Nahtoderfahrungen Liebe Leserin, lieber Leser,


mein Leben hatte kaum begonnen, da war es auch beinahe schon wieder vorbei. Irgendwann im Laufe des Jahres 1971 widerfuhr mir, was zum Schrecken ihrer Eltern offenbar mehr Säuglingen passiert, als man denkt: Ich fiel vom Wickeltisch. Was danach geschah, darüber habe ich nur lückenhafte Informationen, die allerhand Fragen aufwerfen.

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Heft 35/2019
Klischee und Wirklichkeit: Wie der Osten tickt - und warum er anders wählt

Meine Mutter berichtete, meine Atmung habe ausgesetzt und ich sei blau angelaufen. Sie habe mich dann unter kaltes Wasser gehalten, was mich offenbar wiederbelebte. Ein herbeigerufener Rettungswagen brachte mich ins Krankenhaus. Die niederschmetternde Diagnose dort lautete: "klinisch tot".

Klinisch tot bedeutet, dass der Herzschlag und die Atmung ausgesetzt haben. Was mich wieder ins Leben zurückgeholt hat, weiß ich nicht. War es der Stromstoß eines Defibrillators? Diese Geräte sind heutzutage teils sogar an öffentlichen Plätzen zugänglich, doch ob ein Dortmunder Provinzkrankenhaus damals darauf Zugriff hatte, daran habe ich Zweifel. Womöglich war es eine von einem fachkundigen Arzt von Hand durchgeführte Herz-Lungen-Wiederbelebung, der ich mein Leben verdanke.

Beide Methoden der Wiederbelebung waren jedenfalls zum damaligen Zeitpunkt erst seit gut einem Jahrzehnt verfügbar. Zuvor bedeutete die Diagnose Herzstillstand den sicheren Tod. Nun konnte sie der Beginn eines neuen Anfangs sein. An genau dieser Schnittstelle von Leben und Tod beginnt die Forschung des Kardiologen Sam Parnia vom Weill Cornell Medical College in New York City.

Wohl kaum ein Forscher vor ihm sammelte derart viele Daten, die über jenen Moment Auskunft geben, in dem wir sterben und doch noch immer leben. Rund 20 Prozent aller klinisch Toten und erfolgreich Wiederbelebten berichteten etwa hinterher, dass sie heftige Aktivität von Ärzten und Krankenschwestern um sich herum wahrgenommen hätten - obwohl sie sich nicht bewegen konnten. Einige Betroffene behaupten sogar, sie hätten die Verkündung ihres eigenen Todeszeitpunkts mitbekommen.

Kardiologe Sam Parnia
ULI SEIT/ The New York Times /Redu /Redux /laif

Kardiologe Sam Parnia

Experimente mit Ratten bestätigen anscheinend, was Parnia von seinen wieder ins Leben zurückgeholten Patienten erfahren hat. Im Labor wurden die Nager in eine künstliche Nahtoderfahrung versetzt. Gleichzeitig wurden die Hirnströme der Tiere gemessen. Zur Verblüffung der Forscher sank die Hirnaktivität nicht ab, sondern nahm offenbar deutlich zu.

Viele Menschen, die eine Nahtoderfahrung gemacht haben, beschreiben eine ähnliche Erfahrung: Sie schritten durch einen Tunnel in Richtung auf ein gleißendes Licht zu; andere wollen sich gar von oben selbst beim Sterben zugesehen haben. Nicht selten deuten die Betroffenen dieses Erlebnis als Beleg für ein Leben nach dem Tod; manche erkennen darin gar eine göttliche Offenbarung. Sam Parnias Sicht ist wissenschaftlich nüchterner, aber nicht minder spektakulär: Demnach ist unser Gehirn nach unserem Ableben deutlich aktiver als bisher angenommen.

Auffällig sei indes, dass die meisten Menschen mit Nahtoderfahrung eine besondere Eigenschaft teilten, meint der Wissenschaftler: Sie verwandelten sich nach diesem Erlebnis in positivere und selbstlosere Wesen, die eher als vorher bereit seien, anderen zu helfen.

Ich selbst habe nicht die blasseste Erinnerung an meine Nahtoderfahrung als Säugling. Die von Parnia beschriebenen Eigenschaften nehme ich natürlich trotzdem gern für mich in Anspruch.

Herzliche Grüße

Frank Thadeusz

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insgesamt 46 Beiträge
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Seite 1
proffessor_hugo 24.08.2019
1.
Natürlich bleiben die Elementarteilchen bestehen und werden wieder in andere Entitäten eingebaut....
Jor_El 24.08.2019
2. Nahtod ist nicht Tod
Eine Nahtoderfahrung ist also kein Indiz für ein angebliches Leben nach dem Tod. Tod ist erst dann tod, wenn auch im Gehirn keine Aktivitäten mehr vorhanden sind. Nahtoderfahrungen sind vielmehr eine Vielzahl an Illusionen, hervorgerufen durch absterbende Gehirnzellen. In diesem Zustand wird die körpereigene Droge DMT ausgeschüttet, die auch bei Zugabe bei gesunden Versuchspersonen Nahtoderfahrungen auslöst. Versucht hier etwa SPON mit Esotherikspinnereien das Sommerloch zu füllen?
doh! 24.08.2019
3. Nahtoderfahrungen: Ist der klinische Tod wirklich das Ende?
wäre die korrekte Überschrift.
noalk 24.08.2019
4. Mit 300 Knochen geboren
Mit 206 gestorben. Was ist mit den verschwundenen 94 Knochen passiert? Zusammengewachsen? Verdaut?
dieter-ploetze 24.08.2019
5. tot ist tot, aber noch nicht ganz. oder doch?
dass nun die hirnstroeme nach herzstillstand einige (kurze) zeit verstaerkt impulse ausloesen, ist nun keine so bahnbrechend neue erkenntnis und irgendwie sogar verstaendlich. es ist aehnlich dem absturz von grosser hoehe, da wird von ueberlebenden auch berichtet, wie das hirn verstaerkt auf diese situation reagiert. da laeuft in sekundenbruchteilen das gelebte leben vorbei. jedenfalls ist damit keine aussage ueber leben nach dem tode begruendbar. das leben mit oder ohne ende wird immer eine sache des glaubens bleiben.
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