"KOI 7711" Außerirdische haben neue Adresse

Astronomen haben eine neue Adresse genannt, wo es fremdes Leben geben könnte. Außerdem in den Wissenschaftsnachrichten: Folgen der Waffenbesessenheit, Kunst der Navigation - und eine beeindruckende Forscherkarriere.

Künstlerische Darstellung eines fremden Sonnensystems.
NASA/ JPL-Caltech

Künstlerische Darstellung eines fremden Sonnensystems.

Aus Boston berichtet


  • DER SPIEGEL/ Rick Friedman
    Johann Grolle berichtet als Korrespondent für den SPIEGEL aus Boston. "Das ist die Welthauptstadt der Wissenschaft", sagt der langjährige Leiter des SPIEGEL-Ressorts Wissenschaft/Technik. An dieser Stelle schreibt er, was Forscher am MIT, der Harvard University und anderswo in den USA bewegt.

+++ Das Nicht-Gesundheitsgesetz +++

In Amerikas Krankenhäusern gibt es derzeit vor allem ein Thema: Was wird aus Obamas Gesundheitsreform? Oder genauer gesagt: Was wird die republikanische Re-Reform bringen? Der Senatsentwurf, der jetzt vorliegt, läuft unter dem Namen "Better Care Act". Den hätte selbst Orwell nicht treffender wählen können. Denn wenn eines klar ist, dann das: Ziel dieses Entwurfs ist es, schlechtere Versorgung für mehr Geld zu gewähren.

Diesmal geht es in Washington nicht um einen von Trumps verrückten Tweets. Es geht um das Kernanliegen der Republikaner: um das Zurückstutzen des - in Amerika ohnehin schwachen - Sozialstaats. Der "Better Care Act" ist kein Gesundheitsgesetz, er ist ein Gesetz zur Senkung von Steuern. Eine Billion Dollar: Das ist der Betrag, um den der Senatsentwurf die Zuwendungen für den Gesundheitsversorger Medicaid im Verlauf der nächsten zehn Jahre kürzen will. Das entspricht knapp drei Bundestagshaushalten.

Den Nutzen hat der Steuerzahler. Doch nicht alle profitieren. Gesenkt wird die Steuerlast für Investoren, Krankenversicherungen, medizinische Geräteindustrie - und für die Reichen. Der Durchschnittsamerikaner spürt nichts von den Steuerkürzungen. Wenn dieser Entwurf Gesetz wird, steht Amerika die vielleicht größte Umverteilung von Wohlstand seiner Geschichte bevor - von unten nach oben.

+++ Die Folgen der Waffenbesessenheit +++

Leana Wen klagt an: Der OP sei in vielen Großstädten zum Kriegsgebiet geworden, schreibt die Notfallmedizinerin aus Baltimore in der "New York Times". Alltäglich sieht sie in der Ambulanz, welche Folgen die Schusswaffen-Besessenheit der Amerikaner hat. Am schlimmsten sei es, wenn die Opfer von Sturmgewehrmunition getroffen werden, die im Körper zersplittert und explodiert: "Diese Kugeln pulverisieren Knochen, sie zerfetzen Blutgefäße, sie verflüssigen Organe."

Junge auf einer Waffenmesse in Houston
AP

Junge auf einer Waffenmesse in Houston

Verzweifelt erinnert sich Wen an einen 15-Jährigen, den sie schreiend in die Notaufnahme schoben. "Das wird schon", habe ihn die Schwester getröstet. Dann erst sahen die Ärzte, dass im Rücken des Jungen eine Grapefruit-große Austrittswunde klaffte. In seinem Körper war ein Sprengsatz explodiert, die Milz war zerstört, die Aorta zerrissen. Ohnmächtig musste Wen zusehen, wie er starb.

"Das ist die beabsichtigte Wirkung von Sturmgewehren", erklärt die Ärztin mit wenig verhohlener Wut. Diese Art von Verwüstungen machten die Verletzungen nach Amokläufen wie in Orlando, San Bernardino oder Newton so verheerend. "Wir machen unseren Job gut", meint Wen. Doch was könnten Ärzte schon ausrichten, "wenn unsere Gesellschaft Werkzeuge zur totalen körperlichen Zerstörung für normal erklärt?"

