Nahrungsmittel Was Fukushima für Fischesser bedeutet

Wer gern Fisch isst, muss sich in Deutschland nach der Atomkatastrophe von Fukushima keine Sorgen machen - das beteuern Politiker und Wissenschaftler gleichermaßen. Die Fänge russischer Trawler aus dem Nordpazifik sollen trotzdem verstärkt auf Strahlung getestet werden.
Fisch in der Auktionshalle (in Bremerhaven, 2002): Verbraucher sind verunsichert

Fisch in der Auktionshalle (in Bremerhaven, 2002): Verbraucher sind verunsichert

Foto: Ingo Wagner/ dpa

Das Wichtigste vorab: Nein, niemand in Deutschland muss sich Sorgen um Fischstäbchen oder Sushi machen. Niemand. Das beteuern Politiker, allen voran Verbraucherschutzministerin Ilse Aigner (CSU). Man könne "eindeutig sagen, dass die katastrophalen Ereignisse in Japan keine Auswirkungen haben auf den Lebensmittelbereich" in Deutschland, sagt sie. Und das beteuern auch Wissenschaftler. "Wir werden auf keinen Fall bedenkliche Werte haben", sagt Fischereiökologe Ulrich Rieth vom Johann Heinrich von Thünen-Institut (vTI) in Hamburg. Und beide haben wohl recht.

Und doch sorgen sich die Verbraucher - so scheint es zumindest. Trotz Tausender Tote in Japan durch Tsunami und Erdbeben, trotz der nuklearen Katastrophe in Fukushima. Wann immer dieser Tage Experten in Fernsehsendungen direkt auf Zuschauerfragen antworten, landet die Diskussion irgendwann bei Sushi und Fischstäbchen. Es ist nur eine Frage der Zeit, bis die irrationale Angst aufflammt: Was ist, wenn der Seelachs strahlt? Dabei gibt es nichts, was für eine reale Bedrohung der deutschen Lebensmittelkäufer spricht.

"Das ist eine reine Mediendiskussion", glaubt Matthias Keller vom industrienahen Fisch-Informationszentrum in Hamburg. Telefonisch würden sich bei seinem Haus vor allem Journalisten melden, Verbraucher kaum. Doch ganz so einfach sind die Dinge dann vielleicht doch nicht. Das mag auch daran liegen, dass selbst Forscher Einschätzungsschwierigkeiten haben bei der Frage, wie stark die Meeresumwelt durch die Katastrophe von Fukushima tatsächlich belastet wurde. "Wir wissen nicht, wie viel Cäsium 134, Cäsium 137 und Jod 131 emittiert wurden", sagt vTI-Forscher Rieth.

Doch die Erfahrungen nach dem Reaktorunglück von Tschernobyl zeigten, dass selbst bei größeren Belastungen die Konzentration strahlender Partikel in fließenden Gewässern schnell abnehme. In Flüssen oder der von den Ausläufern des Golfstroms durchspülten Nordsee habe man das gut sehen können - im Gegensatz zur Ostsee übrigens, wo es weniger Wasseraustausch gibt. Das Wasser verwirbelt also die Strahlengefahr, weil es strahlende Partikel in den Weiten des Ozeans verteilt. Problematisch, so scheint es zumindest jetzt, könnte die Lage bestenfalls in unmittelbarer Nähe des Kraftwerks werden. Kurzfristig könne es dort zu höheren Strahlenbelastungen kommen, wenn Regen die radioaktive Wolke auswasche, sagt Rieth. Die Partikel würden durch die Strömung aber schnell verteilt.

"Das Meiste wird sehr nahe beim Reaktor bleiben"

Messbar wird die Belastung freilich sein: "Kleinstlebewesen könnten natürlich Cäsium aufnehmen und in die Nahrungskette eintragen." Die Organismen bauen das strahlende Isotop anstelle von Kalium in ihren Körper ein. Doch auch wenn die radioaktiven Substanzen nach dem Plankton später auch in Muscheln und Algen nachweisbar sein dürften, geht der Forscher nicht von einer großflächigen Belastung aus: "Das Meiste wird sehr nahe beim Reaktor bleiben."

Die Hinterlassenschaften der jahrzehntelangen oberirdischen Atomtests hätten einen größeren Einfluss auf die Belastung der weltweiten Meeresumwelt als Fukushima, gibt sich der Fisch-Experte sicher. Außerdem habe der Tsunami Aquakulturanlagen für potentiell gefährdete Algen und Muscheln in der Region zerstört. Die Region südlich des Meilers sei vergleichsweise gut geschützt durch nordwärts fließende Meeresströmungen. Und weiter draußen sei die Konzentration strahlender Teilchen sehr niedrig.

Und dann ist da noch die verschwindend geringe Menge Fisch, die hierzulande überhaupt aus Japan stammt. Von 1,2 Millionen Tonnen Fanggewicht, die nach Deutschland importiert würden, kommen genau 76 Tonnen aus dem gebeutelten Inselreich. Das sagt jedenfalls das Fisch-Informationszentrum. Das Verbraucherschutzministerium wiederum stellt 60 Tonnen aus Japan gegen 900.000 Tonnen aus aller Welt. Und auch wenn sich die Zahlen leicht unterscheiden, das Verhältnis dürfte zumindest klar machen: Fisch aus Japan ist ein absolutes Nischenprodukt. Vermutlich haben die meisten Verbraucher in Deutschland noch nie welchen gegessen.

Was ist aber mit dem Pazifischen Pollack? Wenn Ihnen dieser Name nichts sagt: Sie kennen den Fisch aus der Werbung vermutlich eher als Alaska-Seelachs. Er gehört zu den beliebtesten Speisefischen der Deutschen - auch wenn Umweltschützer ihn wegen vermeintlich gefährdeter Bestände ungern auf dem Teller sehen. Der Pazifische Pollack wird im Nördlichen Pazifik gefangen, vor allem von russischen Trawlern. Könnte dieser Fisch nicht belastet sein?

Die Erkenntnisse von Ulrich Rieth lassen das nicht vermuten. Doch was wäre, wenn? Bei der Fischindustrie geht man nach eigenem Bekunden davon aus, dass russische Behörden eine radioaktive Belastung erkennen würden. "Die Russen machen ein umfassendes Monitoring der Fische und des Wassers. Die haben das auf dem Schirm", beteuert Matthias Keller vom Fisch-Informationszentrum.

Interessant wird es in vier bis fünf Wochen. Dann kehren die ersten russischen Schiffe in den Hafen von Wladiwostok zurück, die sich jetzt im nördlichen Pazifik aufhalten. Beim Anladen des Fangs sollten dann Proben genommen werden, bevor die Tiefkühlfische über das südkoreanische Pusan nach Europa geschippert werden. Der Zoll in Deutschland hat sich auch schon mal bereit gemacht. Zuvor hatte die EU-Kommission ihre Mitgliedstaaten zu Kontrollen aufgefordert. Vor allem wohl, um die Menschen zu beruhigen.

Auch das Thünen-Institut beobachtet die Lage "weiterhin sehr aufmerksam", wie es in einer Pressemitteilung heißt. Sie verweist auch auf das IMIS genannte Messsystem, das in Deutschland nach dem Unglück von Tschernobyl eingerichtet wurde. Darin werden auch die Messdaten der Lebensmittelüberwachung eingespeist. "Es ist auf keinen Fall ein globales Problem", sagt Fisch-Forscher Rieth.

Mit Material von dpa
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