Nationalsozialismus Vitaminschub für den Volkskörper

Die Soldaten an der Front bekamen "V-Drops", die Waffen-SS Vitamin C aus Gladiolen - und Hausfrauen sollten Hagebutten einkochen: Die Nationalsozialisten waren fasziniert von Vitaminen. So schufen sie den ersten Massenmarkt für die Nährstoffe.
Aufmarsch der Deutschen Arbeitsfront: Vitaminpräparate für Schwerstarbeiter

Aufmarsch der Deutschen Arbeitsfront: Vitaminpräparate für Schwerstarbeiter

Foto: Hulton Archive/ Getty Images

Die Nazis waren begeisterte Vitaminanhänger. Die erst wenige Jahre zuvor entdeckten lebenswichtigen Stoffe sollten, so die damalige Ideologie, "den Volkskörper von innen stärken", berichtet der Historiker Heiko Stoff. "Die Nationalsozialisten waren überzeugt davon, dass der Erste Weltkrieg auch deshalb verloren wurde, weil die Bevölkerung durch Mangelernährung geschwächt war. Ein zweites Mal sollte das nicht passieren."

Ende März erscheint Stoffs Habilitationsschrift über die Geschichte der Wirkstoffe, in der sich der Pharmazie-Historiker von der Universität Braunschweig auch mit der Vitamin-Begeisterung im "Dritten Reich" befasst. So verteilte das NS-Regime seit 1940 Vitaminpräparate an ausgewählte Bevölkerungsgruppen, vor allem an Säuglinge, Kinder, Mütter, Schwerstarbeiter und Soldaten. Die "Vitamin-Aktionen" sollten die Fürsorge des nationalsozialistischen Wohlfahrtsstaats unterstreichen, sagt Stoff. Die "Deutsche Arbeitsfront" organisierte die Versorgung der Werktätigen, vor allem in der Rüstungsindustrie, mit Vitamin C.

Daneben gab es mehrfach Vitamin-Aktionen an Schulen, bei denen Schülern beispielsweise Vitamin C in Form von sogenanntem Cebionzucker verabreicht wurde. Unter Heinrich Himmler, der für jegliche Naturmedizin zu haben war, organisierte die SS im KZ Dachau ein eigenes Forschungsprojekt zu Vitamin C. Die Fragen drehten sich vor allem darum, wie hoch der genaue Vitaminbedarf eines Menschen ist, welche Nahrungsmittel am vitaminreichsten sind und welche Ersatzprodukte es gibt.

"Hausfrau, verwerte die Hagebutte!"

Ende der Dreißiger Jahre wurden dazu bisher wenig genutzte einheimische Pflanzen wie die Hagebutte ins Visier genommen. Die Reichsarbeitsgemeinschaft für Volksernährung organisierte kurz nach Kriegsbeginn die vollständige Erfassung der Hagebutten. Unter dem flammenden Aufruf "Hausfrau, verwerte die Hagebutte!", sollten die Frauen die vitaminreichen Früchte bei jeder Gelegenheit sammeln und zu einem Brotaufstrich verarbeiten. Das Oberkommando der Kriegsmarine organisierte 40 Tonnen frische Hagebutten aus der Slowakei, die dann gemischt mit 40 Tonnen getrockneter bulgarischer Hagebutte zu einem Konzentrat verarbeitet und an die Wehrmacht geliefert wurde. Später wurden Sanddornbeeren, Walnüsse und Fichtennadeln als Vitaminspender genommen. Die SS organisierte ein Projekt, bei dem sogar aus Gladiolen Vitamin C extrahiert wurde, das allein den Soldaten der Waffen-SS zugute kommen sollte.

Die vielfältigen Anstrengungen zeigten offenbar ihre Wirkung: Das Reichsgesundheitsamt stellte mitten im Krieg 1942 zufrieden fest, dass dank der Ernährungs- und Wirkstoffe der Gesundheits- und Leistungsstand des deutschen Volkes nicht geschmälert worden sei. Die Wehrmacht errechnete zu Beginn des Zweiten Weltkriegs einen monatlichen Bedarf von 1,5 Tonnen Vitamin C für ihre Soldaten. Die Männer an der Front erhielten unter anderem so genannte V-Drops, Vitamin-Bonbons, die ihre Abwehrkräfte stärken sollten.

Etwas Hokuspokus machen

Noch 1944 orderte die Wehrmacht 200 Tonnen Vitamin C, davon 65 aus der neutralen Schweiz vom Pharmakonzern Roche, wie der Schweizer Historiker Beat Bächi in seinem Buch "Vitamin C für alle" berichtet. Doch selbst beim Pharmakonzern Roche, der 1934 als erste Firma mit der synthetischen Produktion von Vitamin C begann, bestanden von Anfang an Zweifel, ob dieses Vitamin wirklich jemand braucht. Klar, es kann Seefahrer vor Skorbut bewahren. Aber ein Massenmarkt versprach sich der Pharmakonzern davon zunächst nicht.

Noch 1936 berichteten Roche-Mitarbeiter, dass die Spezialisten unter den Ärzten die Vitamin-Therapie schlicht ablehnten, 80 Prozent würden über den "Vitamin-Fimmel" sogar lachen. In einem firmeninternen Schreiben hieß es damals, dass zunächst "überhaupt erst das Bedürfnis" nach Vitaminen geschaffen werden müsse. Regelmäßig werde Vitamin C nur eingenommen, "wenn etwas Hokuspokus gemacht" werde.

Zum Glück für Roche waren in Deutschland die Nazis an der Macht - die auf genau diesen Hokuspokus abfuhren.

Anmerkung der Redaktion: Heiko Stoffs Arbeit war in einer früheren Version dieses Artikels als Doktorarbeit aufgeführt. Es handelt sich jedoch um seine Habilitationsschrift. Wir bitten, den Fehler zu entschuldigen.