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Geschichte Leichenschänderei für die Zuckerindustrie

aus DER SPIEGEL 35/2022

Am 18. Juni 1815 erlitt Napoleon Bonaparte bei der Schlacht unweit eines kleinen Ortes namens Waterloo im heutigen Belgien eine historische Niederlage, mehr als 20.000 Soldaten kamen um. Wo deren Überreste geblieben sind, stellte Archäologen und Historiker bisher vor ein Rätsel. Obwohl Ausgräber die Schlachtfelder erschlossen, fanden Forscher bisher nicht mehr als zwei Skelette. Die Historiker Bernard Wilkin, Robin Schäfer und der britische Archäologe Tony Pollard wollen dem Verbleib der Gefallenen jetzt auf die Spur gekommen sein. Wie sie in einem Bericht schreiben, der dem SPIEGEL vorliegt, wurde die Totenruhe bereits einige Jahre nach der Schlacht von Grabräubern gestört, die es auf die Gebeine abgesehen hatten. Diese ließen sich gut zu Geld machen.

Bereits kürzlich hatte Pollard in einer anderen Studie beschrieben, dass aus den Knochen phosphatreiches Mehl hergestellt wurde, das man als Dünger verwendete. Nun haben die Forscher noch eine weitere Verwendungsmöglichkeit aufgespürt: Die zermahlenen Knochen wurden in der aufkommenden Zuckerindustrie verwendet. »Der Bedarf an Knochen war in der Region ab den 1830er-Jahren groß, auch aufgrund der boomenden Zuckerrübenfabriken«, so Mitautor Schäfer. Um weißen Zucker herzustellen, musste der eingekochte Saft der Zuckerrüben gefiltert werden. 1811 entdeckte man, das sich mit granulierter Knochenkohle bessere Ergebnisse erzielen ließen. Auf der Basis von Rinderknochen wird das Verfahren teils bis heute angewendet, beispielsweise bei Zuckerherstellern in den USA.

Die Autoren berichten von einem Knochenhandel, der damals weit über die Grenzen Belgiens auch in anderen Teilen Europas betrieben wurde. Die in vielen Regionen entstehenden Knochenmühlen verwendeten offiziell nur Tierknochen. Aber als Nachfrage und Preise explodierten, schauten manche Lieferanten offenbar nicht mehr so genau hin. Das Schlachtfeld von Waterloo war dabei eine willkommene Quelle, bereits 1834 wurde ein Bericht über illegal gegrabene Felder an den Untersuchungsrichter des Städtchens Nivelles gesandt. Tatsächlich dürfte die Region von der Leichenschänderei erheblich profitiert haben. Insgesamt handelte es sich bei den Überresten von Mensch und Pferd um schätzungsweise mindestens 1700 Tonnen Knochen, haben die Forscher errechnet. »Damit hätte man damals fast 240.000 Franc verdienen können – ein gigantisches Vermögen«, so Schäfer.

joe
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