Nachtschlaf Forschen auf der Spur der Träume

Vom Nachtalb aus der Sage bis zu den Vorstellungen der Psychoanalyse - das Bild des Menschen vom Träumen war lange allzu metaphorisch und unheilvoll. Forscher, die mit modernen Methoden die Welt des Schlafs erforschen, können fast immer Entwarnung geben.


Warum träumen wir eigentlich? Nicht erst seit Sigmund Freud und Carl Gustav Jung stellen sich Literaten und Wissenschaftler diese Frage, auf die es bis heute keine eindeutige Antwort gibt. Die Psychoanalyse sah in Träumen noch verdrängte Wunschvorstellungen, die entstellt ins Bewusstsein zurückgelangen. Neuere Forschungsansätze verzichten hingegen auf eine Deutung und untersuchen das Phänomen Traum direkt im Schlaflabor oder mithilfe von Fragebögen und Traumtagebüchern.

Schlafende: Rund 3000 Stunden im Jahr verbringt der Mensch im Bett - warum er dabei träumt, fangen Forscher erst an zu ergründen
DDP

Schlafende: Rund 3000 Stunden im Jahr verbringt der Mensch im Bett - warum er dabei träumt, fangen Forscher erst an zu ergründen

Diese Studien zeigen etwa, dass Frauen sich öfter an Träume erinnern als Männer, und dass Träume eng mit dem zusammenhängen, was wir im Wachen erleben. Doch umgekehrt können auch Träume einen Einfluss auf unseren Alltag haben - in Form kreativer Einfälle oder als Hinweis für die Lösung einer Lebenskrise.

Vor allem Ergebnisse, die im Widerspruch mit frühen Traumtheorien stehen, hätten die Traumforschung vorangebracht, sagt Michael Wiegand von der Klinik für Psychiatrie der Technischen Universität München. So haben Schlafforscher lange angenommen, dass Träume ausschließlich im Rem-Schlaf vorkommen, einem Schlafstadium, in dem die Augen sich rasch hin und her bewegen (rapid eye movement), und die Muskulatur gehemmt ist. "Inzwischen weiß man, dass auch in den übrigen Schlafstadien kognitive Aktivität stattfindet", sagt Wiegand.

Logbücher nächtlicher Szenarien

Auch die Annahme, dass Träume und psychische Erkrankung eng zusammenhängen, sei nur teilweise richtig, sagt Wiegand. Bei Psychosen wie der Schizophrenie erlebe der Betroffene zwar Halluzinationen, und Denken und Wahrnehmung seien bizarrer als sonst - ganz ähnlich wie bei einem Gesunden im Traum. Allerdings würden die vermeintlichen Halluzinationen im Traum eher aus Bildern bestehen, während Schizophrene vor allem Stimmen hörten.

Wo aber jene bizarren Geschichten herkommen, die Menschen Nacht für Nacht im Schlaf erleben, wird erst seit Kurzem experimentell untersucht. Zum Beispiel der Psychologe Michael Schredl vom Zentralinstitut für seelische Gesundheit in Mannheim befasst sich damit. Ihn interessiert vor allem, wie das, was Menschen im Wachen erleben, denken und fühlen, mit den Ereignissen im Traum zusammenhängt. Zu diesem Zweck gibt er seinen Probanden Traumtagebücher, in denen sie ihre Träume genau beschreiben sollen.

Tatsächlich zeigten seine Studien: Was man im Wachen häufig tut, schlägt sich mit hoher Wahrscheinlichkeit auch im Traum nieder. So bestand ein bedeutsamer Zusammenhang zwischen Träumen, die vom Beruf oder vom Autofahren handelten, und der Häufigkeit dieser Tätigkeiten am Tag zuvor.

Allerdings spiegeln sich geistige Tätigkeiten wie Lesen, Schreiben oder Computerarbeit seltener im Traum wider als aktive körperliche Handlungen, wie Sport oder Gespräche mit anderen. Eine Erklärung hierfür könnte sein, dass Träume vor allem von Dingen handeln, die für den Träumer emotionale oder persönliche Bedeutung haben, sagt Schredl.

Filmschnipsel-Spuren im Tiefschlaf

Eine weitere Möglichkeit, um mehr über Trauminhalte zu erfahren, ist die Untersuchung im Schlaflabor. Hier werden Elektroden auf dem Kopf und neben den Augen befestigt. So werden auch die Schlafphasen während der Nacht erfasst. Diese Technik nutzen Schredl und seine Kollegen gerade für eine Studie, in der die Teilnehmer nachts geweckt werden, um einen kurzen Film anzusehen.

Am nächsten Morgen sollen sie Fragen zum Film und zu ihren Träumen beantworten. Auf diese Weise könne man untersuchen, ob Träume dazu beitragen, Erinnerungen auszubilden, sagt Schredl. Seine Hypothese zu diesem Zusammenhang: Diejenigen, die den Film in ihre Träume einbauen, werden sich an mehr Einzelheiten des Films erinnern als die übrigen, die nicht vom Film träumen.

Ein häufiges Phänomen sind Albträume. Diese kommen bei zehn bis 50 Prozent aller Kinder und bei einem bis fünf Prozent der Erwachsenen vor, sagt Hans-Peter Kapfhammer, Professor für Psychiatrie an der Universität Graz. Bei den meisten Erwachsenen seien die schlechten Träume jedoch vorübergehend und nicht mit einer Veränderung der normalen Schlafstruktur verbunden.

Bei Menschen jedoch, die ein schweres Trauma erlebt haben und in der Folge psychisch krank werden, bestehe ein Zusammenhang zwischen Albträumen und einer Veränderung des Schlafes. "Die Betroffenen wachen in der Nacht häufiger auf, und der Rem-Schlaf ist zerstückelter", sagt Kapfhammer. Grund hierfür sei vermutlich die erhöhte Ausschüttung von Stresshormonen, die dann den Schlaf "zerhackten" - was die Erholung durch den Nachtschlaf mindern kann.

Christine Amrhein, ddp

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