Entscheidungen Spontane sind großzügiger

Wer nicht lange nachdenkt, gibt mehr: Intuitive Entscheidungen fallen großzügiger aus - das zeigen Experimente mit 2000 Teilnehmern. Spontane Geberlaune fördert offenbar den Zusammenhalt.
Kleingeld: In weniger als zehn Sekunden zwei Drittel des Guthabens gegeben

Kleingeld: In weniger als zehn Sekunden zwei Drittel des Guthabens gegeben

Foto: DPA

London/Cambridge - Bei spontanen, intuitiven Entscheidungen ist der Mensch großzügiger und kooperativer als nach einer sorgfältigen Abwägung. In Experimenten mit etwa 2000 Teilnehmern hätten sie keinen Fall gefunden, in dem jemand nach längerer Überlegung großzügiger als nach einer schnellen Entscheidung gehandelt hätte, berichten Forscher  um David Rand von der Harvard-Universität in Cambridge (US-Bundesstaat Massachusetts) im Wissenschaftsmagazin "Nature".

In einem ersten Versuch sollten Vierergruppen Geld in einen Topf werfen. Jedes Gruppenmitglied hatte umgerechnet etwa 50 Cent zur Verfügung. Alle wussten, dass der Spielleiter den Gesamtbetrag im Topf verdoppeln und dann in Beträgen gleicher Höhe an die vier Spieler auszahlen würde. In einem solchen Versuch profitieren also alle am meisten, wenn jeder die Höchstsumme in den Topf gibt.

Dennoch legten die meisten nicht ihr ganzes Geld in den Gemeinschaftstopf. Die Forscher fanden heraus: Wer in weniger als zehn Sekunden entschied, gab im Durchschnitt rund 66 Prozent seines Guthabens ab, wer länger brauchte, nur etwa 53 Prozent.

Um auszuschließen, dass spontane Menschen einfach generell kooperativer sind, setzten die Forscher die Probanden in einem weiteren Test künstlich unter Druck. So mussten auch jene schnell reagieren, die im Alltagsleben sonst eher zögerlich sind. Auch hier beobachteten die Forscher, dass intuitives Handeln - wenn auch erzwungen durch Zeitdruck - zu mehr Gemeinschaftssinn führt.

Zahlreiche psychologische Studien falsch?

Umgekehrt wurden Personen egoistischer, die Zeit zum Nachdenken bekamen. In einer Reihe von Abschlussexperimenten gaben die Forscher den Probanden schließlich bereits vor dem Spiel die Anweisung, entweder spontan zu reagieren oder die Entscheidung gründlich zu reflektieren. Wieder führte die Spontaneität zu Großzügigkeit.

Den Zusammenhang zwischen zunehmender Entscheidungsdauer und abnehmender Bereitschaft, sich kooperativ zu verhalten, fanden David Rand und seine Kollegen in weiteren Studien bestätigt. Sie sind der Ansicht, dass die für schnelle Entscheidungen ausschlaggebende Intuition im Alltag entwickelt werde, wo die Zusammenarbeit mit anderen vorteilhaft ist.

So kann im gesellschaftlichen Umfeld der eigene Ruf auf dem Spiel stehen oder eigennütziges Handeln sozial geächtet werden. Dass die Intuition bei der Kooperation von Menschen eine wichtige Rolle spiele, zeige sich bereits bei der spontanen Hilfe unter jungen Kindern, schreiben die Wissenschaftler.

Die Autoren der Studie folgern aus ihren Ergebnissen, dass rationale Überlegungen notwendig sind, um den ersten kooperativen Impuls zu überwinden. "Wenn man Entscheidungsträger ermutigt, komplett rational zu entscheiden, kann das den unbeabsichtigten Nebeneffekt haben, dass sie eigennütziger handeln."

Aufgrund ihrer Erkenntnisse müssten viele wissenschaftliche Studien zum sozialen Verhalten nochmals überprüft werden, fordern die Forscher. Denn oft erhielten Probanden vor dem Start von Experimenten Verständnisfragen über den Versuch oder das Forschungsthema. Dadurch würden die Personen bereits nachdenklich, was vielleicht automatisch ihr Kooperationsverhalten einschränke.

boj/dpa/dapd
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