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Blass, blond, blauäugig: Der Neandertaler, ein Proto-Europäer

Foto: A9999 Kurt Finstermeier/ dpa

Evolution des Menschen Harte Zeiten für Rassisten

Was definiert den Menschen, was macht uns besonders? Der Abgleich unseres Genoms mit dem der Neandertaler liefert ständig neue Erkenntnisse. Das neue Wissen wird unser Selbstbild verändern. Gut so: Das macht es immer schwerer, Rassist zu sein.

Der Skandinavier V. gehört zu den schillerndsten Figuren der rechtsradikalen Szene. Rund eineinhalb Jahrzehnte saß er wegen Mordes hinter Gittern. Zahlreiche Wirrköpfe hindert das nicht, seinen kruden Theorien zu folgen, die er per Internet verbreitet.

Seit einiger Zeit hat er eine Neue: Wir Europäer seien eigentlich Neandertaler. Das beweise, dass wir nicht von Schwarzafrikanern abstammten. Von deren Genom, phantasiert er in völliger Verdrehung der Fakten, fänden sich nur Spuren in unserem. Europäer seien nur zu "0,3 Prozent Homo sapiens". Der Rest: Neandertaler.

Solcher Unsinn muss selbst hartnäckigen Rassisten wehtun. Fast könnten sie einem leidtun: Bisher klangen ihre Abstammungmythen doch völlig anders. Seit jeher hatte die blond-blauäugige Fraktion - und nicht nur der Teil, der einem klitzekleinen, dunkelhaarigen Österreicher anhing - ihre Überlegenheitsphantasien mit einer imaginierten Höherwertigkeit der "kaukasischen Rasse" begründet. Ihr unfreiwilliger Kronzeuge: Charles Darwin.

Dessen Evolutionslehre interpretieren Rechte als Auslese per Verdrängung. Die Evolution, glauben sie, sorge für das Überleben des Stärkeren, der sich stets gegen den Schwächeren durchsetze. Nach dieser Logik müsste die Erde heute von tonnenschweren Dinosauriern beherrscht sein, weil vor 65 Millionen Jahren alle Kleinlebewesen ausstarben. Bekanntlich ist das Gegenteil der Fall.

Nun geht es den Ideologen nicht um Logik. Herrschaft wird mit dem "Überleben des Stärkeren"-Missverständnis aus sich selbst heraus begründet: Wer sich durchsetzt, ist der Bessere.

Und der Allerbeste sei natürlich der Europäer, von der Evolution im Kampf gegen die vor ihm in Europa hausenden Urmenschen (genau: Neandertaler) und widrige klimatische Verhältnisse nicht nur gestählt, sondern Wotan sei Dank auch gebleicht und blondiert. Der Neandertaler galt ihnen als von der Evolution verworfenes, vom europäischen Homo sapiens hinweggefegtes Auslaufmodell.

Out of Africa: Eine Botschaft der Gleichheit

Für diese Klientel war schon die Out-of-Africa-Theorie eine Zumutung. Die besagt, dass der Ursprung der Menschheit entlang des afrikanischen Grabenbruchs lag, von wo aus wir uns über die Welt verteilten. Unsere Urahnen waren demnach Schwarze. Eine bittere Pille für die, die ihre angebliche Höherwertigkeit aus ihrer Blässe definierten. Immerhin blieb ihnen der Trost, sich vorzustellen, sie seien das Produkt einer "Weiterentwicklung". Sapiens 2.0, sozusagen.

Seit 2010 wird das immer schwerer. Damals veröffentlichte die Forschergruppe um den Paläogenetiker Svante Pääbo vom Leipziger Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie erste Teile des Neandertaler-Genoms. Seitdem produziert diese mittlerweile weltweit betriebene Analyse fast im Wochentakt Wissenschaftsschlagzeilen.

Was wir so erfuhren:

  • Mindestens einmal kam es zu einem Genfluss zwischen Homo sapiens und neanderthalensis - sprich: zu einer Vermischung der Populationen;
  • Alle Menschen mit Ausnahme der Afrikaner südlich der Sahara tragen Gene von Neandertalern oder den eng verwandten Denisova-Menschen;
  • Der Prozentsatz dieses archaischen Erbguts variiert je nach Messung und Schätzung zwischen einem und sieben Prozent;
  • Weil wir aber nicht alle die gleichen Gene "durchgereicht" bekommen haben, sind insgesamt 20 bis 30 Prozent des Neandertaler-Erbguts noch in unseren heutigen Populationen zu finden (Schätzung: Pääbo).

Am schwersten zu schlucken ist für die Rechtsausleger aber, was uns die Neandertaler konkret vererbt haben. Denn während wir zwar zahlreiche variierende Gen-Schnipselchen erbten, haben wir einige davon alle gemein. Und zwar ausgerechnet die Gene, welche die phänotypischen Merkmale bestimmen, die europäischen Rassisten seit Jahrhunderten als definierende Merkmale des edlen Europäers galten: Helle Haut. Helles Haar. Blaue Augen.

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Genvarianten fürs Immunsystem: Neandertaler-Spuren im menschlichen Erbgut

Foto: Courtesy of Science/AAAS

Was für eine herrliche Pointe: Die Farbmerkmale der angeblich überlegenden Rasse entpuppen sich als Erbe einer ausgestorbenen Menschenart, die vor 30.000 Jahren aus der Welt fiel, weil sie nicht mehr hineinpasste. Und die einzig verbliebenen, "reinrassigen" Homo sapiens (wie die irren Rassentheoretiker der Nazis das genannt hätten) sind die Schwarzafrikaner.

Wenn uns unsere Verwandtschaft zum Neandertaler aber eines lehrt, dann ist es das: So etwas bedeutet nichts, es besitzt in sich keinen Wert, es macht niemanden besser oder schlechter. Es ist nur interessant - und es erteilt uns einmal mehr eine Lektion über Evolution.

Gene, schrieb einst der britische Biologe Richard Dawkins, seien "egoistisch": Sie setzen sich gegen andere Gene durch und werden weitergegeben, wenn sie für das Lebewesen in seinem Biotop vorteilhaft sind. Auf dem Weg in den lichtschwachen Norden war es für unsere schwarzafrikanischen Vorfahren von Vorteil, zu erblassen. Wir liehen uns diese Eigenschaft von Wesen, deren Zeit bald darauf abgelaufen war. Dass diese Vermischung möglich war, lag nur daran, dass beide Unterarten des Homo so eng verwandt waren.

Genau das ist und bleibt, was uns Menschen auszeichnet: Unsere enge, unlösbare Verwandtschaft miteinander. Wir alle sind Mischlinge mit Migrationshintergrund.

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