+++ Die Kunst der Wellennavigation +++

Eine faszinierende Veranstaltung an der Harvard-Universität: Drei Forscher - ein Physiker, ein Anthropologe und ein Ozeanologe - befragen Alson Kelen, wie er auf hoher See den Weg findet. Am besten, sagt der, gehe es nachts, wenn die Augen ihm nichts Trügerisches vorgaukeln. Denn um zu wissen, wo er ist, muss Kelen die Wellen spüren.

Die drei Wissenschaftler interessieren sich für ihn, weil er zu den wenigen gehört, die die Kunst der Wellennavigation noch beherrschen. Einst war dieses Können in Kelens Heimat, den pazifischen Marshallinseln, weit verbreitet. Um den Weg von einem Atoll zum anderen zu finden, orientierten sich die Seefahrer an den Wellen. Von weit her anrollend brechen sich diese und bilden zwischen den verstreuten Marshallinseln ein stabiles Muster, das den Kundigen den Weg weist.

Auf der Insel Rongelap gab es einst eine Schule, wo Steuerleute das Navigieren nach den Wellen lernten. Doch dann zündeten die Amerikaner eine Wasserstoffbombe, die Insel wurde evakuiert, die Schule ging verloren. Nun versuchen die drei Forscher, das verschüttete Wissen wiederzubeleben. Vielleicht gelingt es ihnen, und sie können diese Jahrhunderte alte Kulturtechnik noch vor dem Untergang bewahren.

Alson Kelen (vorne) auf einem Kanu
AFP

Alson Kelen (vorne) auf einem Kanu

+++ Hirnforschung gegen Nierenerkrankungen +++

Eine ganz andere Geschichte, die ebenfalls vom Nutzen interdisziplinärer Forschung handelt, erzählt von Anna Greka. Die Medizinerin vom MIT ist in Thessaloniki aufgewachsen. Ihr Vater war Arzt, ein Nierenexperte. Über ihn lernte sie George kennen, einen Gleichaltrigen, der unter dem "nephrotischen Syndrom" litt. Regelmäßig musste er an die Dialyse, dann bekam er eine neue Niere. Trotzdem starb George mit 22.

Greka ging nach Harvard und studierte dort Medizin. Sie wusste nur eines: Nierenarzt wollte sie nicht werden, das war das Terrain ihres Vaters. Greka ging in die Hirnforschung, wo sie ein Molekül namens Rec1 untersuchte - bis zu jenem Augenblick, als ihr zufällig ein Fachartikel über die Niere in die Hände geriet. Rec1, so hieß es da, spiele eine Schlüsselrolle im Krankheitsgeschehen des nephrotischen Syndroms.

Nun ist Greka doch Nierenärztin geworden. Sie versucht, ihre Kenntnisse aus der Hirnforschung zu nutzen, um eine Therapie für Menschen wie George zu finden. Im Mausversuch zumindest ist ihr das bereits gelungen.

+++ John F. Kennedys Raumfahrtpläne +++

Das Quartier nördlich des MIT zählt zum begehrtesten Baugrund der USA. Rund um den "Tech Square" brodelt eine Szene hipper Biotech- und IT-Gründer. Umso erstaunlicher, dass ausgerechnet hier noch ein knapp sechs Hektar großes Gelände weitgehend brach liegt. Jetzt hat das MIT es der US-Regierung für 750 Millionen Dollar abgekauft, um dort neue Büros, Läden und Labors, aber auch mehr als 1000 Wohnungen zu schaffen. Ziel ist es, der boomenden doch sterilen Gegend ein lebendigeres Gesicht zu geben.

Dass inmitten des Universitätsstädtchens Cambridge eine solche Ödnis klafft, ist der Ermordung John F. Kennedys zuzuschreiben. Der Präsident, der aus Massachusetts stammte und in Harvard studiert hatte, wollte das Nasa-Kontrollzentrum für sein Apollo-Programm in Cambridge einrichten. Das Land dafür war bereits gekauft und planiert.

Kennedys Nachfolger Lyndon Johnson jedoch war Texaner, er verfügte den Umzug nach Houston. Das heißt: Hätte Lee Harvey Oswald nicht jene verhängnisvollen Schüsse in Dallas abgegeben, würde heute der berühmteste Notruf der Raumfahrtgeschichte lauten: "Cambridge, wir haben ein Problem."

