Christian Stöcker

Nachrichtenkonsum Leiden Sie schon an Trump-Erschöpfung?

Zu viele Nachrichten, ständig und überall, das macht müde. Früher kannten dieses Gefühl vor allem Journalisten, heute fast jeder. Facebook, Twitter - und jetzt auch noch Trump. Zeit für Eskapismus. Oder?

Mal ehrlich: Wie oft haben Sie sich in den vergangenen Wochen bei dem Gedanken "Ich will das gar nicht mehr wissen", ertappt? Bei dem heimlichen Wunsch, am liebsten gar keine Nachrichten mehr mitzubekommen, weil die ja doch immer irgendwie davon handeln, was Donald Trump jetzt schon wieder gemacht, gesagt oder getwittert hat? Weil jede neue Nachricht dieses ständige Gefühl von Sorge und Ohnmacht, ja womöglich Angst verstärkt?

Bei Facebook und Twitter sind manche Nutzer mittlerweile dazu übergegangen, ihre Tweets und Postings mit dem Hashtag #NotAPoliticalPost zu versehen, gewissermaßen als Trigger-Entwarnung für politischer Inhalte überdrüssige Freunde. Oder als Kürzel für: "Gut, ich habe ihn gewählt, aber jetzt lasst mich bitte in Ruhe, was kann ich dafür?"

Bislang kannte man Trigger-Warnungen für Postings über Sexualdelikte, Depressionen oder Essstörungen. Wird bald auch vor allzu viel Wirklichkeit gewarnt? Der Hashtag jedenfalls ist so verbreitet, dass es schon wieder diverse Bild-Meme gibt, die sich darüber lustig machen - mit Fotos von "unpolitischen Pfosten".

Die möglichen Folgen für die Demokratie sind ziemlich klar

Mit dem Hashtag "kein politisches Posting" ist zum Beispiel ein 47 Sekunden langes Video von einem übergewichtigen Mann in grünem Meerjungfrauenkostüm und blauer Langhaarperücke markiert, der in einem rosa gestrichenen Wohnzimmer hemmungslos tanzt. Ein anderer Clip zeigt zwei kuschelnde Fischotter. Ein weiterer erklärt, wie man Hotdogs mit Chili im Pizzateig zubereitet.

Alles interessante Themen, keine Frage.

Die Frage ist eher, wo es hinführt, wenn Politik und die Beschäftigung mit ihr so aversiv wird, dass die Leute sie aktiv aus ihrem Leben fernhalten.

Demokratietheoretisch ist die Schlussfolgerung relativ klar, was es für Folgen hätte, wenn sich diese Haltung durchsetzt: üble.

Eine demokratische Öffentlichkeit, die sich nicht informiert, kann eben auch keine informierten Entscheidungen treffen. Die Wahlbeteiligung wird gering sein, weil ja niemand weiß, was es überhaupt zu entscheiden gibt. Und diejenigen, die doch wählen gehen, werden womöglich unkluge Entscheidungen treffen, weil sie schlecht informiert sind. Das ist übrigens auch ein Ziel der "Lügenpresse"-Fraktion.

Moment mal - ist das nicht schon geschehen?

Fällt Ihnen etwas auf? Das oben Beschriebene scheint in den USA ja längst passiert zu sein. Nur knapp 59 Prozent der Wahlberechtigten haben dort gewählt. Zum Vergleich: Die Wahlbeteiligung bei der Bundestagswahl 2013 lag bei 71,5 Prozent. Und Donald Trump, der lügende, rassistische, frauenfeindliche, narzisstische Kandidat hat gewonnen - auch wenn seine Gegnerin Hillary Clinton de facto Millionen mehr Stimmen bekommen hat als er.

Es gibt in den Wissenschaften schon einige Begriffe, die auf den ersten Blick auf das passen, was da gerade passiert und in den USA womöglich schon passiert ist. "Information Overload" ist einer davon, erfunden hat ihn vermutlich Alvin Toffler  in den Sechzigerjahren. Aber "Information Overload" bedeutet eigentlich nur, dass man ob der enormen Flut möglicher Inhalte einfach nicht mehr mitkommt.

Ein präziserer Begriff ist "News Fatigue", also Nachrichtenmüdigkeit. Er taucht in einer kleinen qualitativen Studie der Nachrichtenagentur AP aus dem Jahr 2008 auf. Die Autoren befürchteten schon damals, dass die Masse digital verfügbarer Nachrichtenhäppchen mit mangelndem Kontext die Konsumenten überfordern könnte. Die wenigen für die Studie befragten Personen beschrieben zum Teil eine "Nachrichtendiät", im Klartext: Sie mieden Nachrichten, weil sie ihnen einfach zu anstrengend wurden.

Plötzlich sind alle ein bisschen Journalisten

Das Phänomen, mit dem wir es jetzt zu tun haben, scheint mir aber tiefgreifender zu sein. Nicht das Vorhandensein einer Überfülle von Nachrichten an sich ist das Problem, sondern deren Inhalt: Krieg in Syrien, autoritär agierende Politiker feiern Erfolge in vielen Teilen der Welt, Flüchtlinge - und jetzt auch noch Trump.

Der zweite, vielleicht noch wichtigere Faktor sind die digitalen und sozialen Medien. Jede neue Schauernachricht ist eine Push-Meldung auf dem Sperrbildschirm. Und all die furchtbaren Dinge, die einem bei Facebook über den Weg laufen, haben, anders als die Tagesschau, immer Aufforderungscharakter: Sie wollen, dass man sich zu ihnen verhält. Teilen, liken, Wut-Emoji posten, kommentieren, was auch immer.

Facebook ist so gebaut, dass es Interaktion maximiert. Aber ständige Interaktion mit aversiven Informationen ist eben anstrengend. Emotional belastend. Nachrichtenjournalisten wissen das schon lange. Jetzt erlebt es fast jeder.

Auf ins La-la-Land?

Da scheint Eskapismus plötzlich eine geradezu rationale Entscheidung - warum sollte man sich mit all den Entsetzlichkeiten auseinandersetzen, wenn man ja doch nichts daran ändern kann? Tatsächlich bekennen auch gebildete, bislang gut informierte Menschen jetzt, dass sie Nachrichten mittlerweile meiden.

Da passt es irgendwie ins Bild, dass der Film mit den meisten Oscarnominierungen für 2017 "La La Land" heißt. Bis jetzt hat er weltweit 270 Millionen Dollar eingespielt. Wissen Sie, wann Musicals das letzte Mal so erfolgreich waren? In den Fünfziger- und Sechzigerjahren. Kalter Krieg, Kubakrise, Angst vor nuklearem Holocaust. Sind wir tatsächlich schon wieder so weit?

Für deutsche Nachrichtenkonsumenten ist eins klar: Natürlich können wir nichts daran ändern, dass Donald Trump Präsident ist. Aber dieses Jahr wird auch in Deutschland gewählt, und wer sich jetzt nicht informiert, der kann im September auch keine informierte Entscheidung treffen.

Vielleicht kann man der Social-Media-verstärkten "News Fatigue" ja auch anders begegnen als mit Eskapismus. Indem man seinen Nachrichtenkonsum auf bestimmte Uhrzeiten beschränkt zum Beispiel. Nicht auf jeden Link klickt. Und sich dem Aufforderungscharakter des nächsten Trump-zentrischen Postings bei Facebook und anderswo einfach mal widersetzt, weder kommentiert noch Emojis postet.

Sich um des eigenen Wohlbefindens willen einfach gar nicht mehr zu informieren, ist jedenfalls keine Alternative.

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