Klischee adé Frauen sind keine besseren Multitasker

Mehrere Dinge gleichzeitig erledigen - das ist alles andere als einfach. Und entgegen der weit verbreiteten Annahme können Frauen das auch nicht grundsätzlich besser als Männer.
Foto: Jo Kirchherr/ Westend61/ Getty Images

Für einen schlauen Spruch war die Sache ja immer gut: Frauen, so glaubte man zu wissen, sind bessere Multitasker als Männer. Aber an der Sache ist offenbar nicht viel dran. Das jedenfalls legt eine Studie von Forschenden um Patricia Hirsch von der RWTH Aachen nahe.

Ausgewertet wurden die Ergebnisse von Zahlen- und Buchstabentests bei 48 Frauen und ebenso vielen Männern. Das Ergebnis: Beide Gruppen arbeiteten langsamer und ungenauer, wenn sie zwei Aufgaben gleichzeitig erledigen mussten. Ein Unterschied zwischen den Geschlechtern war nicht feststellbar, berichten die Wissenschaftler in der Fachzeitschrift "PLoS One" .

Die Forscher weisen darauf hin, dass ältere Studien zu sehr unterschiedlichen Ergebnissen gekommen seien. In einigen Fällen seien keine Unterschiede festgestellt worden, manchmal schnitten die Frauen besser ab, in anderen Untersuchungen die Männer. Dass einige Studien Geschlechterunterschiede nahelegen, könne an den gestellten Aufgaben liegen, schreiben die Aachener Forscherinnen. Denn kein einzelnes Experiment könne alle Formen von Multitasking und die dafür nötigen kognitiven Fähigkeiten testen.

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In ihrer Untersuchung ließ die Gruppe um Hirsch ihre Probanden auf einem Bildschirm erscheinende Buchstaben als Vokale oder Konsonanten identifizieren. Eine zweite Aufgabe bestand darin, Zahlen als gerade oder ungerade zu bestimmen. Bei einigen Tests mussten sie die zwei Aufgaben gleichzeitig erledigen, bei anderen schnell von einer auf die andere Aufgabe umschalten.

Wie repräsentativ waren die Aufgaben?

"Unsere Ergebnisse bestätigen das weit verbreitete Vorurteil, dass Frauen im Multitasking besser seien als Männer, nicht", so Hirsch. Zumindest nicht bei den gemachten Tests, die exemplarisch für bestimmte Herausforderungen stünden. Die Forscherin nennt dafür drei Beispiele aus dem Alltag:

  • das Arbeitsgedächtnis aktualisieren: Fährt man mit dem Auto aus einer 50er-Zone in eine 30er-Zone, muss die nicht mehr relevante Information "Hier darf man maximal 50 km/h fahren" durch die neue Information "Hier darf man maximal 30 km/h fahren" ersetzt werden.
  • Übergang auf eine neue Aufgabe: Wenn man zwischen den Aufgaben E-Mail-Schreiben und Telefonieren wechselt.
  • Herausfiltern irrelevanter Informationen: Man steht mit dem Auto an einer Kreuzung mit Ampel und möchte geradeaus fahren. Informationen, die die Ampel für Rechtsabbieger gibt, muss man ignorieren.

"Die aktuelle Studie lässt keine Rückschlüsse auf Geschlechterunterschiede in anderen Multitasking-Situationen zu", das sagen die Forschenden allerdings auch. Der an der Studie nicht beteiligte Neuropsychologe Lutz Jäncke von der Universität Zürich geht aber - ähnlich wie Hirsch und ihr Team - davon aus, dass Unterschiede zwischen Männern und Frauen beim Multitasking gering beziehungsweise gar nicht vorhanden sind.

Ein solcher Unterschied würde auch keiner evolutionären Logik folgen. "Es gibt keinen genetischen, ultimativen Sinn dahinter, zu vermuten, dass die Homo-Sapiens-Frau vor 150.000 Jahren grundsätzlich besser für Multitasking vorprogrammiert worden sein soll als ein Mann. Das ist völlig unsinnig", sagt Jäncke.

"Multitasking ist etwas, das wir Menschen ausgesprochen schlecht können." Unser Gehirn sei dafür gemacht, dass wir uns auf das Wesentliche konzentrieren, sagt Jäncke. Ein generelles Problem von älteren Genderstudies sei, dass gern über signifikante Unterschiede zwischen Männern und Frauen berichtet wurde, wenn solche zufällig entdeckt wurden, sagt Jäncke. Hätten Studien hingegen keinen Unterschied zutage gefördert, seien sie oft nicht publiziert worden.

chs/dpa
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