+++ Neue Adresse für Außerirdische +++

Apropos Raumfahrt: Es scheint, als hätten die Außerirdischen wieder einmal die Adresse gewechselt. Erst wohnten sie auf Tau Ceti e. Dann sind sie auf den Planeten Kepler 452 b umgezogen. Zwischendrin wurden sie auch im System TRAPPIST 1 verortet. Jetzt haben die Astronomen der Nasa eine neue Adresse bekannt gegeben. Sie lautet KOI 7711.

Das Kürzel steht für "Kepler Object of Interest". Soll heißen: Unter allen Entdeckungen des Kepler-Satellits, der einige Jahre lang ein winziges Himmelsfleckchen auf Planeten hin durchforstet hat, verdient der Eintrag unter der Ziffer 7711 besondere Aufmerksamkeit.

Unter dieser Nummer nämlich wird ein Stern geführt, der fast genau so groß, hell und heiß ist wie unsere Sonne. Um diesen Stern wiederum zieht ein Planet seine Kreise, der unserer Erde gleicht. Das Jahr dauert dort zwar nur 302 Tage, der Äquator ist dafür um rund 10.000 Kilometer länger, aber das sind unerhebliche Unterschiede. Viel wichtiger ist: Es scheint, dass es auf diesem Planeten flüssiges Wasser geben könnte.

Falls Menschen also je interstellare Reisen antreten, sollten sie als Ziel vielleicht KOI 7711 ins Auge fassen.

insgesamt 28 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
Nobody X 26.06.2017
1. Neue Adresse für Außerirdische -
- sehr interessant. Aber ich habe im Beitrag keinen Hinweis auf die Entfernung gefunden - oder wird das als Allgemeinbildung vorausgesetzt? Wieviele Jahrhunderte wird es denn voraussichtlich dauern, bis Menschen dort ankommen?
floersche 26.06.2017
2.
Jahrhunderte? MIt der aktuellen Antriebstechnologie dauert die Reise bis zum Mond etwa 3 Tage bei rd. 400.000 km Entfernung. Alpha Centaurio als nächster Stern ist ca. 4 Lichtjahre von der Erde entfernt. Eine Reise dorthin würde Stand aktueller Technik also (300.000 km/sek * 60 * 60 * 365 *4 = 37.843.200.000.000km. 4 LJ/ 133.333 km /Tag = 283.824.000 Tage / 365) rd. 777.600 Jahre dauern....... Fliegt schon mal los. Ich komme nach.
Tiananmen 26.06.2017
3. Die nächste Sau...
Die nächste Sau, die durchs Dorf getrieben wird (als Erde-Ersatz). Und der werden noch viele, viel folgen. In diese bemerkenswerten Boston-Columne ist halt alles ganz amerikanisch: sensationell, schnell und substanzlos. Schon am 21.06.2017 meldete Spektrum.de unter der Überschrift: "1000 neue Welten, aber keine zweite Erde" folgendes: Die größte Ähnlichkeit weist ein am Montag bekannt gegebener Planetenkandidat namens KOI 7711.01 auf, dessen Existenz den Forschern zufolge allerdings erst zu 90 Prozent gesichert(!) ist. KOI 7711.01 hätte einen um 30 Prozent größeren Durchmesser als unsere Heimat und würde seinen Stern alle 305 Tage einmal umrunden. Eine echte "Zwillingserde" ist der mutmaßliche Planet damit nicht. Ich würde mit dem Umziehen also warten. Womöglich ist am Ende der Reise sonst: nichts?
tommirf 26.06.2017
4. "Better Care Act"
... Einsparungen von einer Billon .... echt? 1000 Milliarden? Die Zahl kann eigentlch nicht stimmen. eine Milliarde ( ungenaue Recherche und / oder ungenaue Übersetzung angenommen ) ist sicher viel zu wenig, und 1000 Milliarden sind sicher zu viel. Quelle? Am Ende Zahlen aus dem Internet...?
querulant_99 26.06.2017
5.
Ich reise erst dorthin, wenn sichergestellt ist, dass dort mobiles Internet verfügbar ist. Sonst wird's mir zu langweilig. :-)
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2017
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.