Mumienforschung Der letzte Schrei

Ist es die Angst im Angesicht des Todes? Die qualvoll verzerrten Gesichter von Mumien geben von jeher Anlass zum Gruseln. Doch das grauenhafte Antlitz ist das Resultat elementarer Physik - und schlampiger Einbalsamierung.

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Weshalb schrie Pentawer im Augenblick seines Todes? Blickte er in das Gesicht seines Mörders? Litt er unsagbare Schmerzen? Oder wurde er gar lebendig begraben und rang verzweifelt um den letzten Atemzug? Seit im Jahr 1886 die damals noch unter dem Namen "unbekannter Mann E" bekannte Mumie aus dem altägyptischen Theben ausgewickelt wurde, inspirierte ihr qualvoll verzerrter Gesichtsausdruck Wissenschaftler und phantasiebegabte Laien gleichermaßen zu immer neuen Spekulationen über die Todesursache.

Dabei wendeten die Einbalsamierer doch sonst so große Mühe auf, um die Mumien möglichst ruhig und erhaben ausschauen zu lassen. Das gilt allerdings nur für die meisten ägyptischen. In den Anden und selbst mitten in Europa fanden die Archäologen Mumien, deren letzter Gesichtsausdruck den blanken Horror widerspiegelt.

Zum Beispiel den Nebelkrieger aus den dichten Wäldern Perus, der seinen letzten Schrei scheinbar mit gefesselten Händen zu ersticken versucht. Oder der Priester aus der Kapuzinergruft von Palermo, der zusätzlich noch die Augen weit aufreißt. Sie alle inspirierten schließlich auch Hollywood zu Gespenstern wie Imhotep, der 1999 als "Die Mumie" durch die Kinos geisterte.

Doch reflektiert der Gesichtsausdruck der schreienden Mumien wirklich, was sie beim letzten Atemzug sahen? Fixiert die Totenstarre diesen Horror für alle Ewigkeit? Die Antwort ist ein klares Nein. Denn zum einen tritt die als rigor mortis bezeichnete Starre der Muskeln bei Zimmertemperatur erst ein bis zwei Stunden nach dem Tod ein - zu spät also, um den Gesichtsausdruck beim Sterben selbst zu fixieren. Und zum anderen löst sie sich etwa 24 bis 48 Stunden später - die Muskeln entspannen sich, der Körper wird wieder weich.

Ein Werk der Schwerkraft

Der Verstorbene erstarrt auch nicht etwa "vor Schreck" im Angesicht des Todes, sondern weil mit dem Erliegen des Stoffwechsels kein Adenosintriphosphat (ATP) mehr gebildet wird. Diese chemische Verbindung sorgt im lebenden Körper dafür, dass angespannte Muskeln sich wieder lösen können. Fehlt sie, bleibt die Verhärtung einfach bestehen. Nach ein bis zwei Tagen aber - je nach Körperzustand, Raumklima und Temperatur - wird das Gewebe auch ohne ATP wieder weich. Denn dann beginnen körpereigene Enzyme damit, die abgestorbenen Zellen aufzulösen; der Verwesungsprozess setzt ein.

Sind die Muskeln wieder entspannt, ist es ein ganz simples Naturphänomen, das die Toten "schreien" lässt: die Schwerkraft. Der Unterkiefer gibt nach, denn er ist nicht besonders fest am Schädel fixiert. Fürs Kauen und Reden muss er flexibel sein, deshalb wird der Unterkieferknochen (Mandibula) lediglich von vier Muskelpaaren an seinem Platz gehalten. Während der Oberkiefer seine Position bei diesen Tätigkeiten nicht verändert, schieben und ziehen die Muskelstränge den Unterkiefer in die jeweils benötigte Position.

Sie sind die ersten Muskeln des Körpers, die beim Eintritt von rigor mortis erstarren. Löst sich die Leichenstarre aber wieder und die Kaumuskulatur entspannt sich, fällt der Unterkiefer hinunter - der Tote "schreit". Der Effekt wird noch verstärkt, wenn die Haut beginnt, auszutrocknen und die Lippen sich bis weit über den Zahnansatz zurückziehen.

Abhilfe per Taschentuch

Da die Toten im westlichen Kulturkreis erst dann beerdigt werden, wenn die Totenstarre schon lange wieder aus dem Körper gewichen ist, kennen Bestattungsunternehmer und Einbalsamierer so manchen Trick, um den Unterkiefer an seinem Platz zu halten. Heute dient dazu meist ein Faden, mit dem der Knochen von außen unsichtbar durch die Nase hindurch festgenäht wird.

Doch man war nicht immer so subtil bei der Kieferfixierung. Oft leistete ein einfaches Taschentuch gute Dienste. Zeugnisse dieser Technik sind natürlich bei herkömmlichen Leichen lange verrottet. Aber man fand Teilnehmer jener fatalen, im Buch "Frozen in Time" beschriebenen Expedition, auf der Sir John Franklin 1845 versuchte, die Nordwestpassage von Ost nach West zu durchsegeln, als Mumien im ewigen Eis - mit einem gepunkteten Taschentuch um den Kiefer geknotet.

Und auch vom ermordeten US-Präsidenten Abraham Lincoln weiß man, dass ein einfaches Leinentuch seinen Unterkiefer auf der 2700 Kilometer langen Reise von Washington D.C. bis zu seiner letzten Ruhestätte in Springfield, Illinois, am Platz hielt. Eben jenes Tuch wurde erst Ende vergangenen Jahres zusammen mit einer der Silbermünzen, die während des Begräbniszuges seine Augen bedeckt hatten, versteigert - für 18.000 Dollar.

Wenn nun aber das Problem des sich leicht selbständig machenden Kieferknochens so bekannt ist, warum ließen dann die ägyptischen Einbalsamierer - die sich ja sonst als wahre Meister in der Präparation von Toten hervortaten - Pentawer schreien?

Hastige Einbalsamierer

Dies ist nicht das einzige Rätsel der Mumie aus der Cachette von Deir el-Bahari, einer Nekropole nördlich von Theben. Pentawer lag in einem undekorierten und unbeschrifteten Sarg. Ohne Namen war dem Toten nach ägyptischen Glaubensvorstellungen aber der Zutritt ins Jenseits verwehrt.

Zudem war er in ein Schafsfell gewickelt - für die alten Ägypter ein unreines Gewand. Weder waren die Organe des Toten entfernt, noch war der Körper vollständig dehydriert. Und das Harz, welches die Einbalsamierer sonst sorgfältig durch die Nase in die Schädelhöhle füllten, hatten sie dem Armen nur schnell durch den Mund in den Hals gegossen.

Diese Hast in der Einbalsamierung verleitete den französischen Ausgräber Gaston Maspero zu der Annahme, dass der Tote Prinz Pentawer sein könnte, ein Sohn von Ramses III. Der hatte zusammen mit seiner Mutter Teje gegen seinen Vater rebelliert - doch die Verschwörung flog auf, Pentawer wurde zum Tode verurteilt. War die oberflächliche Präparierung der Leiche ein letzter Dienst seiner Anhänger, die ihn wenigstens notdürftig für das Jenseits vorbereiten wollten?

Was auch immer hinter dem Schreien Pentawers und anderer Mumien steckt, irgendwann hören die meisten Toten auch wieder damit auf. Wenn nicht ein besonders trockenes Klima, ein extrem feuchter Boden oder spezielle Einbalsamierungsmaßnahmen den Verwesungsprozess verlangsamen, werden nach etwa 50 Jahren auch die letzten Knochenreste zu Staub.



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