Mülltrennung in Deutschland Die gelbe Revolution

DDP

Von Nora Somborn

3. Teil: Projekt Wertstofftonne: Mehr Müll für den gelben Sack


Eine viel diskutierte Alternative zur gelben Tonne ist die sogenannte Wertstofftonne. Dabei handelt es sich im Prinzip nur um eine aufgemöbelte gelbe Tonne. Zusätzlich zu den Leichtverpackungen dürfen hier auch "stoffgleiche Nichtverpackungen" herein - etwa eine Quietscheente aus der Badewanne. Das kleine Plastiktier ist inzwischen zum Symbol für die Wertstofftonne geworden. Aber auch Bratpfannen sowie kleinere Elektrogeräte wie Haartrockner oder Rasierapparate können mit in die Tonne aufgenommen werden.

In Deutschland gab es schon in einigen Städten Modellprojekte mit Wertstofftonnen. Das Duale System Deutschland (DSD) und der Entsorger Alba haben 2004 in der gesamten Stadt Leipzig und 2005 in einigen Geschosswohnungsbauten im Land Berlin einen Testversuch unter dem Namen "Gelbe Tonne plus" gestartet. In Hamburg hat die Stadtreinigung 2006 in drei Stadtteilen ein ähnliches Projekt unter der Bezeichnung "Hamburger Wertstofftonne" begonnen.

Alle drei Modellprojekte sind nach Angaben der Betreiber erfolgreich. Mit den neuen Tonnen lassen sich anscheinend mehr Wertstoffe aus dem Müll schöpfen. Der Vergleich beider Tonnen hatte ergeben, dass die "Gelbe Tonne plus" mehr Verpackungen, mehr trockene Wertstoffe und auch mehr Elektroschrott enthält. Mit nur 1,2 Kilogramm pro Einwohner und Jahr mag die Menge an Elektroschrott zwar gering erscheinen. Doch für den Umweltschutz ist gerade dieser interessant, da er viele kostbare Edelmetalle enthält. Im gelben Sack landeten dagegen nur 0,1 Kilogramm Elektroschrott pro Einwohner und Jahr (siehe Grafik in der Fotostrecke).

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13  Bilder
Wohin mit Verpackungen?: Alternativen zur gelben Tonne

Traurige Bilanz

Nebenbei offenbarten die Modellprojekte deutlich, was in den normalen gelben Tonnen landet - Daten, mit denen das DSD normalerweise nicht gerade freizügig umgeht. In den Geschosswohnungsbauten in Berlin werden demnach pro Einwohner und Jahr insgesamt nur rund 16 Kilogramm im gelben Sack gesammelt. Davon sind der Großteil Restmüll, Papier und trockene Wertstoffe. Leichtverpackungen - für die der gelbe Sack eigentlich gemacht ist - machen nur knapp 40 Prozent des Inhalts aus. Eine traurige Bilanz.

Das ausgefeilteste Sortiersystem bringt gar nichts, solange die Verbraucher es nicht verstehen - oder gar bewusst boykottieren. Genau daran könnte auch die Wertstofftonne kranken.

Die Betreiber der Pilotprojekte sind dennoch von ihren Tonnen überzeugt. In Leipzig gibt es die "Gelbe Tonne plus" inzwischen ganz regulär. Auch die Stadtreinigung Hamburg möchte bald nachziehen: "Wir sind entschlossen, unser neues Sammelsystem in ganz Hamburg aufzubauen", sagt der Sprecher der Stadtreinigung, Reinhard Fiedler. Viele andere Städte wie Dortmund und Frankfurt am Main zeigen ebenfalls Interesse an der neuen Tonne.

Privatfirmen beharren auf Privilegien

Auch für die schwarz-gelbe Bundesregierung ist die Wertstofftonne der klare Favorit. Schon im Koalitionsvertrag ist festgelegt, dass sie als Alternative geprüft werden soll, und auch im vorläufigen Entwurf zum neuen Abfallgesetz hat sie einen festen Platz (siehe Kasten links). Die Bundesregierung wird damit ermächtigt, die Wertstofftonne zu einem späteren Zeitpunkt flächendeckend einzuführen.

