Akkord-Analyse Das Geheimnis guter Popmusik

Musik kann Menschen glücklich machen - aber warum erregen ausgerecht die immer gleichen Akkorde in Popsongs positive Gefühle? Forscher haben Hunderte Stücke untersucht und eine Antwort gefunden.

Musikgenuss: Der richtige Akkord im richtigen Moment weckt Glücksgefühle
MPI CBS

Musikgenuss: Der richtige Akkord im richtigen Moment weckt Glücksgefühle


"Country Road" von James Taylor, "Red, Red Wine" von UB40 und "Ob-La-Di, Ob-La-Da" von den Beatles - Forscher wollten herausfinden, warum Popsongs Menschen Spaß machen. Ihr Ergebnis: Bei der Auswahl der Akkordfolge kommt es nicht auf eine hohe Anzahl unterschiedlicher Tonkombinationen an, sondern auf das richtige Zusammenspiel aus Spannungs- und Überraschungseffekten.

Oft wird kritisiert, dass sich Popsongs immer irgendwie ähnlich anhören. Komiker haben sich mehrfach eine Freude daraus gemacht, mit den immer gleichen vier Akkorden eine ganze Reihe von Liedern nachzuspielen. Und doch kommen die Kompositionen beim breiten Publikum gut an.

Um den Grund herauszufinden, hat Vincent Cheung vom Max-Planck-Institut für Kognitions- und Neurowissenschaften in Leipzig gemeinsam mit Kollegen 80.000 Akkorde aus knapp 750 Popstücken untersucht, die es zwischen 1958 und 1991 in die US-Charts geschafft hatten. Ein Computerprogramm berechnete, wie wahrscheinlich bestimmte Akkordfolgen sind und bestimmte für jeden Akkord zwei Werte:

  • Wie erwartet oder überraschend ist der Akkord im musikalischen Kontext?
  • Wie stark lässt der Akkord erahnen, wie es im Lied weitergeht?

Dann spielten die Forscher Passagen aus den Popsongs jeweils einem von knapp 40 Probanden vor. Allerdings verfälschten sie die Liedschnipsel so, dass die Songs nicht mehr zu erkennen waren. Die Studienteilnehmer hörten allein die Akkordfolge, unterlegt von einem standardisiertem Schlagzeug-Beat. Die Akkorde waren außerdem alle gleich lang.

Spiel mit den Erwartungen der Zuhörer

Die Probanden mussten beim Hören nach jedem Akkord angeben, wie angenehm sie diesen empfanden. Anschließen glichen die Forscher die Angaben zum Hörgenuss mit den zuvor berechneten Werten für jeden Akkord ab. Dadurch konnten sie bestimmen, in welchem musikalischen Kontext ein Akkord als besonders angenehm empfunden wurde.

Demnach klingt es für den Hörer besonders angenehm, wenn auf eine Akkordfolge, die den weiteren Fortgang des Stücks offen lässt, ein erwartbarer Akkord folgt. Nach Akkorden, die einen bestimmten Folgeton vermuten lassen, klingt ein unerwarteter Akkord besonders angenehm, schreiben die Forscher im Fachmagazin "Current Biology".

Untersuchungen der Studienteilnehmer im Magnetresonanztomographen untermauerten das Ergebnis: Der Nucleus accumbens im Gehirn der Probanden, in dem Glücksgefühle entstehen, reagierte nicht wie erwartet per se auf den Hörgenuss, sondern nur dann, wenn der Hörer besonders gespannt war, wie es weitergeht.

Entscheidend, in welcher musikalischen Situation der Hörer überrascht wird

"Es ist faszinierend, dass bei Menschen Freude an einem Musikstück entsteht, nur durch die Art und Weise, wie die Akkorde in der Musik über die Zeitdauer hinweg angeordnet werden", sagte Cheung. Menschen empfänden offenbar Songs als angenehm, die eine gute Balance zwischen dem Wissen, was als nächstes passieren wird, und der Überraschung mit etwas Unerwartetem erreichten.

Bislang sei man davon ausgegangen, dass Musikgenuss etwa dann entsteht, wenn der Hörer unerwartet eine gutklingende Stelle wahrnimmt. "Wir haben gezeigt, dass das so gar nicht stimmt", sagte Cheungs Kollege Stefan Koelsch, der die Studie geleitet hat. Es sei entscheidend, in was für einer musikalischen Situation der Hörer von einer Tonfolge überrascht werde.

Den Forschern zufolge könnten die Ergebnisse der Studie dazu beitragen, Musikprogrammen das Komponieren beizubringen.

jme/dpa

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insgesamt 27 Beiträge
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frenchie3 11.11.2019
1. Schon interessant
Dann dürften künftig die Abmahnprämien in den Keller gehen oder bekommen Computer auch Tantiemen für ihre Kompositionen?
Stebo 11.11.2019
2. Das ist nichts neues
Tut mir leid, liebes Forscherteam, aber als Komponist muss ich Euch sagen: das weiß jeder Musiker seit Jahrhunderten. Zitat: "Bislang sei man davon ausgegangen, dass Musikgenuss etwa dann entsteht, wenn der Hörer unerwartet eine gutklingende Stelle wahrnimmt." Das haben nur musikalisch völlig ungebildete Menschen angenommen. So einen Unsinn hat noch kein Musiker je erzählt. Zitat "Nach Akkorden, die einen bestimmten Folgeton vermuten lassen, klingt ein unerwarteter Akkord besonders angenehm". Das hatten wir schon in der Schule, also selbst unser Musiklehrer wußte das. Schon der oben beschriebene Versuchsaufbau ist Unsinn, da ein Akkord je nach Position und Dauer völlig verschieden klingt. Wenn man wissen will, warum Musik gut klingt, sollte man die Wissenschaft befragen, die sich genau mit diesem Thema beschäftigt: die Musiktheorie. Daran wird seit Jahrhunderten geforscht, im gegenseitigen Wechselspiel von Komponisten und Theoretikern. Denn immer wenn man denkt, man hat eine Wahrheit gefunden, kommt ein Komponist, beweist das Gegenteil – und geht in die Geschichte ein. Wenn man mit neuen Methoden wie MRT an die Sache rangehen möchte, ist das prima. Aber dann sollte man sich erstmal einlesen, wie Musik funktioniert.
Europa Ja 11.11.2019
3. Was wenn, ....
man einen Song schon viele Mal gehört hat und ihn immer noch gut findet. Dann ist ja irgendwie keine Überraschung mehr drin. Was passiert denn dann mit uns?
chrho67 11.11.2019
4. Sweet Anticipation
Dass Musikgenuss - vermutlich jeglicher Genuss - auf der richtigen Mischung von Erwartungserfüllung und -verletzung (Überraschung) beruht, hat David Huron schon 2008 in seiner Monographie "Sweet Anticipation" beschrieben.
g_bec 11.11.2019
5. Einfacher
Die Untersuchung wäre einfacher gewesen, hätten die Wissenschaftler aus deutschem Schlager oder dem Gesamtwerk Dieter Bohlens einen Durchschnitt gebildet. Das klingt nicht nur gefühlt alles gleich;-) Abseits des Artikels kann ich meinen Vorrednern nur recht geben: Die Musiktheorie weiß das schon länger. Mitte der 90er Jahre gab es bei Radio Hamburg dazu mal eine Untersuchung basierend auf Forschungsergebnissen aus den USA (?), auf diesem Ergebnis stellte Radio HH dann den schlechtesten Song der Welt vor: Ein 20minütiges Werk, das so ähnlich wie Revolution Nr.9 von den Beatles war;-)
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