Mythen Schreckenskönig oder Schreckgespenst?

"Im Jahr 1999, im siebten Monat,
wird der große Schreckenskönig
vom Himmel kommen."
Nostradamus

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"An diesen Schreckenskönig habe ich prompt gedacht, als ich heute morgen von Ebola in den Nachrichten gehört habe", sagt Mr. No. "Ja", antwortet Mick, er habe von "diesem Zurwehme" geträumt. Und Evi meint, man diskutiere nun schon seit geraumer Zeit über sehr persönliche Dinge, "Ängste, Sorgen, Hoffnungen", deshalb schlägt sie einen Stammtisch vor. Schnipsel aus einem Nostradamus-Forum im Internet, das Hochkonjunktur hat so kurz vor der totalen Sonnenfinsternis am 11. August.

Urängste werden geäußert, Erklärungen gesucht und immer wieder die 942 Vierzeiler des Renaissance-Propheten Nostradamus gedeutet. Dieser soll nach Ansicht seiner Anhänger einiges vorhergesagt haben: Hitler sah man als den zweiten Antichrist an. John F. Kennedy hätte vom geplanten Attentat wissen können. Selbst die Mondlandung hatte der französische Astrologe des 16. Jahrhunderts natürlich im Programm.

Und 1999? Der Schreckenskönig vom Himmel! Für den Mode-Designer Paco Rabanne besteht kein Zweifel an des Propheten Aussagen, er hat kürzlich nach Jahrzehnten seinen Abschied von der Haute Couture verkündet und Paris verlassen. Denn am 11. August wird laut Rabanne aus der Stadt ein Schutthaufen. Die Mir stürzt nach seinen Berechnungen am SoFi-Tag auf die Metropole.

"Herrscht in Frankreich anlässlich der Sonnenfinsternis wirklich eine solch miese Stimmung? Das hat mich doch nachhaltig verunsichert und ich habe schon wieder fast Schiss! Schon wieder die Mir, mir reicht's bald!" reflektiert Mick aus dem Internet die neuesten Meldungen. So etwas stört Thomas Gandow, den Sektenbeauftragten der evangelischen Kirche in Berlin. Die Medien würden eigentlich nicht vorhandene Ängste aufspüren wollen. Niemand habe ein Problem mit der Sonnenfinsternis, bei ihm jedenfalls gebe es keine Anfragen - außer denen der Journalisten. Im Internet verbreiteten sich Theorien vom Weltuntergang natürlich besser: "Früher hieß das nicht Verschwörungstheorie, sondern Scheißhaustheorie. Auf dem Donnerbalken können nur zehn Leute nebeneinander sitzen, im Internet sind Millionen."

Eine Mehrfachbelichtung zeigt die Entwicklung der totalen Sonnenfinsternis in Kambodscha im Jahr 1995.
AP

Eine Mehrfachbelichtung zeigt die Entwicklung der totalen Sonnenfinsternis in Kambodscha im Jahr 1995.

Die Verknüpfung zwischen Schreckenskönig und Sonnenfinsternis jedoch sei völlig willkürlich. Durch die breite Darstellung in der Presse sei die Sonnenfinsternis "keine Überraschung mehr, dieses Erlebnis bleibt uns versperrt", so Gandow gegenüber SPIEGEL ONLINE. Nur noch Enttäuschung könnte entstehen, wenn die reale Sonnenfinsternis nicht so aussehe wie die der Computer-Simulationen.

Die Sache finde "in riesigen Ausmaßen auf einer Meta-Ebene statt, aber nicht in der Wirklichkeit!", sagt der Kirchenmann. Echte Probleme hingegen, ein "real existierender Krieg in Jugoslawien, der ganz nah, ganz real war" würden nicht ausführlich behandelt, keine Bilder der wahren Ausmaße seien gezeigt worden: "Es gibt eine Realität, und die wird von den Medien nicht dargestellt; die Sonnenfinsternis hingegen ist ein künstlich erzeugtes Problemfeld." Es gebe "keine Verbindung zwischen den Gefühlen eines Menschen und der Sonnenfinsternis".

Im Internet-Forum glauben die Wenigsten an den konkreten Weltuntergang in knapp einer Woche: "Vor dem August brauchen wir keine Angst zu haben, wir machen uns alle unnötig Sorgen", meint auch Hubertus. Und Evi meint, Nostradamus könne ja "nix dafür", dass seine Prophezeiungen nicht einträten, er habe wohl damals versucht, "die Menschen zu sensibilisieren für den Tag X, wann immer der auch sein mag."

Trotzdem: Die Menschen sind fasziniert vom Ereignis im All, SoFi-Brillen und SoFi-Bücher finden reißenden Absatz. Die breite Masse der Bevölkerung erforscht ein Thema, das Astronomen schon seit Jahrzehnten bekannt ist und sie eher kalt läßt. Immerhin verschwindet irgendwo auf der Erde die Sonne bis zu fünfmal im Jahr ein Stück weit hinter dem Mond. Aber Dunkelheit am hellichten Tag - das passt gar nicht in die hochtechnisierte und durchrationalisierte Welt des modernen Menschen. Urängste werden nach Ansicht des Bochumer Astronomen Johannes Feitzinger freigesetzt, wenn augenfällig demonstriert wird, wie sehr die Menschen vom Energiespender Sonne abhängig sind.

Solar empfiehlt im Nostradamus-Forum, "den Lichtwesen durch Meditation Dimensionstore zu öffnen und sich den Dunkelmächten zu widersetzen". Evi meint, man müsse Dinge so annehmen, wie sie sind, also: "Kopf hoch". MartinX sieht's pragmatisch: "Wenn nichts passiert, können alle Nosti-Bücher als Heizmaterial genommen werden, wenn es wegen des Y2K am 1.1.2000 kalt bleibt.

Bei all den möglichen Abstürzen am 11. August - Mir, Ufos, Marsmännchen, Kometen - stört auch eine weitere Gefahr nicht: Just am Tag der Sonnenfinsternis korrigiert die Nasa den Kurs ihrer Raumsonde Cassini, so daß diese am 18. August mit 68.000 Stundenkilometern etwa tausend Kilometer von der Erde entfernt vorbeifliegt. An Bord hat sie 33 Kilogramm Plutonium als Energiequelle. Die Sonde könnte auf die Erde stürzen, meinen Nostradamus-Anhänger wie die französisch-schweizerische Astrologin Elizabeth Teissier, dann würde es ja noch was mit der kosmischen Katastrophe. Doch dafür stehen die Chancen laut Nasa bei eins zu einer Million. Entwarnung auf der ganzen Linie.

Bleiben die Ufos! "Für die kurze Zeit der Finsternis erscheinen vier Planeten als helle Lichtpunkte am Himmel", sagte Ufo-Ermittler Werner Walter vom "Centralen Erforschungsnetz außergewöhnlicher Himmelsphänomene""(Cenap). Die von der Sonne angestrahlten Planeten könnten für Ufos gehalten werden.

Helmut weiß im Forum: "Ich glaube, es wird nichts passieren. Und wenn, hoffentlich nur Positives. Aber trotzdem habe ich irgendwie ein merkwürdiges Gefühl..."



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