Wie das neue Müllsystem finanziert werden soll, ist aber noch völlig offen. Ein Streit zwischen Privatunternehmen und kommunalen Entsorgern ist bereits entbrannt. Bisher sind das DSD und die anderen privaten Dualen Systeme für die Verpackungen zuständig, die Kommunen für den restlichen Müll. Die Kommunen würden sich gerne um den gesamten Müll kümmern. Die Privatunternehmen beharren aber auf ihren Privilegien. In Berlin hat der Senat den Müllkrieg in dieser Woche per Anordnung beendet und dem privaten Entsorger Alba offiziell untersagt, weiterhin Wertstoffe aus dem Müll zu einzusammeln - das vorläufige Aus für die "Gelbe Tonne plus" in Berlin.

Fazit:

Vorteile Wertstofftonne: Mit der Wertstofftonne lassen sich mehr Abfälle recyceln als mit der gelben Tonne. Kleinere Elektrogeräte müssen nicht extra zum Recyclinghof gebracht werden.

Nachteile Wertstofftonne: Wenn die Bürger nicht mitmachen, enden immer noch zu viele Wertstoffe in der Restmülltonne. Und die Finanzierung ist völlig unklar.

insgesamt 150 Beiträge
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Seite 1
hesse 21.07.2010
1. Mülltrennung
Eine der wichtigsten Errungenschaften nach dem 1945.
Gast101 21.07.2010
2. Grüner Punkt schon weg?
Mal so nebenbei: Ist sonst noch jemandem aufgefallen, dass der Grüne Punkt von fast allen Verpackungen verschwunden ist? Woran liegt das?
rkinfo 21.07.2010
3. Sortiertechnik ist besser als viele Müllsäcke
Zitat von sysopDie meisten Deutschen werfen ihren Müll brav in die Gelbe Tonne. Doch macht die Trennung von Werstoffen überhaupt Sinn? Ein neues Gesetz soll jetzt die Abfallwirtschaft revolutionieren. SPIEGEL ONLINE stellt Alternativen zum Sortier-Wahn vor. http://www.spiegel.de/wissenschaft/mensch/0,1518,699781,00.html
Es wird einfach immer Fehlwürfe geben bei Sortierungen und damit schon lange die Pflicht zur Nachsortierung bei den Verarbeitern. Der Schritt gleich alles erst später zu sortieren ist da nicht mehr weit. Heute kann man selbst Glas noch als Bruchstücke automatisch nach Farbe sortieren und gute Qualität für Neuglas zu erhalten. Vorsortierung spart Behandlungsaufwand aber man Aufwand und Ergebniss kritisch bewerten. Sicherlich ist es politisch und emotional leichter bei Sortierung zu bleiben. Aber technisch und vor allem weltweit ist die Nachsortierung in gezielt gesäuberte Fraktionen des Müll effizienter.
gemini56, 21.07.2010
4. Weniger Tonnen vor dem Haus?
wie soll das gehen, dezimiert sich davon etwa der Müllberg Es werden größere graue Tonnen benötigt wodurch die jährl. Müllgebühren steigt. Prima Gewinnmaximierung!
mm2112 21.07.2010
5. Überholt...
Nein, die Trennung von Müll hat sich überholt. Auch den Bürgern stinkt dieses überholte System, wie man an den Petitionen an den Bundestag erkennen kann, z.B. https://epetitionen.bundestag.de/index.php?action=petition;sa=details;petition=9008 (Mal alphabetisch sortieren und nach 'Abfallwirtschaft' suchen) Hier ist dringend Handlungsbedarf - auch um die Pfründe zu kappen, denn Abfall ist doch wohl ein gutes Geschäft für einige.
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