigkeit nach 20 bis 30 Minuten. Die Einschränkung könne aber auch bis zu einer Stunde anhalten.

Wertz und seine Kollegen halten das für alarmierend. Denn Notärzte etwa müssen, aufgeschreckt aus dem Schlaf, häufig komplexe medizinische Maßnahmen einleiten. Auch Piloten und Fernfahrer im Bereitschaftsdienst stehen kurz nach dem Aufwachen in der Verantwortung, wichtige Entscheidungen zu treffen und komplexe Tätigkeiten durchzuführen.

Andere Experten relativieren jedoch die Ergebnisse der Untersuchung. "Die Frage ist, wie die Leistungen in der wirklichen Welt aussehen, unter weniger kontrollierten Umständen", sagt Timothy Roehrs, Schlafforscher am Henry Ford Hospital in Detroit. Er warnt davor, aus einer so kleinen Studie umfassende Schlüsse zu ziehen. Wertz und sein Team haben aber bereits angekündigt, noch in diesem Jahr eine ähnliche Untersuchung mit einer größeren Gruppe von Teilnehmern durchzuführen.

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